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Sehenswertes Gemeinschaftswerk des DGB-Kreisverbands Pforzheim/Enzkreis zum Goldstadt-Jubiläum: Brigitte und Gerhard Brändle, Frank Neubert, Holger Egger, Liane Papaioannou, Jürgen Schroth, Wolf Dietrich Glaser, Franz Herkens und Susanne Nittel (von vorne links im Uhrzeigersinn).  Foto: Seibel 

Gewerkschafter rücken zum Goldstadt-Jubiläum die Arbeiter in den Fokus

Pforzheim. Beim Festakt zum 200-jährigen Bestehen der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie im Jahr 1967 hätten sich in der Jahnhalle Ehrengäste in Anzug und Krawatte getroffen, und „die Arbeiter durften dann drei Wochen später eine Butterbrezel essen“, sagt Gerhard Brändle. Doch diese Industrie machten eben nicht nur die Fabrikanten aus, sondern vor allem jene Menschen, die für sie arbeiten. Um „Goldstadt 250“ nicht „den Chefs und dem Hause Baden zu überlassen“, hat der Kreisverband Pforzheim/Enzkreis des Deutsche Gewerkschaftsbunds (DGB) eine Ausstellung konzipiert, die den vielsagenden Titel „(k)ein Grund zum Feiern“ trägt. Sie soll das Jubiläum dieser Industrie mit Blick auf Arbeitsbedingungen „auch kritisch begleiten“, wie DBG-Regionssekretärin Susanne Nittel bekräftigt: „Das findet so sonst in der Stadt Pforzheim nicht statt.“

Seit Ende 2015 fahndete ein großes Expertenteam nach Antworten auf oft unbequeme Fragen. „Es gab nichts dazu, das mussten wir alles selber finden“, umschreibt Gerhard Brändle die Herausforderung. Das Ergebnis sind neun Tafeln zu Schlagwörtern wie Ausbildung, Gleichstellung, Streik oder Arbeitszeit, die erstmals ab 10.30 Uhr am Montag beim Maifest vorm Theater zu sehen sind; um 12.30 Uhr beginnt die erste offizielle Führung. Dann werden sie bis 28. Juli im Stadtgebiet Blicke auf sich ziehen – am Waisenhausplatz, beim Marktplatz, auf dem Leo oder an der Bleichstraße. Am Mittwoch, 3. Mai, ab 17 Uhr und am Samstag, 6. Mai, ab 15 Uhr gibt es ab dem Waisenhausplatz Stadtrundgänge.

Die Ausbeutung durch Zwangsarbeit rücken die Macher ebenso in den Fokus wie die Torturen der Rassler, die vor und nach Elf-Stunden-Tagen lange Fußmärsche zu bewältigen hatten. Kinderarbeit wird thematisiert, aber auch die Nöte der Frauen. „Sie arbeiteten an der Werkbank bis zur Niederkunft“, erinnert Brigitte Brändle an den bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fehlenden Mutterschutz. Die Schau informiert über Streiks um angemessene Arbeitszeiten und eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und zeigt auf, welche bitteren Konsequenzen der Niedergang der Branche für Tausende Arbeitnehmer hatte.

Dies alles, sagt die Erste Bevollmächtigte der IG Metall, Liane Papaioannou, sei „überhaupt nicht weit weg“. Die Gewerkschafter verweisen etwa auf die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Lohndumping und hohe Jugendarbeitslosigkeit. Auch das Frauenbild in der Branche habe sich nicht geändert „Frauen sind Schmuckständer“, sagt Brigitte Brändle mit Blick auf Werbefotos. Und sie würden nach wie vor schlechter bezahlt, so Nittel. Eben mit diesem Brückenschlag zwischen historischer und aktueller Lage sorgen die Macher für Aufsehen. „Kompliment an alle Beteiligten“, so Papaioannou, die wie ihre Mitstreiter hofft, insbesondere das Interesse junger Menschen zu wecken.

Einen Katalog zur Schau gibt es in der DGB-Geschäftsstelle, Jörg-Ratgeb-Straße 23.