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08.07.2008

Fliegende Fäuste und springende Messer

Pfefferspray oder Butterfly – viele Jugendliche verlassen ihr Haus nicht mehr unbewaffnet. Und finden das ganz normal. Manche Waffen sollen der Notwehr dienen, andere dem Angriff. Polizeihauptkommissar Norbert Kreis aus Pforzheim weiß, wer auf Unruhe aus ist.

In Großbritannien sind die Gangs berüchtigt. Sie machen die Londoner Straßen unsicher, zetteln Auseinandersetzungen an, die in Messerstechereien ausarten, und sorgen dafür, dass sich viele Jugendliche nicht mehr ohne Waffe in der Tasche aus dem Haus wagen. Ende Mai gab das britische Innenministerium strengere Maßnahmen gegen die Jugendgewalt bekannt. Zwei Tage später sorgte ein neuer Fall für Furore: der 18-jährige Schauspieler Robert Knox („Harry Potter“) wurde im Streit um ein Handy mit einem Messerstich getötet.

An einer Bushaltestelle in Bretten wurden am vergangenen Sonntag zwei junge Männer schwer verletzt. Auch hier führte ein verbaler Streit zur Schlägerei, endeten Prügel im Angriff mit dem Messer. Früher schlug man mit der Faust zu, heute wird immer öfter das Messer gezückt, weiß der Pforzheimer Polizeihauptkommissar Norbert Kreis. Seine Erfahrung: Gruppen aus meist männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren machen sich einen Spaß daraus, zu provozieren – und wissen sich selbst stets gut bewaffnet.

„Das sind immer dieselben Gesichter“, erklärt Kreis. Er gehört zur Pforzheimer Fahndungs- und Ermittlungsgruppe „Gold“ und er kennt seine Pappenheimer: „Die wissen, wo etwas los ist und suchen den Ärger.“ Und allzu oft finden sie ihn auch.

Immerhin gehe auch im „relativ sicheren“ Pforzheim der Trend zur „Waffe to go“. Teils, weil die Jugendlichen Angriffe der pöbelnden Gruppen befürchten und sich im Notfall verteidigen wollen. Und teils, weil sie die Provokation selbst suchen. „Das geht ineinander über“, meint der Hauptkommissar. „Man bewaffnet sich, um zu reagieren, aber auch, um zu agieren.“

Waffen der Marke Notwehr sind in Frauen-Handtäschchen zu finden, oft auch bei harmlosen Joggern oder Spaziergängern. Die Waffen selbst, auch wenn sie eher selten zum Einsatz kommen, sind allerdings weit weniger harmlos. Pfefferspray zum Beispiel wird zwar ohne Altersbeschränkung verkauft, gilt aber als „Tierabwehrspray“ und darf dem Gesetz nach nicht gegen Menschen verwendet werden.

Noch ein „ganz anderes Gefährdungspozential“ jedoch, so Kreis, hätten die Waffen, die dem Angriff dienen. Schlagringe, Einhandmesser, Butterflys: Das meiste davon ist verboten. Seit April diesen Jahres dürfen die so genannten Einhandmesser nicht mehr mitgeführt werden. Zu den Jugendlichen sei das aber noch nicht durchgedrungen, meint Kreis. „Der Besitz eines Einhandmesser ist für viele nichts Besonderes mehr.“ Den meisten ist nicht einmal bewusst, dass es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit handelt. 15 Messer, fügt Kreis hinzu, hätten sie in den letzten drei Monaten bei Kontrollen einkassiert. Hört sich wenig an – doch die Dunkelziffer ist hoch.

„Klämmerle“, sagt er, „helfen, die Messer zu verstecken.“ Die Klappmesser werden in den Hosenbund gesteckt, in den Ärmel gestopft und warten in ihrem Versteck auf den Auftritt. Nur so fühlen sich viele junge Leute sicher, wenn sie abends ausgehen. Und ihre Eltern stimmen ihnen zu. „Die sagen: Mein Kind braucht eine Waffe, um auf sich aufzupassen“, meint Kreis.

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