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Lilli Gessler und Ernst Strohmaier wollen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland eine Stimme geben. Anfangs ist die Veranstaltung gut besucht, doch im Verlauf lichten sich die Reihen. Foto: Meyer
Lilli Gessler und Ernst Strohmaier wollen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland eine Stimme geben. Anfangs ist die Veranstaltung gut besucht, doch im Verlauf lichten sich die Reihen. Foto: Meyer
Für viele überraschend, nimmt der CDU-Bundestagsabgeordnete Heinrich Zertik zunächst passiv, dann auch aktiv an dem Treffen teil. Foto: Meyer
Für viele überraschend, nimmt der CDU-Bundestagsabgeordnete Heinrich Zertik zunächst passiv, dann auch aktiv an dem Treffen teil. Foto: Meyer
Jörg Augenstein. Foto: Meyer
Jörg Augenstein. Foto: Meyer
08.09.2017

Haidach-Bewohner wollen sich gegen Stigmatisierung wehren - Bürgerverein-Chef verlässt Veranstaltung

Pforzheim. Lilli Gessler ist am Ende die Erschütterung anzusehen. Gegen eine Stigmatisierung des Haidachs in den Medien hatte sich die Vorsitzende mit ihrer Pforzheimer Ortsgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland wehren wollen. Doch Gesslers Ziel, Parteipolitik aus der Veranstaltung an diesem Donnerstagnachmittag im Bürgerhaus Buckenberg herauszuhalten, hat sich als zu ehrgeizig erwiesen. Dennoch liefert das Treffen von rund 60 Haidach-Bewohnern interessante Erkenntnisse – auch wenn es anfangs von Misstönen und zwischendrin von einem Eklat begleitet wird.

Dass so kurz vor der Bundestagswahl am 24. September die Nervenkostüme dünn und Wählerstimmen umkämpft sind, wird wiederholt deutlich. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum sitzt ebenso im Publikum wie der AfD-Landtagsabgeordnete Bernd Grimmer mit Entourage. Beide Parteien versuchen durch Initiativen, Russlanddeutsche für sich zu gewinnen (die PZ berichtete). Anders als geplant, greift Heinrich Zertik aus Nordrhein-Westfalen zum Mikro – Mitglied der Landsmannschaft, aber auch das erste russlanddeutsche Mitglied im Deutschen Bundestag und eigentlich Gastredner bei einer CDU-Veranstaltung zu späterer Stunde im Schützenhaus (die PZ wird noch ausführlich berichten). Das Wort verbieten wollte ihm Ernst Strohmaier, Mitglied des Bundesvorstands der Landsmannschaft, jedoch auch Kopf des von der CDU Baden-Württemberg formierten Landesnetzwerks Spätaussiedler und Heimkehrer. Strohmaier setzt denn auch vereinzelt Spitzen gegen den hiesigen AfD-Bundestagsabgeordneten Waldemar Birkle, greift aber hauptsächlich als Moderator jene Themen auf, die Besucher im Vorfeld an eine Wand gepinnt haben. Um „Medienschelte“ soll es gehen, aber auch um „Rente“, „Altersarmut“ oder „soziale Gerechtigkeit“. Eben die Diskussion um jene Anliegen versetzt schließlich Jörg Augenstein derart in Rage, dass er den Saal verlässt. „Ich bin hier der Platzhirsch und nicht Sie“, ruft er Strohmaier zu, „Sie sind Gast in diesem Haus, und Sie sind Stuttgarter.“ Der Austausch hat aus Augensteins Sicht eine völlig falsche Wendung genommen. Einige Teilnehmer schließen sich Augensteins Abgang an.

Dabei wird es immer dann spannend, wenn die Besucher selbst von ihren Erfahrungen berichten. Dass sie manche Berichterstattung, insbesondere eine Dokumentation des ZDF, als unfair und einseitig erachten. Dass sie den Begriff „Klein-Moskau“ als demütigend empfinden. Dass sie sich sehr wohl in die Gesellschaft einbringen und dafür plädieren, im öffentlichen Raum kein Russisch zu sprechen. Dass beileibe nicht alle Russlanddeutschen im Haidach ihr Kreuz rechtsaußen platzieren. Viele rote Punkte der Zustimmung kleben auf Zetteln mit der Aufschrift „Ich lebe gerne in Deutschland“, „Ich habe keine Probleme mit Integration“ oder „Ich lebe gerne auf dem Haidach“.

Gessler betont, dass sich viele Menschen unermüdlich für den Stadtteil einsetzten. Der hier lebende, vielfältig ehrenamtlich tätige CDU-Stadtrat Rolf Constantin stellt das „sehr gute Miteinander“ heraus: „Fernsehredakteure haben eine einmalige Begabung – sie können Spreu und Weizen trennen, die Spreu senden sie dann.“

Fast hilflos wirkte zuvor Augensteins Kritik daran, dass der Stadtteil immer wieder Aufsehen errege: „Wir sind Haidacher, sie sollen uns einfach ein bisschen in Ruhe lassen.“ Nun sorgt auch dieses Treffen erneut zumindest teilweise für unschöne Schlagzeilen. Sie werden auch nicht zu vermeiden sein, sollte die AfD am 24. September hier wieder überregional einen Spitzenwert erreichen. Bei der Landtagswahl im Vorjahr holte Grimmer, der für Pforzheim das Direktmandat erlangte, im Wahlbezirk Buckenberg 43,2 Prozent.

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