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04.11.2009

Frauen studieren, aber Chefin werden sie nicht

PFORZHEIM. Junge Frauen machen das bessere Abitur und sind im Schnitt schneller fertig mit dem Studium. Die weiblichen Erstsemester haben ihren männlichen Kommilitonen an den Hochschulen zahlenmäßig längst den Rang abgelaufen. Trotzdem bleibt eins hartnäckig beim Alten: „Frauen kommen in oberen Positionen quasi nicht vor“, sagt Professor Jürgen Volkert von der Hochschule Pforzheim, der die berufliche Situation von Frauen für eine Studie der Bundesregierung untersucht hat.

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Frauen in Spitzenpositionen in großen Unternehmen oder wichtigen Wirtschaftsinstitutionen bleiben eine Seltenheit. Wirtschaft und Finanzen sind in Deutschland und der Europäischen Union immer noch weitgehend Männersache.

Kein einziges börsennotiertes deutsches Unternehmen wird von einer Frau geführt. In der Deutschen Zentralbank gibt es keine Frau, die an den wichtigsten Entscheidungsprozessen beteiligt ist und keine einzige Zentralbank in den EU-Mitgliedsstaaten wird von einer Frau geleitet. Das geht aus Zahlen der Europäischen Kommission in Brüssel hervor.

„Frauen kommen in oberen Positionen quasi nicht vor“, sagt Professor Jürgen Volkert von der Hochschule Pforzheim, der die berufliche Situation von Frauen für eine Studie der Bundesregierung untersucht hat.

Bis zum Ende des Studiums, so der Pforzheimer Professor Volkert, seien die Frauen ihren männlichen Kollegen gegenüber nicht im Nachteil, erst danach werde es schwierig. Inzwischen hätten Frauen an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten die Überhand gewonnen, auch der Großteil der Jurastudenten sei weiblich. Da genügt ein Blick in die Vorlesungen an der Hochschule Pforzheim. Aber: „Ein Teil der Frauen geht verloren beim Schritt in die Promotion, die entscheidenden Nachteile entstehen aber nach dem Studium“, sagt Volkert.

In der sogenannten mittleren Führungsebene ist in den 27 EU- Mitgliedsländern nur jeder vierte Posten von einer Frau besetzt, wie aus den Zahlen der EU-Kommission hervorgeht. In Deutschland sind zwar 30 Prozent der Chefs - also derjenigen, die in irgendeiner Form Führungspositionen bekleiden - Frauen. In wirklichen Spitzenpositionen ist aber kaum eine Frau zu finden. Je weiter es auf der Karriereleiter nach oben geht, desto dünner wird nach wie vor die Luft.

„Frauen stellen sich selbst irgendwann vor die Wahl - Kind oder Karriere“, sagt Volkert. Und selbst dann, wenn sie sich gegen Kinder entschieden hätten, seien sie für ihre Vorgesetzten immer noch ein Risikofaktor. Klassische Rollenmodelle seien, so der Pforzheimer Professor, in den Führungsetagen vieler europäischer Unternehmen noch weit verbreitet. „Hinter den Vorständen steht meist eine Frau, die nicht voll berufstätig ist und sich in erster Linie um die sozialen Kontakte ihres Mannes kümmert“, sagt Volkert. Die wenigen Frauen, die ganz oben mitmischten, hätten meist einen Partner, der ebenfalls im Spitzenmanagement ist und von dem wenig Unterstützung zu erwarten ist, sagt Volkert. Auch das könne ein Hindernisgrund sein.

Obwohl Männer in allen Ländern fest in den Chefsesseln sitzen, gibt es innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten große Unterschiede. Während sich die Frauenquote bei den Chefs in den meisten großen Staaten um die 30 Prozent einpendelt (in Frankreich ist sie mit 39 Prozent am höchsten), fallen Zypern (12 Prozent) und Malta (nur 10 Prozent) deutlich zurück. Zum Vergleich: In der Türkei liegt diese Quote sogar nur bei sechs Prozent. Nach Angaben Volkerts spielen kulturelle Unterschiede dabei eine Rolle. Besonders wichtig sei aber auch die Qualität der Kinderbetreuungsangebote in den jeweiligen Ländern.