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Heimat kurios: Der stille Beobachter.
Heimat kurios: Der stille Beobachter © Seibel
18.03.2012

Heimat kurios: Der stille Beobachter

Wer mit wem? Er weiß es – und schweigt. Er beobachtet erste Dates, lang ersehnte Wiedersehen und spontane Verabredungen. Der Pforzheimer Dicke. Seit nunmehr fast 26 Jahren ist die lebensgroße Bronzefigur zentraler Treffpunkt in der Goldstadt. Doch wer ist dieser Übergewichtige, dem die Hosenträger über dem Bauch spannen, eigentlich?

„Hier stehe ich ,Der Dicke’ dank der vielen Spenden meiner Pforzheimer Freunde und vermöge der großzügigen Schenkung des Herrn Fred Eckert“, verrät er auf einer Messingplatte zu seinen Füßen über sich selbst. Sein Name: „Männliche Figur“. Mehr ist dem Künstler nicht dazu eingefallen? Fragen wir doch einmal nach. Und der Bildhauer Karl-Henning Seemann aus dem schwäbischen Kleinod Löchgau hat eine Erklärung parat: „Der Dicke ist ein Zweitguss einer Plastik, die vor der Freiburger Musikhochschule steht“, sagt der Bildhauer Karl-Henning Seemann. Es gibt ihn also zweimal, unseren Dicken. Und er steht dort nicht allein.

Er ist eine von sechs Figuren, die gemeinsam die Gruppe der „Lauschenden“ bilden. „Die Figur steht wie ein Prellbock mitten im Weg.“ Da sich der Kerl mit der Wampe einsam abseits der Gruppe befindet, konnte er aus dem Zusammenhang gerissen werden und fand so seinen Weg nach Pforzheim. Und auch hier ist sein Standort nicht beliebig gewählt, denn das verbietet der Künstler seinen Werken. Der Dicke korrespondiert mit Architektur und Städtebau.

Spenden retten den Dicken

Da steht er nun. Aber was soll er symbolisieren? Die gut gefüllte Stadtkasse kann der wohlgenährte Zeitgenosse schon einmal nicht verkörpern. Übermäßig viele Übergewichtige hat Pforzheim auch nicht zu bieten. Denn schon damals, nachdem er im Rahmen der ersten „Kunst im Stadtbild“-Ausstellung 1984 vorübergehend in die Goldstadt kam, waren es die Bürger, die das Geld aufgetrieben haben. 50 000 D-Mark spendeten Pforzheimer bei der Aktion „Rettet den Dicken“, damit dieser bleiben konnte. „Wir haben damals sogar Überweisungsträger verteilt“, erinnert sich Bärbel Rudin, Mitglied des Pforzheimer Kulturrates. Gerade noch rechtzeitig traf die Spende von Fred Eckert ein – sein Name ist bis heute nicht vergessen. Verschwunden ist der Dicke trotzdem zwischendrin: Mal weilte er im schwäbischen Exil in Heilbronn, mal musste er Bauarbeiten in der Fußgängerzone weichen. Zurück kam er bisher immer.

Bleibt die Frage: Warum ist dieser Mann so dick? Künstler Seemann weiß des Rätsels Lösung. Die Erklärung ist banal. Grundlage für die Bronzefigur war nämlich eine Skizze, die der heute 78-jährige Bildhauer bei einer Künstlerversammlung anfertigte – von einem seiner Kollegen. Gut, eine Berühmtheit scheint der nicht gewesen zu sein, sein Name hat sich zumindest nicht in Seemanns Gedächtnis eingebrannt. Doch damit bekommt der Dicke ein Gesicht.Und auch sonst hat er mehr mit uns Menschen gemeinsam, als gedacht. Was überrascht: Das Umsetzen der Figur von ihrem ehemaligen Standort vor dem Roxy-Kino am Leopoldsplatz an den Eingang der Fußgängerzone war kein solch großer Kraftakt, wie man vielleicht denken könnte. Die Plastik ist dünn gegossen. „Sie wurde hergestellt wie ein Schokoladenhase“, veranschaulicht der 77-jährige Künstler. Damit wiege der Dicke nicht mehr, als ein Mann ähnlicher Statur.