760_0900_107058_Rami_Suliman_rechts_Vorsitzender_der_jue.jpg
Rami Suliman (rechts), Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, fordert bei der Gedenkfeier dazu auf, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen. Bürgermeisterin Sibylle Schüssler unterstreicht die Bedeutung jüdischen Lebens in der Stadt.  Foto: Seibel 

Gedenkfeier für deportierte Juden: „Pforzheim war ihre Heimat“

Pforzheim. 79 Jahre ist es her, dass 195 Pforzheimer Juden von den Nazis ins französische Internierungslager Gurs verschleppt wurden, in den „Vorhof zur Hölle“, wie Bürgermeisterin Sibylle Schüssler bei der offiziellen Gedenkfeier am Mahnmal beim Güterbahnhof sagte. Wer damals – insgesamt wurden etwa 5400 badische Juden deportiert – nicht direkt in Gurs starb, wurde anschließend meist in einem der Vernichtungslager ermordet. Überlebt haben nur wenige.

In ihrer Rede erinnerte die Bürgermeisterin an die Verantwortung aller dafür, dass Antisemitismus, Hass und Hetze sich in der Gesellschaft nicht wieder ausbreiteten. Nicht nur seien die damals deportierten Juden Pforzheimer gewesen, „sie lebten und arbeiteten hier, beteiligten sich am kulturellen Leben der Stadt, haben Freunde und Familie hier. Pforzheim war ihre Heimat.“ Aber auch diejenigen, die für deren Verfolgung, Ausgrenzung und letztlich auch Ermordung verantwortlich waren, waren Pforzheimer. „Nur wenige, viel zu wenige sind dagegen aufgestanden oder haben Juden geholfen“, so Schüssler. Jeder Einzelne müsse sich Antisemitismus entgegenstellen. Jüdisches Leben sei heute wieder selbstverständlich in der Stadt. „jedes Infragestellen dieser Selbstverständlichkeit“, so die Bürgermeisterin, „jede Bedrohung jüdischen Lebens hier bei uns ist ein Angriff auf uns alle.“

Rami Suliman, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, forderte angesichts des wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland die „schweigende Mehrheit“ auf, „den Mund aufzumachen“. Außerdem sprach Rabbiner Michael Bar-Lev bei der Gedenkfeier, die vom Chor der jüdischen Gemeinde begleitet wurde, ein Totengebet. Außer Gemeindemitgliedern, einigen Stadträten und anderen nahmen auch Vertreter der Initiative gegen Rechts und des Forum Asyl an der Veranstaltung teil, die auf Bitten von Schüssler auf mitgebrachte Fahnen verzichteten und nur ein Banner am Straßenrand anbrachten. Die Polizei hatte den Abschnitt beim Kreisel am Güterbahnhof abgesperrt und gesichert.