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Rund 150 Menschen waren bei nasskaltem Wetter mit Schneefall zur Gedenkfeier an den 23. Februar 1945 an die Großgrabstätte auf den Hauptfriedhof gekommen. Neben Oberbürgermeister Gert Hager sprach die evangelische Dekanin Christiane Quincke und mahnte: „Nie mehr so etwas“. Foto: Ketterl
23.02.2016

Gedenkfeier auf Hauptfriedhof: Ort der Trauer als Zeichen der Hoffnung

Mehr als 17.000 Menschen haben am Abend des 23. Februar 1945 bei einem rund 20-minütigen Bombardement durch Flugzeuge der Royal Air Force den Tod in Pforzheim gefunden. „Was blieb war eine zerstörte Stadt und ein Leben in Trümmern und Not. Und in Angst vor dem, was wohl noch kommen würde. Das alte Pforzheim war untergegangen. Ein neues war nicht in Sicht“, sagte Oberbürgermeister Gert Hager am Dienstagnachmittag, am 71. Jahrestag des Infernos, bei der zentralen Gedenkfeier beim Ehrenkreuz der Großgrabstätte auf dem Hauptfriedhof.

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Auch wenn es nicht mehr Viele unter uns gebe, die diesen Schreckenstag miterleben mussten und ihn überlebt haben, sei doch in vielen Familien die Erinnerung an das schreckliche Geschehen lebendig. Und diese Erinnerung sei schmerzlich, so der OB. „Schmerzlich auch, weil wir wissen, was zu diesem 23. Februar geführt hat. Wir wissen, dass dieser Krieg, der im Februar 1945 auch unsere Stadt in der schrecklichsten Weise erreichte, von Deutschland ausgegangen ist. Von einem nationalsozialistischen Deutschland, das mit diesem Krieg millionenfachen Mord und Tod, Vertreibung und Elend verursacht und mit dem Holocaust ein Menschheitsverbrechen begangen hat, dessen Ausmaß all unsere Vorstellungskraft übersteigt.“

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Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Toleranz seien damals verloren gegangen. Dafür gelte es heute einzutreten, „in einer Welt, in der solche Grundwerte menschlichen Seins mit Füßen getreten werden“, mahnte Hager. Und weiter: „Gedenken braucht Orte und Zeichen. Das Ehrenkreuz ist Ort und Zeichen zugleich. Ein Ort der Trauer, um in der Nähe unserer Verstorbenen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass wir gemeinsam die Erinnerung bewahren wollen.“ Aber ebenso ein Zeichen, das an unsere Verantwortung für die Zukunft mahne, „an einem Ort, an dem wir sehen, wohin Diktatur und Menschenverachtung, Zerstörung und Mord geführt haben. In ganz Europa und zuletzt in unserer Stadt.“

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Auf ein „nie wieder“, so die evangelische Dekanin Christiane Quincke, hätten die Menschen gehofft. Und doch fliegen wieder Bomber über Städte und lassen ihre tödliche Fracht fallen. Kein Mensch habe es verdient, sein Leben unter Trümmersteinen zu beenden. „Und wenn heute Menschen in unsere Stadt kommen, die diesen Trümmern entfliehen, oder die nur noch entsetzen verspüren, dann wünsche ich uns, dass wir uns verbunden fühlen, dass wir sie willkommen heißen und ihnen ein sicheres Dach über dem Kopf geben. Weil wir in Pforzheim wissen, was es bedeutet, wenn es kein Dach mehr gibt.“

Warnung vor falscher Ideologie

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Dabei dürfe man, „nicht die Augen zumachen vor den Toten in Syrien, vor den Ertrunkenen im Mittelmeer, nicht vor dem Mob, der Flüchtlingen Angst einjagt. Nicht vor einer Ideologie, die wieder vom reinen Deutschland spricht. Denn wir wissen, was es bedeutet, wenn wir dieser Ideologie folgen.“ Daher appellierte die Dekanin: „Nie mehr so etwas.“

Delegationen aus der baskischen Partnerstadt Gernika und aus den Vogesen, von wo einst Zwangsarbeiter gekommen waren, nahmen an der von der Bläsergruppe der Feuerwehr Pforzheim umrahmten Gedenkfeier teil. Bei dieser wurde das Wandernagelkreuz, aus dem von Deutschen zerstörten Coventry als Zeichen der Versöhnung an die ökumenische Citykirche weitergereicht.

Die Ansprache von Oberbürgermeister Gert Hager

Wir haben uns heute wie jedes Jahr wieder hier versammelt, um all jener Menschen zu gedenken, die während des Luftangriffs vom 23. Februar 1945 ihr Leben verloren haben. Mehr als 17.500 Menschen fanden in dem gut 20-minütigen Bombardement der britischen Luftstreitkräfte den Tod: Pforzheimer Bürgerinnen und Bürger, Männer und Frauen, alte und junge, Kinder und Greise, Nationalsozialisten und Parteigenossen, Anhänger und Gegner des Regimes. Zu den Toten zählen auch in der Stadt anwesende Kriegsgefangene, Durchreisende, Soldaten, Flüchtlinge und viele Zwangsarbeiter, die aus ihrer Heimat verschleppt und hier zum Arbeiten gezwungen worden waren.

Wir wissen nicht einmal exakt, wie viele Menschen es genau waren, die an diesem Tag getötet wurden. Von vielen wissen wir wenig oder nichts. Wir wissen nicht, wer sie waren; wir kennen nicht einmal bei allen ihren Namen. Als namenlose Opfer sind sie ihrer letzten Würde noch im Tod beraubt.

Was blieb, war eine zerstörte Stadt und ein Leben in Trümmern und Not ‑ und in Angst vor dem, was wohl noch kommen würde. Das alte Pforzheim war untergegangen. Ein neues war nicht in Sicht.

Daran wollen wir uns heute erinnern.

Diese Erinnerung ist schmerzlich. Schmerzlich, weil so viele von Ihnen, liebe Pforzheimerinnen und Pforzheimer, die Sie heute hierhergekommen sind, selbst Familienangehörige und Freunde verloren haben. Und wenn es auch nicht mehr viele unter uns gibt, die diesen Schreckenstag selbst miterleben mussten und überlebt haben, so ist doch in so vielen Familien in unserer Stadt die Erinnerung an das Geschehen lebendig und wichtiger Teil des Familiengedächtnisses. Diese schreckliche Erfahrung wurde weitergegeben.

Diese Erinnerung ist schmerzlich.

Schmerzlich auch, weil wir wissen, was zu diesem 23. Februar geführt hat. Wir wissen, was diesem Tag vorausgegangen ist. Wir wissen, dass dieser Krieg, der im Februar 1945 auch unsere Stadt in der schrecklichsten Weise erreicht hat, von Deutschland ausgegangen ist. Von einem nationalsozialistischen Deutschland, das mit diesem Krieg millionenfachen Mord und Tod, Vertreibung und Elend verursacht hat und mit dem Holocaust ein Menschheitsverbrechen begangen hat, dessen Ausmaß all unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Darum tun wir uns immer schwer mit dem Gedenken. Überall in diesem Land – und auch in unserer Heimatstadt Pforzheim. Denn auch hier hat es Menschen gegeben, zu viele Menschen, die das nationalsozialistische Regime ‑ auch schon von Anfang an ‑ unterstützt oder in Kauf genommen haben. Und es hat hier wie andernorts zu wenige gegeben, die sich dagegen gestellt haben. Viel zu wenige.

Dieses Wissen macht es uns nicht leicht, mit unserer Erinnerung umzugehen. Dieses Wissen mahnt uns aber auch an, Verantwortung zu übernehmen.

Denn: Wir Heutigen haben an den NS-Verbrechen von damals keine persönliche Schuld. Aber wir haben Verantwortung. Wir haben die Verantwortung, der Nachwelt über die Verbrechen von damals zu berichten. Und nicht nur das: Wir haben auch die Verantwortung uns damit auseinanderzusetzen, wie wir in unserem Land und in unserer Stadt in den letzten 70 Jahren mit der NS-Vergangenheit umgegangen sind.

Nur wenn wir dies alles tun, können wir wirklich und wirksam Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Denn genau dieses ist unsere Verantwortung.

Mit Schuldzuweisungen kommen wir dabei nicht weiter. Wir müssen vielmehr aufpassen, selbst nicht schuldig zu werden. Wir können schuldig werden, wenn wir unsere Verantwortung nicht übernehmen und nicht stets und von Anfang an für das eintreten, was damals verloren ging: Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Toleranz – gerade heute in einer Welt, in der solche Grundwerte menschlichen Seins mit Füßen getreten werden.

Diese Verantwortung wahrzunehmen ‑ das ist die gemeinsame Aufgabe, die wir haben. Das ist der Sinn unseres Gedenkens. Dabei kann dieses Gedenken unterschiedliche Formen haben, mit welchen wir es gestalten. Auch heute gibt es in unserer Stadt wieder viele verschiedene Veranstaltungen, die dieses Gedenken in eben diesem Geist der Verantwortung ausdrücken. All diese Veranstaltungen – und ich zähle dazu selbstverständlich nicht jene demokratiefeindlichen Zusammenkünfte, die dem Geist unseres Grundgesetzes entgegenstehen ‑ , all diese Veranstaltungen wollen das Gute und Richtige. Und sie sind gut und richtig. Denn sie zeigen die Vielfalt im Einen: Diese Stadt ist unser Pforzheim; und es sind unsere Gedenken.

Dazu zählt selbstverständlich auch das Gedenken und persönliche Erinnern an Familienangehörige, Freunde, Verwandte und Nachbarn, die am 23. Februar 1945 auf so schreckliche Weise ihr Leben verloren.

Gedenken braucht Orte und Zeichen. Und das Ehrenkreuz unter dem wir uns jetzt versammelt haben, ist Ort und Zeichen zugleich. Wir versammeln uns hier ‑ nicht, weil es Tradition ist. Dann wäre unsere Gedenkfeier sinnentleerte äußere Form. Wir versammeln uns hier an diesem Ort der Trauer, um in der Nähe zu unseren Verstorbenen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass wir gemeinsam die Erinnerung bewahren wollen. Ein Zeichen, das uns eint. Das uns alle verbindet: sowohl jene, die hier ihre Angehörigen haben, die am 23. Februar umgekommen sind; als auch alle später in die Stadt gezogenen Pforzheimerinnen und Pforzheimer, die heute gekommen sind, um Teil zu nehmen ‑ und Anteil zu nehmen.

Wir wollen ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, das uns an unsere Verantwortung für die Zukunft mahnt. Sie wahrzunehmen, darin bestärkt uns dieser Ort. Dieser Ort, an dem wir sehen, wohin Diktatur und Menschenverachtung, Zerstörung und Mord geführt haben. In ganz Europa und zuletzt auch in unserer Stadt.

Und es wird uns jedes Mal wieder schmerzlich bewusst: Unsere Stadt konnten wir wieder aufbauen ‑ unter großen Entbehrungen und mit großen Anstrengungen; aber wir konnten es. Die Toten des 23. Februar jedoch sind ein Verlust für immer.

Darum ist dieser Ort wichtig. Darum ist unser Gedenken an diesem Ort wichtig. Darum ist es wichtig, dass wir uns heute und in Zukunft an unsere Verstorbenen erinnern. Wer weiß, was Krieg bedeutet, was Krieg rauben und zerstören kann, kann umso glaubhafter für den Frieden eintreten. Und das ist unser aller Wille.

Das unterscheidet uns, die wir hier stehen und verstanden haben, worum es an diesem Tag geht, von all jenen, die den 23. Februar in demokratiefeindlicher Absicht und in einem unserer Verfassung entgegen gerichteten Geist instrumentalisieren. Das unterscheidet uns von den Anhängern einer nationalistischen Ideologie, die sich Hass und Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit auf die Fahnen geschrieben haben.

Ihnen geht es nicht um unsere Stadt. Ihnen geht es nicht um unsere Verstorbenen. Sie missbrauchen die Opfer des 23. Februar für ihre Zwecke. Und so entehren sie unsere Verstorbenen und beleidigen uns Lebende. Weil sie die Würde des Menschen missachten.

Liebe Pforzheimerinnen und Pforzheimer,

die Würde des Menschen zu achten und zu bewahren, ist unsere größte Verantwortung. Denn nur aus ihr kann das erwachsen, was damals verloren ging und was wir heute für uns alle wollen: Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Toleranz.

Daran erinnert uns dieser Tag. Daran erinnern uns die Opfer des 23. Februar. Und wir erinnern uns an sie. Wenn wir diese Botschaft befolgen, hat unser heutiges Gedenken tatsächlich einen tieferen Sinn.

Die Ansprache von Dekanin Christiane Quincke

I. „Würde des Todes? Hier gab es keine mehr! Hier gab es nur noch das Entsetzen und einen ohnmächtigen Hass auf die gewissenlosen Verbrecher, die diesen entsetzlichsten aller Kriege vom Zaun gebrochen hatten und mit ihrem Geschwätz vom Endsieg und den neuen Waffen das Volk betörten.“ Worte von Elisabeth Kuhn. Sie überlebte die Pforzheimer Bombennacht. „Hier gab es nur noch das Entsetzen und einen ohnmächtigen Hass“ - was auch sonst? Tränen der Trauer, der Wut, der Verzweiflung. Aber auch die leergeweinten Augen, die nicht wissen, ob es noch eine Zukunft gibt. Und das zerrissene Herz, das die Verwandten und Freunde so schmerzlich vermisst. Vielleicht sogar die Scham, selber davon gekommen zu sein. Und letztlich das Wissen, dass es keine Worte gibt, die das wirklich fassen können.

II. „Hier gab es nur noch das Entsetzen“ - und wieviele haben dann doch wieder gehofft? Gehofft auf ein „Nie wieder“? Gehofft, dass wir doch nun endlich eines begriffen haben sollten: Hass, Gewalt und Krieg bringen nur Trauer und Tod und keinen Sieg. Wieviele hat diese Hoffnung getragen, als sie die Trümmersteine zusammen trugen und daraus neue Häuser und Kirchen und Wege bauten? Und doch fliegen wieder Bomber über Städte. Lassen ihre tödliche Fracht fallen dort, wo Menschen leben. Kluge und dumme Menschen. Alte und junge. Böse und gute. Menschen, wie wir.

„Eines Abends, als wir gerade spielten, sahen wir viele Flugzeuge am Himmel. Wir haben hoch geschaut. Plötzlich hörten wir sehr laute Bombenexplosionen, und Leute haben geschrien, viele lagen verletzt am Boden. Meine Freunde und ich haben uns auf den Boden gelegt. Alles um mich herum war voller Staub. Ich hatte riesige Angst und bin nach Hause gerannt. Am nächsten Tag bin ich aufgewacht, als Bomben direkt vor unser Haus fielen. Das war der Moment, als meine Familie beschloss zu fliehen.“ Diese Worte stammen nicht aus Pforzheim, sondern vom 15-jährigen Mohammed aus Syrien.

(http://www.unicef.de/informieren/blog/2015/kindheit-kann-nicht-warten-teil2/94560)

III. Mohammed reiht sich ein in die vielen Überlebenden aus Coventry, Dresden, Guernica, Rotterdam, Hamburg, Pforzheim, Grosny und Aleppo. Und wir hören diese Überlebenden auch in den Klageliedern aus der Bibel: (Klagelieder 2.Kapitel:) „Von Tränen sind meine Augen ganz blind, es brennt und tobt in meinen Eingeweiden, Schmerz und Verzweiflung brechen aus mir heraus; denn ich sah, wie mein Volk zugrunde ging. Kinder und Säuglinge sah ich verschmachten, draußen auf den Straßen der Stadt. Gequält von Hunger und Durst schrien sie laut nach ihren Müttern. Wie Verwundete brachen sie zusammen, draußen auf den Straßen der Stadt, und in den Armen ihrer Mütter taten sie den letzten Atemzug. Jerusalem, du geliebte Stadt, ich weiß nicht, was ich dir sagen soll! Mit welchem Schicksal soll ich deins vergleichen, um dich zu trösten, du Jungfrau Zion! Dein Schaden ist unermesslich wie das Meer! Kann dich noch jemand heilen?“

IV. Wir hören diese Worte und wir hören in ihnen die Klagenden von vor 71 Jahren und von vor 75 Jahren und von vor 1 Jahr. Pforzheim, du geliebte Stadt, ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Guernica, mit welchen Schicksal soll ich deins vergleichen? Aleppo, dein Schaden ist unermesslich wie das Meer! Kann dich noch jemand heilen?

Wir hören diese Worte und sind diesen Menschen nahe, auch weil wir genau spüren: solche Worte soll niemand mehr klagen müssen. Es soll einfach nicht sein. Denn uns wurde das Leben geschenkt, damit wir es leben. Leben! Es ist zu kostbar, zu wertvoll - kein Mensch hat es verdient, unter Trümmersteinen sein Leben zu beenden. Oder nur noch Entsetzen zu spüren. Und wenn Menschen in unsere Stadt kommen, die diesen Trümmern entfliehen, oder die nur noch Entsetzen verspüren, dann wünsche ich uns, dass wir uns verbunden fühlen, dass wir sie willkommen heißen und ein sicheres Dach über den Kopf geben. Weil wir in Pforzheim wissen, was es bedeutet, wenn es kein Dach mehr gibt.

V. „Hier gab es nur noch das Entsetzen“ - schreibt eine Zeitzeugin. Und viele haben trotzdem gehofft. Sie fingen an, die Stadt wieder zu bauen. Eine Stadt, in der Menschen leben und arbeiten können. Eine Stadt, wo sie sich treffen, wo sie tanzen und feiern, wo sie beten und trauern, wo sie lieben und Pläne schmieden können. Eine Stadt wurde gebaut, die offen sein soll für Menschen, die dazu kommen. Es liegt an uns, ob wir diese Stadt so leben. Ob wir anknüpfen an die Erfahrung, dass es nur gemeinsam geht. Ob wir uns zu Handlangern des Hasses machen lassen oder zu einladenden Menschen. Ob wir uns von Ideologien leiten lassen, die mit der Angst spielen - wie es schon einmal - oder ob wir uns von Liebe und Versöhnung leiten lassen. Und auch von der Hoffnung unserer Vorfahren, die aus den Trümmern eine neue Stadt bauten.

VI. „Hier gab es nur noch das Entsetzen“ - schreibt eine Zeitzeugin. Und viele haben trotzdem gehofft. Und daraus gelernt. Ein anderer Zeitzeuge, Dieter Bolz, sagte: „Nie mehr so etwas. Es fing alles so harmlos an und man hat die Augen zugemacht. Man darf heute die Augen nicht zu machen...“ Nein, man darf die Augen nicht mehr zu machen, nicht vor den Toten in Syrien, nicht vor den Ertrunkenen im Mittelmeer, nicht vor dem Mob, der Flüchtlingen Angst einjagt, nicht vor einer Ideologie, die wieder vom reinen Deutschland spricht. Denn wir wissen, was es bedeutet, wenn wir dieser Ideologie folgen. Nie mehr so etwas. Nie mehr so etwas, sondern genau hinsehen. Und anpacken. Aus den Trümmern Neues bauen. Mauern und Zäune abreißen. Wege zueinander bahnen. Uns nicht gegeneinander hetzen lassen, sondern miteinander leben und Leben gestalten.

In dieser Hoffnung wurde die Stadt wieder aufgebaut.

In dieser Hoffnung wird hoffentlich auch Aleppo wieder aufgebaut.

In dieser Hoffnung kommen Menschen in diese Stadt.

In dieser Hoffnung, dass wir Frieden leben können.

Und das ist unsere Aufgabe.

Das sind wir den Opfern schuldig.

Und einem Gott, von dem die Klagelieder sagen:

„Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben.

Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende.“

Amen.

Das Fürbittengebet von Pfarrer Georg Lichtenberger

Gott des Friedens, Gott des Lebens, in dieser Stunde bitten wir Dich

Um Deinen umfassenden Frieden, um Deinen Shalom, für die Opfer von damals. Für alle, die im Bombenhagel und im Feuersturm ums Leben kamen, oder unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden. Und wir bitten Dich für alle, deren Leben bis heute gezeichnet ist von den grausamen Ereignissen damals. Schenke Frieden, heile Wunden, sei Halt und Trost.

Um Deinen umfassenden Frieden, um Deinen Shalom bitten wir Dich für all jene, die heute Opfer von Gewalt und Krieg sind. Wir bitten Dich um Deine Nähe für die Menschen in Syrien, im Irak, in Afghanistan, in Nigeria, in der Ukraine – an so vielen Orten auf dieser Erde, die hilflos dem Hagel der Bomben und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen ausgesetzt sind. Wir bitten Dich auch um Deine Nähe und Deinen Frieden für alle Opfer des Terrors in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Um Deinen Geist des Friedens bitten wir Dich in dieser Stunde ganz besonders für jene, die Verantwortung tragen in Politik und Wirtschaft: lass sie ehrlich, beharrlich, unbestechlich und unbeugsam Wege des Friedens und der Verständigung suchen. Schenke Umkehr zu den Wegen des Friedens überall da, wo mit Waffen Geschäfte gemacht werden, wo für den Tod gerüstet wird und unsere Art des Wirtschaftens und Konsumierens Not und Elend gebiert.

Um Deine Zuwendung bitten wir Dich für jene von denen andere sich abwenden, denen Türen zugeschlagen werden, die Opfer werden von Vorverurteilungen und Vorurteilen. Um Deinen Geist des Friedens bitten wir Dich für uns alle in dieser Stadt. Lass uns Wege miteinander und zueinander gehen. Hilf uns, dass wir Herzen und Türen jenen öffnen, die zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr leben können.

Gott des Friedens, Gott des Lebens, es ist Dein Traum für unsere geplagte Erde, dass endlich Frieden wird und dass all Deine Geschöpfe, das zum Leben bekommen, was sie zum Leben brauchen. Hilf uns mitzuwirken, dass Dein Traum Wirklichkeit wird unter uns, mehr und mehr, heute, morgen, an jedem Tag unseres Lebens und für alle Ewigkeit. Amen.