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Saniert und baulich bereit für die neue Aufgabe: die Nordstadtschule. Ketterl
Saniert und baulich bereit für die neue Aufgabe: die Nordstadtschule. Ketterl
16.07.2015

Gemeinschaftsschule droht das Aus

Es wird eng für die Gemeinschaftsschule. Kommenden Dienstag wird der Finanzausschuss eine Vorentscheidung treffen, ob Schanz- und Nordstadtschule neue Wege gehen dürfen. Am Dienstag darauf heben oder senken die Gemeinderäte endgültig den Daumen. Das Stimmen-Patt im Schulbeirat hat gezeigt, dass Pforzheims erste Gemeinschaftsschule auf der Kippe steht.

Diese Sitzung führte zugleich vor Augen, dass es bislang eher um Grundsätzliches als um Inhalte geht. „Wir sind zum Dialog bereit und zeigen jedem, der es wissen möchte, was wir tun wollen“, sagt Oliver Hesselschwerdt, Konrektor der Nordstadtschule, auf PZ-Nachfrage. Sprich: Bis dato haben die Kritiker offenbar nicht das direkte Gespräch gesucht.
Im Schulbeirat hatte die CDU ihre allgemeine Skepsis gegenüber dem bildungspolitischen Lieblingskind der grün-roten Landesregierung zum Ausdruck gebracht. FDP und Freie Wähler begründeten ihre Ablehnung damit, auf schulische Vielfalt setzen zu wollen – obwohl dann Pforzheim als einziger Großstadt in Baden-Württemberg weiter diese Schulform fehlen würde. Wenn auch bei AfD und Unabhängigen Bürgern weiter die Bedenken überwiegen, reicht die Zustimmung von SPD, Grüner Liste, Elternliste, WiP und der Linken nicht aus. Für Samstag planen SPD, Grüne und ihre Jugendorganisationen ab 11 Uhr auf dem Leo eine symbolische Aktion pro Gemeinschaftsschule – das „Niederreißen der ideologischen Mauer“. Es wird also weiter politisch gestritten statt sachlich diskutiert.
Wie Elternvertreter betonen, wäre ein Nein für die Schulen eine Katastrophe. Beide Schulkonferenzen und Gesamtlehrerkonferenzen haben sich für die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Auf dem Weg dorthin sind sie schon. Bereits jetzt gibt es ein Lernatelier, in dem Schüler mit unterschiedlichem Leistungsvermögen gemeinsam unterrichtet werden und Lehrer als Lernbegleiter wirken, um einzelne Begabungen individuell zu fördern. Gerade in der Nordstadt mit ihrem hohen Migrationsanteil gebe es viele Kinder mit sprachlichem Defizit, die aber in anderen Fächern sehr talentiert seien, berichtet Hesselschwerdt: „Dieses Maß an Binnendifferenzierung ist nur an einer Schule wie der Gemeinschaftsschule möglich.“ Seine Kollegin Elisabeth Eser von der Schanzschule bekräftigt: „Wir schauen jedes Kind einzeln an und nehmen uns für jedes einzelne Kind Zeit.“ Ein solcher Schritt sei für die Lehrer mit erheblichem Aufwand verbunden. „Wir wollen das, weil wir die Erfolge bei unseren Schülern sehen.“
Lehrer aus beiden Kollegien haben bereits Fortbildungen absolviert, auch mit Blick auf die Inklusion, also das gemeinsame Unterrichten von Kindern mit und ohne Behinderung.
Ziel der Stadt sei es, mehr junge Familien hier anzusiedeln, sagt Schulbürgermeisterin Monika Müller: „Deshalb möchte ich, dass wir alle Schularten anbieten können, die es gibt.“ Im Enzkreis gibt es seit diesem Schuljahr bereits drei Gemeinschaftsschulen: in Mühlacker, in Illingen und Maulbronn sowie in Wiernsheim und Mönsheim mit der Heckengäu-Schule. Eine weitere ist mit der Verbandschule im Biet in Neuhausen-Steinegg geplant. Das Pforzheimer Modell hätte ein Alleinstellungsmerkmal – eine Gemeinschaftsschule von Klasse 1 bis 10.

Müller erinnert daran, dass der Gemeinderat den Segen für den Schulversuch Duale Ausbildungsvorbereitung (AV dual) an der Alfons-Kern- und der Johanna-Wittum-Schule gegeben hat. Im Prinzip sei dies eine Fortführung der Gemeinschaftsschule. Deshalb plädiert sie dafür, die Nordstadt- und die Schanzschule zu stützen, „zumal diese Schulen schon auf dem Weg sind“. Ein Aus wäre aus ihrer Sicht „nicht nur schulpolitisch, sondern auch finanzpolitisch unvertretbar“. Da die Nachfrage nach der Werkrealschule schwinde, müsste man sonst andernorts groß in Realschulen und Gymnasien investieren: „Das wird richtig teuer.“ Die für 40 Millionen Euro sanierte Nordstadtschule sei für eine solch neue Aufgabe gerüstet, drohe andernfalls aber irgendwann den Status als weiterführende Schule zu verlieren.
Inzwischen hat zumindest die FDP den Ruf nach inhaltlicher Debatte erhört. „Wir werden der Bitte nach einem Gespräch nachkommen und in der Fraktionssitzung am 27. Juli unser Abstimmungsverhalten endgültig festlegen“, sagt Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Bislang seien ihm aber keine Gründe bekannt, die ablehnende Haltung zu ändern.