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„Schmuckstadt oder was?“, fragt Helmut Wienert an der Hochschule. Foto: Tilo Keller
„Schmuckstadt oder was?“, fragt Helmut Wienert an der Hochschule. Foto: Tilo Keller
18.05.2017

Helmut Wienert spricht im Studium generale über Entwicklung Pforzheims

Pforzheim. Trotz Biergartenwetters hat es am Mittwochabend zahlreiche Zuhörer zum Studium Generale an die Hochschule gezogen. Unter dem Motto „Pforzheim: Schmuckstadt – oder was?“ hat Professor Helmut Wienert über den Aufstieg und Niedergang der Schmuckindustrie gesprochen und seine Sicht aus der Perspektive eines Volkswirts dargestellt. Der Vortrag zählte zur Veranstaltungsreihe im Rahmen des Pforzheimer Jubiläums „250 Jahre Goldstadt“.

Wienert kennt die Stadt. Nach seinem Studium an den Universitäten in Marburg und Göttingen arbeitete er 20 Jahre als wissenschaftlicher Referent und Forschungsgruppenleiter am RWI in Essen, bevor er 1996 an die Hochschule Pforzheim berufen wurde, wo er bis 2013 Volkswirtschaftslehre lehrte. Von 2000 bis 2004 war er wissenschaftlicher Leiter des Studium generale.

In seinem Vortrag zeichnete Wienert zunächst den Werdegang zur Schmuckstadt nach, von der Einrichtung eines Toll-, Kranken-, Zucht- und Arbeitshauses durch den Markgrafen am heutigen Waisenhausplatz, über die Einrichtung einer Uhrenmanufaktur im Jahr 1767 mit Spezialisten aus der Schweiz und Frankreich, die das entsprechende Wissen vermittelten, bis hin zu den daraus gewachsenen Schmuckunternehmen. „Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Pforzheimer ins Geschäft, zunächst als Finanzier und dann auch als Fabrikant“, so Wienert. Nach geschätzten 1000 Beschäftigten im Jahr 1800 gab es 1871 bereits 8000, und 1913 wurden 31 000 Beschäftigte verzeichnet. Die beiden Weltkriege haben jeweils dramatische Schnitte gebracht. Wienert berichtete, dass in den 1950er-Jahren die alten Strukturen wieder aufgebaut worden seien, was er eher als Problem einstuft. „In den 1960er-Jahren geht der Abbau los“, sagte der Professor und verwies auf die Konkurrenz aus Fernost. Bei den Uhren sei auch die Quarzuhr hinzugekommen. „Die japanischen Großkonzerne haben das Feld in kürzester Zeit aufgerollt. In Pforzheim hielten und halten sich wenige Betriebe im hochwertigen und designorientierten Segment.“

Allgemeine Abwärtsspirale

Auch die Ausbildungsstätten hätten den Niedergang bewältigt. Die Schmuckindustrie habe die Stadt nicht einmal 100 Jahre geprägt. „Wenn die Kernindustrie Probleme bekommt, dann bröckeln auch die Lieferanten“, erklärte Wienert die Abwärtsspirale. „Hilfe kann von außen oder von innen kommen“, führte er weiter aus und verwies einerseits auf die Umorientierung der auf die Problembranche ausgerichteten Unternehmen und andererseits auf die gute Lage an der Autobahn, die Möglichkeiten zur Ansiedlung von Fertigungsstätten der Autoindustrie biete. Allerdings habe die Stadt quasi keine Gewerbeflächen, weshalb er auf die Zusammenarbeit mit dem Enzkreis verwies. „Pforzheim hat es mit Hilfe von außen und innen geschafft, die Wirtschaft wieder zu stabilisieren“, hob Wienert hervor. Anders sei dies beispielsweise im Ruhrgebiet.

Die Pforzheimer Entwicklung sah er in Richtung Präzisionscluster, in das man auch die IT-Branche einbinden könne. Einen Blick warf er auch auf die Entwicklung der Arbeitslosenquote, die in Pforzheim Ende letzten Jahres bei 6,4 Prozent lag und im Enzkreis bei 2,4 Prozent. „Die Arbeitslosen in Pforzheim sind nicht die Leute, die im Enzkreis gesucht werden“, stellte Wienert fest. „Für innovative Cluster brauchen sie hochausgebildete Fachleute.“ Die Sprache sei die Schlüsselqualifikation für gute Ausbildung, „dann kann man sich aus dieser Lage herausarbeiten.“ Das Problem mit der Schmuckindustrie sah er soweit als bewältigt, allerdings sei die Langzeitarbeitslosigkeit ein neues Problem. „Die Goldstadt ist Geschichte, die von wenigen Manufakturen weitergeführt wird. Und auch die Goldschmiedeschule bleibt ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt“, so sein Fazit.