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Philipp Gassert referiert im Rahmen eines Online-Vortrags.  Foto: Meister 

Historiker erklärt Studenten: Internet macht Straßen-Proteste nicht überflüssig

Pforzheim. In einer Welt, in der die Digitalisierung unausweichlich voranschreitet und die Menschen nach der Konstante suchen, haben Straßenproteste ihre urtümliche Kraft nicht verloren. „Protest braucht konkrete Orte“, erläuterte Philipp Gassert in einem Online-Vortrag der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Pforzheim.

Studenten der Fakultät beschäftigen sich aktuell in einem Lehrverbundprojekt mit der Ästhetik von Protestbewegungen. Der Kunst- und Kulturwissenschaftler Robert Eikmeyer hatte mit Gassert einen bekannten Historiker gewonnen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim und forscht seit Jahren über die Geschichte des politischen Protests. Für ihn ist es wenig verwunderlich, dass die Menschen trotz Facebook, Instagram oder Twitter weiterhin hauptsächlich die Straße als Protestform wählen.

„Es geht vor allem darum, dass physische Räume erobert werden und so die mediale Aufmerksamkeit gewonnen wird“, erklärt Gassert. Deshalb würden Bilder – wie der Sturm auf den Reichstag Ende August – von den Demonstranten absichtlich erzeugt. Online ließen sich solche Bilder nicht erzeugen, und deshalb ist sich Gassert sicher, dass der Straßenprotest trotz der digitalen Möglichkeiten fortleben wird.

Historiker warnt davor, die Grenzen zum Extremismus nicht zu ziehen

Zudem sei der Straßenprotest eine Art „Sinnstifter“ und diene dazu, sich als Gruppe in der Gesellschaft zu verständigen. „Pegida ging es allein darum, auf die Flüchtlingsströme aufmerksam zu machen“, erläuterte Gassert. Solche Proteste hätten zwar oftmals geringe Erfolgsaussichten, aber dennoch entstehe eine gesellschaftliche Debatte.

Dabei gehe es nicht um die schiere Zahl der Demonstranten, sondern um die Initiierung. „Die 68er-Bewegung war im Gegensatz zu anderen Strömungen deutlich kleiner, aber hat dennoch ihre Wirkung hinterlassen“, verdeutlichte er. Allerdings warnte er davor, dass es zahlreichen Bewegungen nicht gelinge, die Grenze zum Extremismus zu ziehen und sie sich daher selbst marginalisiere.

Besonders bei den „Querdenkern“ hält er es für fraglich, ob eine Abgrenzung absichtlich nicht gewollt sei. Als weiteren Faktor für Straßenproteste sieht Gassert den historischen Aspekt, sie seit 1945 mit den Teuerungsprotesten ihren Anfang genommen haben. Mit den Protesten der Friedensbewegung hätten sich diese in der Gesellschaft etabliert. Während früher die Arbeiterbewegung auf die Straße ging, sei es heute die außerparlamentarische Mitte.