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Beratung wird im Einzelhandel groß geschrieben.  Fotolia
Beratung wird im Einzelhandel groß geschrieben. Fotolia
Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin Handelsverband Baden-Württemberg
Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin Handelsverband Baden-Württemberg
20.12.2017

„Hier lasse ich mich inspirieren und von neuen Ideen anstecken“

Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin Handelsverband Baden-Württemberg im Interview.

Welche Bedeutung hat für Sie der lokale Handel in sich so rasant verändernden Zeiten?

Für mich persönlich ist Einkaufen mehr als das bloße Organisieren der Dinge, die man zum Leben braucht. Daher hat der Einkauf für mich durchaus etwas mit sinnvoller Freizeitgestaltung zu tun. Ebenso mit Genuss und Inspiration, mit Entertainment und der Pflege sozialer Kontakte natürlich.

All diese positiven Begleiterscheinungen kann ich im stationären Handel und insbesondere im lokalen, stationären Handel erleben. Hier treffe ich Menschen, die ich kenne und mit denen ich gerne rede, hier sind Produkte aus der Region erhältlich, hier lasse ich mich inspirieren und von neuen Ideen anstecken. Diese Art des Einkaufens und Erlebens bekomme ich persönlich nicht im Internet. Daher messe ich dem lokalen Handel eine ganz besondere Bedeutung bei der Darstellung dessen bei, was Handel in seiner Gesamtheit ausmacht.

Gerade auf den Dörfern nimmt die Versorgung besorgniserregende Formen an. Kein Bäcker, kein Metzger, vom kleinen Schreibwarenladen ganz zu schweigen.

In kleineren und mittelgroßen Städten geht die gekannte Vielfalt verloren. Was tun?

Gott sei Dank sind wir insgesamt in Baden-Württemberg noch recht gut aufgestellt, da haben es andere Bundesländer, beispielsweise in Ostdeutschland oder Nordrhein-Westfalen, schwerer als wir – aber ja, Leerstände und schwierige Handelsstandorte findet man natürlich auch in Baden-Württemberg. Eine allgemeingültige Blaupause zur Behebung solcher Entwicklungen gibt es leider nicht. Man muss sich den entsprechenden Standort immer genau anschauen und individuelle Lösungen suchen.

Hierbei gibt es übrigens hervorragende Beispiele im Land, wo durch Engagement und gemeinsames Handeln sämtlicher Beteiligter – wie Kommune, Immobilienbesitzer, Händler und natürlich auch Kunden – ein Standort gesichert und aufgewertet werden konnte. Solche erfolgreichen Beispiele haben wir unter anderem auch in unserer Broschüre zur Nahversorgung in Baden-Württemberg dargestellt, die wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium herausgegeben haben. Ebenso mit unserem traditionellen Stadtmarketing-Preis, den wir Anfang November erneut verliehen haben und der wieder tolle, nachahmenswerte Projekte aus großen und kleinen Kommunen in ganz Baden-Württemberg gezeigt hat.

Wo liegen die Probleme und Defizite, Sie kennen doch die Sorgen und Nöte der Betriebe bestens?

Ein großes Problem der Betriebe besteht oftmals in der fehlenden Nachfolge. Die jüngere Generation hat häufig kein Interesse an der Fortführung der Unternehmung. Passende externe Nachfolger zu finden, ist oft ein noch größeres Problem. Viele Händler waren auch aus der Historie heraus als Einzelkämpfer unterwegs – das ist heutzutage schwieriger als früher. Ohne Partner ist man als Händler heute auf ziemlich verlorenem Posten – starke Partner in Form von Einkaufsgemeinschaften oder guten Kollegen, mit denen man sich ständig und sehr offen austauscht und sogar einkauft, ist ein Muss.

Kann der Internet-Handel ein Rettungsanker sein oder ist er der Totengräber des lokalen Handels?

Aus meiner Sicht kann er weder das eine, noch ist er das andere. Der Handel über das Netz ist für mich Ergänzung, er ist ein großes Stück Kundenservice und damit schlicht Standortsicherung. Eines ist doch unzweifelhaft, wer stationär seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, der wird online nicht plötzlich zum Überflieger mutieren.

Sie kennen unser Projekt „lokalschatz.de“ bereits. Kann ein Online-Marktplatz vor Ort die beiden Welten zusammenführen?

Ein gemeinsamer Marktplatz ist ein ganz hervorragendes Instrument, um einen Standort und seine Händlergemeinschaft digital attraktiv zu machen. Ein gemeinsamer Marktplatz – wie beispielsweise lokalschatz.de – setzt hier die richtigen Impulse und ermöglicht auch kleineren Betrieben den Online-Verkauf von Produkten. Ein attraktiver, gemeinsamer Marktplatz zeigt dem Kunden die Professionalität eines Standortes. Das Potenzial ist sehr groß, aber es bedarf eines langen Atems – denn wie bei jedem stationären Geschäft, gilt auch für einen Online-Marktplatz, dass sich der Kunde zunächst an das neue Angebot gewöhnen muss.