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Gegraben wird bis zuletzt. Das rotweiße Band markiert den Mittelalter-Bereich. Foto: Meyer
Gegraben wird bis zuletzt. Das rotweiße Band markiert den Mittelalter-Bereich. Foto: Meyer
Marianne Lehmann und Folke Damminger, die Grabungsleiter vor Ort, erläutern anhand eines Plans Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler, Landesdenkmalpfleger Dirk Krausse, Planungsamtsleiter Michael Wolf (vorne, von links) und zahlreichen stadtarchäologisch interessierten Bürgern die Ausgrabungen. Foto: Meyer
Marianne Lehmann und Folke Damminger, die Grabungsleiter vor Ort, erläutern anhand eines Plans Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler, Landesdenkmalpfleger Dirk Krausse, Planungsamtsleiter Michael Wolf (vorne, von links) und zahlreichen stadtarchäologisch interessierten Bürgern die Ausgrabungen. Foto: Meyer
Gefunden wurde auch dieses Schwert. Foto: Lehmann
Gefunden wurde auch dieses Schwert. Foto: Lehmann
Ein Männer-Ohrring, bis zu 400 Jahre alt. Foto: Lehmann
Ein Männer-Ohrring, bis zu 400 Jahre alt. Foto: Lehmann
03.06.2019

Gotteshäuser, Gräber und Gelehrte: Ende der Ausgrabungen

Pforzheim. Geöffnete Gräber, Skelette und ein bleierner Himmel, aus dem unter Donnergrollen Blitze herabzucken: Größeres Kino geht fast nicht, als es der Zufall am Montagnachmittag zur feierlichen Abschlussausstellung, der so genannten Finissage, der stadthistorischen Ausgrabungen auf dem Rathausplatz hintern technischen Rathaus bot. Die Untersuchungen fanden im Vorfeld der Innenstadtentwicklung Ost statt.

Bau- und Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler führte in die Geschichte der Grabungen ein, die 2012 im Vorfeld der Planungen zu Innenstadt-Ost und der mittlerweile mit Investor ten Brinke vereinbarten Bebauung des Areals mit Verwaltungs-, Wohn-, Gastronomie- und Einkaufsgebäuden begonnen hatten. Das mittelalterliche Stadtzentrum, eine Kirche, ein Kloster und dazugehörige Grabstätten befanden sich hier, und es gab reiche Funde.

„Die Erinnerung daran wird verblassen“, sagte Professor Dirk Krausse, Landesarchäologe des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, aber die Erkenntnisse würden bleiben, teils aufbereitet werden. Fundstücke sind im Wandelgang auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof zu sehen, eine Ausstellung des Landesamts ist geplant – und auch, dass ten Brinke einen Teil der alten Stadt hinter Glas erhält.

Die Archäologische Denkmalpflege des Landes Baden-Württemberg untersuchte im Vorfeld der geplanten Überbauung des Rathaushofes seit Herbst 2012 rund 4200 Quadratmeter dieses, einst inmitten der historischen Altstadt gelegenen, Areals. Unter dem Pflaster des nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hier angelegten Parkplatzes waren Befunde aus der Vorgeschichte und aus acht Jahrhunderten Stadtgeschichte konserviert.

Die ältesten Siedlungsspuren stammen aus der Zeit der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur (1200–800 vor Christus). Ab der Stadtgründung im 12. Jahrhundert ließ sich die Siedlungsentwicklung dann annähernd lückenlos bis zum Zweiten Weltkrieg dokumentieren. Westlich der ehemaligen Schulstraße erstreckte sich ein dicht bebautes Wohnquartier mit zahlreichen adeligen Wohnsitzen, darunter auch das nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragene, sogenannte Gotische Haus.

Östlich der Straße wurde im späten 13. Jahrhundert die ältere Wohnbebauung durch das Dominikanerkloster überlagert. Als Ansatzpunkt für die Niederlassung der Bettelmönche erwies sich eine innerstädtische Brache, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch ein archäologisch großflächig nachgewiesenes Brandereignis entstand.

Mithilfe der Grabungsbefunde konnte die Entwicklung anhand der Klosterkirche, die nach der Reformation als Stadtkirche Sankt Stephan diente, und der anschließenden Klausurgebäude bis zu deren Zerstörung im Jahre 1789 dokumentiert werden. Dies lieferte zahlreiche, neue Erkenntnisse zur damaligen Baugeschichte. Im Zuge dessen wurden annährend 800 Körpergräber aufgedeckt. Diverse Grabsteine, der älteste aus dem Jahr 1282, und Grabbeigaben aus Gold belegen eindrücklich die Beliebtheit der Kirche als Bestattungsort der städtischen Oberschicht.

Vom versuchten Wiederaufbau zeugen die mächtigen Fundamente der vom badischen Baumeister Heinrich Hübsch geplanten, aber nie realisierten, protestantischen Idealkirche. Zu den Höhepunkten der Grabung zählte die Öffnung des Grundsteins am 25. August 1829.