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19.06.2008

Fußballbegeisterte Türken in einem steten Wechselbad der Gefühle

Die Fans der türkischen Nationalmannschaft gehen bei der Europameisterschaft bislang durch ein Wechselbad der Gefühle. Sie bangen und leiden fast immer die gesamte Spielzeit über, um dann am Ende doch noch zu triumphieren.

Erstes Spiel: Niederlage gegen Portugal. Zweites Spiel: 2:1-Sieg fast in letzter Minute gegen die Schweiz, nach einem 0:1-Rückstand. Drittes Spiel: Wieder ein Sieg fast in letzter Minute, dieses Mal aber ein 3:2 gegen Tschechien nach einem 0:2-Rückstand.

Aber für Deniz Sür, Besitzer des Pforzheimer „Café Livings“, steht fest: Das Siegen der türkischen Nationalelf geht weiter. 3:2 werden die Türken am Freitag gegen Kroatien gewinnen. Und weil Deniz Sür ein guter Gastgeber ist, tippt er für den Donnerstag auch gleich noch auf einen 2:1-Sieg der Deutschen gegen Portugal.

Erst mal einen Schluck "Havanna"

Dabei hat es beim Spiel gegen die Tschechen zunächst ganz und gar nicht gut ausgesehen. Es ist lange ruhig im „Café Livings“ an der Goldschmiedeschulstraße. Hauptsächlich türkische Fans, umgeben von roten Fahnen mit weißem Halbmond und Stern, zittern. Es droht ein vorzeitiges Aus ihrer Mannschaft. Doch dann fallen in einer Viertelstunde die drei entscheidenden Tore für die Türkei. Alle jubeln euphorisch, man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Deniz Sür, kurdischer Abstammung und Lounge-Besitzer, kann das Glück kaum fassen und nimmt einen kräftigen Schluck „Havanna“. „Den hab ich mir jetzt echt verdient.“

Freude über türkischen und deutschen EM-Titel

Der 28-Jährige hat die türkische Staatsangehörigkeit, ist jedoch in Deutschland geboren. „Ich würde mich freuen, wenn die Türken Europameister werden würden, genauso würde ich mich aber über einen Sieg der Deutschen freuen. Ich denke jedoch, dass im Finale die Türkei auf Holland treffen wird.“

Deniz Sür, dessen Begeisterung und Euphorie sich schon immer nur auf die Spiele bei Europa- und Weltmeisterschaften beschränkt hat, hat früher selbst Fußball gespielt und sogar ein Vertragsangebot in der Türkei bekommen. Da er damals noch nicht volljährig gewesen ist, kam eine Zusage nicht in Frage. Wer weiß, vielleicht wäre er heute Spieler der türkischen Nationalmannschaft?

In seinem „Café Livings“ sind alle Nationalitäten willkommen, jedes EM-Spiel wird übertragen. Und wenn zwei Spiele zur gleichen Zeit laufen? „Wir haben zwei Fernseher, auf jedem läuft dann eines der beiden Spiele“, sagt Deniz Sür.

Fußballverrückte Frauen

Seine Schwester Aynur Sür ist bei der Zusammensetzung des EM-Finales anderer Meinung. „Ich tippe darauf, dass es Deutschland ins Finale schaffen wird, da sie eigentlich sehr sauberes und faires Fußball spielen. Sie werden dann gegen Holland oder Spanien spielen müssen, da diese beiden Mannschaften sehr schöne Spiele absolviert haben. Ich würde mich für die Türkei und für Deutschland sehr freuen, schließlich habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit, bin aber in der Türkei geboren.“

Auch Aynur Sür ist eigentlich kein großer Fußball-Fan, aber bei der EM fiebert sie natürlich mit: „In unserer Familie wurde sehr selten Fußball geschaut, wir waren dafür auf allen Spielen von Deniz, um ihn anzufeuern. Türkische Frauen sind aber im Grunde sehr fußballbegeistert, in der Türkei sind sie fast verrückter als die Männer. Aber auch hier war beim Spiel gegen Tschechien die Hölle los, sehr viele Frauen haben bei uns den Einzug ins Viertelfinale gefeiert.“

Ob es für Aynur und Deniz Sür weiterhin Grund zum Feiern geben wird, stellt sich am Freitag beim Viertelfinalspiel gegen Kroatien heraus. Schon jetzt beschwören viele Türken Erinnerungen an die WM 2002 herauf, als mit einem 3:2-Sieg gegen Südkorea der dritte Platz erkämpft wurde – bislang der größte Triumph in der türkischen Fußballgeschichte.