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nachtschicht © Ketterl
14.02.2014

Gute Nachtgeschichten: PZ-Volontäre gehen "Auf Nachtschicht"

Es wird dunkel vor den Fenstern, alle schlafen – fast alle! Die fünf Nachwuchsjournalisten der PZ bleiben wach und werden fortan jede Woche Menschen bei der Nachtschicht begleiten, ohne die unser Alltag nach Sonnenaufgang nicht so reibungslos ablaufen würde. Zum Auftakt haben Dominik Türschmann, Nina Giesecke, Dennis Krivec, Lisa Belle und Miriam Münderlein an einem gewöhnlichen Freitagabend bewusst die Augen offen gehalten, um herauszufinden, wer sich nachts nicht in die warmen Federn kuscheln darf.

Lisa Belle: Start – Herunterfahren – OK – OK. Feierabend, ab ins Wochenende. Längst ist die Nacht hereingebrochen, nach der eiligen Betriebsamkeit am Tage liegt eine eigentümliche Entspanntheit über der Stadt. Vor dem Kino wartet eine Gruppe von Menschen auf den Start der Vorstellung, in den Restaurants und Kneipen klingen die Gläser. Dass es viele Menschen gibt, für die die Arbeit erst nach Sonnenuntergang so richtig losgeht, weiß ich noch aus meiner Studentenzeit, als ich vier Nächte die Woche in einer kubanischen Cocktailbar Tabletts jongliert habe. Doch mittlerweile – irgendwie im Berufs- und Erwachsenenleben angekommen – habe ich wohl den Blick verloren für diese Parallelwelt. Ich denke an den Popcornverkäufer im Kino und die Kellnerin in der Kneipe, die und Tagschichtlern den Feierabend doch erst richtig versüßen – und habe heute ein Lächeln mehr übrig für die junge Frau, die mir in der Videothek die DVDs ausleiht. Ich nicke der Kassiererin freundlich zu, die mir im Supermarkt noch Chips und Eiscreme verkauft, und ärgere mich nicht über den Busfahrer, der so gähnend langsam vor mir über die Landstraße schleicht. Und als ich schließlich zwischen meinen Freunden auf dem Sofa lungere, freue ich mich auf die nächsten Wochen. Auf die verstehenden Blicke, die man sich gegenseitig zuwirft, wenn man dem Bäcker morgens seine ersten warmen Brezeln abkauft. Und darauf, nach getaner Arbeit – wie zur Belohnung – die Sonne aufgehen zu sehen.

Miriam Münderlein: Was würde ich nur machen, wenn mein Lieblingsitaliener um 22 Uhr schon die Schotten dichtmachen würde. Ich wäre vielleicht ein paar Kilo leichter, aber auch ganz schön oft ziemlich genervt. Denn dort bekomme ich nach einem arbeitsreichen Freitag in der Redaktion auch noch zu später Stunde einen liebevoll zubereiteten Antipastiteller serviert. Und das immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Was das Team um den Chefkoch wegen mir und den vielen anderen Gästen, die wie ich nicht mehr heimwollen, die halbe Nacht noch zu tun hat, will ich eigentlich gar nicht so genau wissen. Denn dann schmeckt mir vielleicht irgendwann der Antipastiteller nicht mehr so gut. Dankbar war ich letztens auch der Angestellten einer Nachtapotheke. Eine Freundin hatte ihr Asthmaspray nicht dabei, was ihr blöderweise erst um 1 Uhr nachts auffiel. Das ganze war nicht sonderlich dramatisch, trotzdem sind wir losgezogen, um das Medikament zu besorgen. Und waren erleichtert, als uns mitten in der Nacht ein freundliches Gesicht das Spray durch die Schleuse schob. Der Italiener konnte übrigens nichts für den kleinen Asthmaanfall.

Nina Giesecke: Ein ganz normaler Freitagabend – da würde ich normalerweise zu Hause vor dem Fernseher sitzen oder das Pforzheimer Nachtleben mit meinen Freunden unsicher machen. Manchmal muss ich aber auch arbeiten. Und letzte Woche war so ein Freitag. Als Volontärin kommt man ganz schön rum – deshalb war es auch nichts Besonderes, dass meine Kollegin und ich gleich auf mehreren Veranstaltungen waren. Im Pforzheimer Schmuckmuseum trafen wir auf kreative Intellektuelle, alle in schicker Abendkleidung. Ziemlich abwechslungsreich, was ich dort zu sehen bekam: Schmuck in den unterschiedlichsten Facetten, sogar Ketten mit Fallus-Anhängern! Nach dem offiziellen Teil ging es dort mit Sekt und Häppchen weiter – jedoch nicht für meine Kollegin und mich. Wir waren schon wieder unterwegs zum nächsten Termin: Einer Modenschau. Hier trafen wir erneut auf kreative Intellektuelle, diesmal jedoch nicht in Abendkleidung, sondern in den verrücktesten Outfits, die Pforzheim je gesehen hatte. Die Goldstadt genießt ja, was Kultur betrifft, keinen ganz so guten Ruf. Mit einer Vernissage und einer Modenschau hat Pforzheim aber vom Gegenteil überzeugt. Zumindest mich. Zurück im Büro musste ich erst mal die verschiedenen Eindrücke des Abends verarbeiten – und natürlich ausgiebig mit meiner Kollegin besprechen. Danach ging es nach Hause und ab ins Bett.

Dominik Türschmann: Für gewöhnlich stehe ich als DJ eigentlich nicht in einem leeren Club hinter den Plattentellern, aber es gibt auch Nächte, in welchen ich die Gunst der Stunde gerne nutze, um einige musikalische Experimente zu wagen. Umso besser ist es dann natürlich, wenn man einen Raum im Club für sich zum Austesten hat. Eine Etage über mir ist das Nachtleben auf der anderen Tanzfläche in vollem Gange. Ich höre die Musik und die feiernden Menschen deutlich, wenn ich leise drehe. Es ist faszinierend, wie sich die Leute zum Wochenende hin wandeln und raus aus dem tristen Arbeitsalltag strömen - hinein in das Nachtleben der Goldstadt. Aber wer weiß schon, wie viele Menschen nötig sind, um das überhaupt erst möglich zu machen. Clubbetreiber, Barpersonal, Putzkräfte - all diese schuften auch bei Nacht. Während ich auf der unteren Etage weiterhin gewagte Sounds über das Mischpult erprobe, betritt mehrfach ein Barkeeper den Raum, tanzt kurz mit einem Lächeln zu meiner Musik. Er erklärt, wie stressig die heutige Nacht sei. Danach schleppt er eine Getränkekiste nach der anderen durch den Raum nach oben.

Dennis Krivec: Die Nacht zum Tag machen, heißt es doch besonders unter uns jungen Leuten so schön, wenn wir vorzugsweise am Wochenende bis zum Morgengrauen auf die Piste gehen. Dabei sind streng genommen gar nicht wir diejenigen, die Licht ins Dunkel bringen, sondern die zahlreichen Menschen, die nachts ihr täglich Brot verdienen (müssen) und uns den nächtlichen Spuk damit überhaupt erst möglich machen – manchmal versteckt, manchmal öffentlich, aber ganz sicher meistens unbeachtet und anonym. Da sind Menschen wie Fowzi, der Nachtschwärmer in seinem Dönerimbiss mit einer kleinen Mahlzeit zwischendurch versorgt, Menschen wie Herr Maier, der sein Taxi durch die Nacht Pforzheims steuert und einen sicher nach Hause bringt und Menschen wie Lea, die trotz Andrang an ihrer Bar immer für ein Lächeln und ein nettes Gespräch da ist. Wer nachts schon einmal gearbeitet hat, weiß, was diese Leute doch tatsächlich leisten, welche Strapazen sie auf sich nehmen müssen, um uns unsere Nächte und auch die Tage danach so angenehm als möglich zu machen. Ich für meinen Teil werde es jedenfalls bald wieder am eigenen Leib erfahren – auf Nachtschicht.