Zielaufnahme
Zielaufnahme eines Piloten, der eine Bombe über dem Sedanviertel abgeworfen hat. 
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Historischer Ticker: Chronologie der Angriffe am 23. Februar 1945 in Pforzheim

Pforzheim. Es sind bedrückende Momentaufnahmen der Tage vom 22. bis zum 24. Februar 1945, die vier PZ-Mitarbeiter in den vergangenen Jahren zusammengetragen haben. Momentaufnahmen, die im Stile eines historischen Tickers zeigen, was vor 74 Jahren in Pforzheim, aber auch im englischen High Wycombe, im Hauptquartier des „Bomber Command“ der Royal Air Force, passierte.

Anlässlich des 74. Jahrestags des Angriffs auf Pforzheim mit über 17.000 Toten hat die PZ diesen historischen Ticker aktualisiert und stellt ihn ihren Lesern erneut zur Verfügung. Die im folgenden genannten Nachrichten und Fotos beschreiben die Ereignisse, die zur jeweiligen Uhrzeit vor genau 74 Jahren passiert sind. Die Quellen hierfür sind am Ende des Texes aufgeführt.

22. FEBRUAR 1945 

13.00 Uhr: In diesen Minuten startet die Operation „Clarion“ offiziell: Über 8000 Bomber und Jagdflugzeuge der amerikanischen Army Air Force und der britischen Royal Air Force (RAF) sollen am 22. und 23. Februar 1945 über 100 Ziele in Deutschland und Österreich angreifen. Die Aktion hat sowohl taktische als auch psychologische Ziele: Zum einen sollen die Verkehrsnetze weiter zerstört, zum anderen die Stärke der alliierten Luftstreitkräfte verdeutlicht werden.

14.00 Uhr: Fliegeralarm ertönt über Pforzheim – das ist Alltag: Es ist bereits der dritte Alarm des Tages, der 99. alleine im Jahr 1945. Daher suchen manche schon gar keinen Luftschutzkeller mehr auf.

Kleinere Angriffe auf Pforzheim hat es zuletzt vor drei Tagen gegeben: Damals wurden Gasrohrleitungen am Luisenplatz, an der Museumstraße sowie der Westlichen Karl-Friedrich-Straße zwischen Goethestraße und Leopoldplatz zerstört. Bei einem Angriff vor neun Tagen gab es sechs Tote.

14.25 Uhr: Die Pforzheimer, die doch Schutz gesucht haben, kommen wieder nach draußen. Denn der Alarm ist zu Ende, über der Stadt kehrt wieder Ruhe ein. Es ist Donnerstag, viele Menschen sind arbeiten.

14.55 Uhr: Am 22. Februar 1945 sind die Stadt und die Menschen schon durch vergangene Angriffe – etwa an Heiligabend – geprägt. Der letzte Alarm ist noch nicht lange verstummt, da heulen erneut die Sirenen, nun für 15 Minuten.

In Pforzheim gibt es keine kriegsentscheidende, sondern lediglich sogenannte kriegsrelevante Ziele. Auf Prioritätslisten der Alliierten ist die Stadt daher recht weit unten angesiedelt. Truppenverlegungen werden über Pforzheims Bahnhof abgewickelt, zudem haben Teile der Pforzheimer Schmuckindustrie ihre Produktion während des Krieges auf Zünder und Munition umgestellt.

15.35 Uhr: 35 Minuten lang ertönt der fünfte und letzte Fliegeralarm des Tages. Doch es passiert nichts - noch sieht der Marktplatz fast so aus wie auf dem Ende der 1930er-Jahre aufgenommenen Foto. Rechts das Rathaus, links das Kaufhaus Knopf.

Bereits im Dezember 1943 erhielt der Leiter des Pforzheimer Elektrizitätswerks eine Nachricht der Geheimen Staatspolizei. Darin heißt es, dass das Reichsluftfahrtministerium erfahren habe, dass wegen der Zünder, Vernichtungsangriffe auf Pforzheim beabsichtigt sind.

1933 hatten 57,5 Prozent der Pforzheimer die NSDAP gewählt – insgesamt waren es in Deutschland 43,9 Prozent. 

17 Uhr: Die meisten Arbeiter und Angestellten haben Feierabend und machen sich auf den Weg nach Hause. Der Kriegswille ist bei vielen von ihnen bereits gebrochen, sie sehnen sich nach Frieden.

18.30 Uhr: Über Pforzheim ist Dunkelheit eingekehrt. Die Bewohner der Stadt hoffen, an diesem Abend keinen Fliegeralarm mehr zu hören.

Bei der Royal Air Force in England liegen seit Monaten Ziellisten bereit, die immer wieder überarbeitet werden. Neben den wichtigen Hauptzielen gibt es auch Listen für Nebenziele.

Als solche nicht ganz so wichtigen Nebenziele sind 17 Städte genannt. Das bedeutet: Sie sollen aber angegriffen werden, wenn zum Beispiel das Wetter Angriffe auf Städte mit einer höheren Priorität der „Zielliste Mitteldeutschland“ (z.B. Berlin, Leipzig, Magdeburg) verwehrt. Auf Platz 15 der Nebenziel-Liste: Pforzheim.

19.15 Uhr: Auch in vielen Häuser in Pforzheim sind die Lichter bereits aus. Es herrscht Verdunklungspflicht.

23. FEBRUAR 1945

Morgenstunden des 23. Februar: Es ist Freitagmorgen, bei der britischen Royal Air Force (RAF) sind die meisten Führungskräfte wach. Der Meteorologe der RAF sagt für die Abendstunden voraus, dass es über dem Ruhrgebiet und Mitteldeutschland bewölkt sein soll. Das spricht gegen die dortigen Ziele. Im Südwesten soll der Himmel dagegen klar werden.

Morgenstunden des 23. Februar: Wir sind im englischen High Wycombe, im Hauptquartier des „Bomber Command“ der Royal Air Force. Luftmarschall Arthur Harris prüft die Wettervorhersage, dann befiehlt er: Der Hauptangriff gilt Pforzheim, ein kleiner Angriff gilt Berlin, zudem sollen im norwegischen Horten die U-Boot-Anlagen angegriffen werden.

Morgenstunden des 23. Februar: In Pforzheim und den umliegenden Gemeinden stehen die Menschen auf, viele machen sich auf den Weg zur Arbeit. Die Luft ist klar, die Sonne ist zu sehen.

Morgenstunden des 23. Februar: Dass ausgerechnet Pforzheim angegriffen werden soll, hängt also auch mit dem Wetter zusammen. Würde die Sonne etwas weiter nördlich scheinen, hätte es möglicherweise eine andere Stadt getroffen.

9.50 Uhr: Pforzheimer, die bei vergangenen Angriffen geschädigt wurden, holen sich in den Fischläden entlang der Roßbrücke eine Entschädigung ab. Für sie gibt es 250 Gramm Kleinstfische.

10.10 Uhr: Ein Pforzheimer, der gerade seine Fische erhalten hat, will noch eine Bekannte in der Lameystraße besuchen. Da ertönt Fliegeralarm. „Ich befand mich auf der Bleichstraße und rannte ins Café Bäuerle“, erinnert er sich im Buch „Code Yellowfin“. „Der Keller war ungemein tief. Ich sagte zu Frau Bäuerle: 'Wenn da was passiert, kommen wir nimmer raus.' Sie lachte und meinte, es sei ein guter, solider Weinkeller.“ Am Abend sterben dort alle.

10.25 Uhr: Per Fernschreiber geht bei den Flottenkommandeuren der britischen Bomberflotte (Royal Air Force) und der amerikanischen Luftwaffe (Army Air Force) diese Anweisung ein:

„Yellowfin“ (deutsch: „Goldflosse“, ein Thunfisch) war der Codename für Pforzheim. Der britische Luftmarschall Robert Saundby war Sportangler und hatte sich für 94 deutsche Städte Fischnamen zur Tarnung ausgedacht. Übersetzt steht neben "Yellowfin": "Zerstörung des bebauten Stadtgebietes sowie anliegender Industrieanlagen und Bahneinrichtungen."

10.55 Uhr: In Pforzheim ertönt zum zweiten Mal an diesem Tag Fliegeralarm - er dauert 15 Minuten.

11.30 Uhr: Little Staughton, gut 100 Kilometer nördlich von London: Für ein Manöver im Dezember in Köln wird der RAF-Pilot Edwin Swales aus Südafrika mit dem "Distinguished Flying Cross" ausgezeichnet. Gemeinsam mit seiner Crew posiert der 29-Jährige (auf dem folgenden Foto: oben, Mitte) auf dem Flugplatz. Eine gute halbe Stunde später wird er einen weiteren Auftrag erhalten.

11.45 Uhr: Rund 800 Kilometer Luftlinie entfernt liegt Pforzheim. Dort ist das laute Brummen von Fliegern zu hören. Einzelne Maschinen kreisen niedrig über der Stadt – so ist es in den Anweisungen der Operation „Clarion“ angegeben. Wieder heulen die Sirenen. Bis um 14.10 Uhr geht der Alarm, Bomben fallen aber keine.

12.00 Uhr: Auch die Flotte 8 erhält ihren Einsatzbefehl. Die sogenannten „Pfadfinder“ sind wichtig, weil sie die Zielmarkierungen – Leuchtbomben – abwerfen. Ihnen wird mitgeteilt, dass sie die ersten Markierungen am Marktplatz setzen sollen, welche Funkfrequenzen gelten und welche Codes für die Kommunikation zwischen den Bombern genutzt werden.

12.05 Uhr: Der 29-jährige Südafrikaner Edwin Swales erfährt, dass er am Nachmittag den 41. Einsatz seiner Laufbahn fliegen soll: Als Master Bomber (von den Deutschen „Zeremonienmeister“ genannt) wird er die Angriffe auf Pforzheim leiten.

12.30 Uhr: Einsatzbesprechungen der Bomberflotten auf den Flugplätzen der Grafschaften East Anglia, Lincolnshire, Yorkshire und Kent. Vor ihnen steht eine verhüllte Tafel.

ca. 12.45 Uhr: Die Soldaten erfahren die Gründe, weshalb die Stadt nahe der Westfront bombardiert werden soll: Sie sei ein Eisenbahnknotenpunkt, habe Militär in der Stadt und Industrie. Diese Gründe werden den Soldaten bei den meisten Angriffen genannt.

ca. 12.33 Uhr: Die Geschwaderkommandanten nehmen die Tücher ab. Die Crews sehen eine Karte mit ihrem Ziel: Pforzheim – eine Stadt, die den meisten von ihnen völlig unbekannt ist.

ca. 13.15 Uhr: Für die Soldaten in England gibt es Schinken mit Ei als Mittagessen, danach verladen sie die Bomben.

14.10 Uhr: Rund 450.000 Bomben sind nun an Bord der insgesamt 379 Flugzeuge. Darunter sind auch Flieger, die nur zum filmen oder zur Beobachtung des Wetters eingesetzt werden. Eine solch große Zahl an Bomben passte in die Flieger, weil die meisten davon sechseckige Stabbrandbomben sind. Ihr Durchmesser beträgt nur 4 cm, sie sind 1,8 Kilogramm leicht.

15 Uhr: Im südenglischen Reading (westlich von London) formieren sich die ersten Lancaster-Maschinen (Langstreckenbomber) zur Bomberflotte.

ca. 15.15 Uhr: Immer mehr Maschinen kommen an. In den Lancaster-Fliegern sitzen sieben bis acht Mann, bis zu 460 Stundenkilometer können die viermotorigen Langstreckenbomber schnell werden.

15.45 Uhr: In Pforzheim herrscht zu diesem Zeitpunkt Ruhe. Kein Fliegeralarm ist zu hören, die Menschen gehen ihren normalen Tätigkeiten nach - soweit während des Krieges überhaupt von einem "Normalzustand" die Rede sein kann.

16.15 Uhr: In Reading wartet man auf den Master Bomber Swales.

16.30 Uhr: Fast alle 362 Lancaster-Maschinen sind eingetroffen.

16.40 Uhr: Swales' Master Bomber kommt an.

16.45 Uhr: Der Einsatz beginnt: Die Flieger der Royal Air Force steigen hoch, am Himmel hängen die Wolken tief. Daher fliegen sie unter der Wolkendecke.

16.45 Uhr: Zur gleichen Zeit wird in Pforzheim der vierte Fliegeralarm des Tages ausgelöst – jedoch wegen anderer Flugzeuge, die im Südwesten Deutschlands auftauchen. Die öffentlichen Luftschutzräume und -stollen sind an diesem Tag fast die ganze Zeit besetzt.

16.55 Uhr: Die Lancaster-Maschinen erreichen die englische Küste, das Wetter bessert sich.

17.00 Uhr: Die Bomberflotte überquert den Ärmelkanal. An Bord haben sie 731 Tonnen hochexplosive Bomben (706 Stück, 225 bis 1800 Kilo schwer) und 820 Tonnen Brandbomben (448672 Stück).

17.28 Uhr: Jetzt erreicht die Spitze der Flotte nahe Le Havre die französische Küste. Weiter geht es in Richtung Südosten bis Paris, danach in Richtung Nordosten bis Haguenau. Auf der Karte ist die Route eingezeichnet – für den Hinflug, für den Rückflug und für die Ablenkungsangriffe im Westen Deutschlands.

17.40 Uhr: Das Brummen der vereinzelt über Pforzheim fliegenden Jagdbomber wird leiser – sie entfernen sich.

17.45 Uhr: Eine Stunde, nachdem der Fliegeralarm ausgelöst wurde, gibt es Entwarnung. Besonders Arbeiter und Angestellte atmen auf. Sie können sich jetzt auf den Heimweg machen, Züge und Busse bringen die Pendler in ihre Wohnorte im Umland.

17.52 Uhr: In Little Staughton und Bourn (Mittelengland) steigen nun auch die Mosquitos der Flotte 8 auf. Sie können höher fliegen und sind mit bis zu 700 km/h schneller als die Lancasters.

18.05 Uhr: Es ist bereits recht dunkel über Pforzheim, der Abend ist angebrochen.

Ab 18.30 Uhr müssen die Häuser in Pforzheim verdunkelt werden – so steht es an diesem Tag im „Pforzheimer Anzeiger“.

18.45 Uhr: Noch sind die Bomberströme über Frankreich, sie nähern sich aber der deutschen Grenze.

19.00 Uhr: Nicht nur nach Pforzheim sind Maschinen der Alliierten unterwegs. Einige wenige Flugzeuge fliegen auch in Richtung Belgien und West-Deutschland.

19.10 Uhr: Die Alliierten verwirren die deutschen Flugmeldedienste: Acht Stirling-Flugzeuge erzeugen über Belgien einen sogenannten „Mandrel Screen“. Das ist eine funkelektronische Störwand.

19.23 Uhr: Über Belgien und Neuss werfen nun 26 verschiedenen Maschinen Düppelstreifen ab. Mit ihnen werden Radargeräte gestört. Normalerweise verstecken sich dadurch angreifende Flugzeuge vor Nachtjägern. Heute ist das Ziel ein anderes: Die RAF täuscht vor, starke Bomberströme würden in Norddeutschland einfliegen.

19.30 Uhr: In Pforzheim lauschen die Menschen den Radio-Durchsagen. Dort wird ein kleiner Bomberverband über Rastatt in östlicher Richtung gemeldet. Manche Pforzheimer befürchten, dass sie das Ziel sein könnten. Sie suchen sich Schutzräume.

19.37 Uhr: Über Pforzheim kommt die erste Mosquito-Maschine an. Sie beobachtet das Wetter.

19.42 Uhr: Mosquito-Pilot Adams funkt an Master Bomber Swales: "Über dem Ziel: Mond dreiviertel voll, klar, keine Wolkenbänke, leichter Bodennebel. Sicht gut. Alles in Ordnung – viel Glück."

19.45 Uhr: Deutsche Nachtjäger in Großsachenheim und Schwäbisch Hall erhalten die Nachricht vom "überraschenden Auftreten eines Kampfverbandes von 200 Flugzeugen südwestlich von Karlsruhe".

19.47 Uhr: Master Bomber Swales gibt die letzten Anweisungen an die Piloten der 362 Lancaster-Maschinen. Er gleicht die Uhrzeit ab, dann stellt er die Funkanlage fünf Minuten lang aus, um keine Nachtjäger anzulocken.

19.48 Uhr: Erst jetzt wird in Pforzheim Fliegeralarm ausgelöst. Das laute Signal bedeutet: „Akute Luftgefahr.“ Im nächsten Moment sind laute Motorgeräusche zu hören. Viele Bewohner erschrecken, hetzen in Luftschutzräume – und plötzlich sind auch die ersten Flieger über der Stadt zu sehen.

19.50 Uhr: „500 schwere Bomber“ meldet der deutsche Flugmeldedienst.

19.52 Uhr: Sechs Mosquitos werfen über Pforzheim 24 rote Markierungen ab. Ihr Ziel ist der Marktplatz.

19.52 Uhr: Pfadfinder-Lancaster werfen nun Leuchtbomben ab. Diese sogenannten „Christbäume“ erhellen das Zielgebiet: grün für das Zielgebiet, gelb und weiß für den Bereich außenrum.

19.53 Uhr: Die ersten deutschen Nachtjäger fliegen in Richtung Karlsruhe. Sie sehen bereits den Schein der „Christbäume“. Im Stadtzentrum bricht Panik aus, Bewohner versuchen, noch irgendwie zu entkommen. Ihnen bleiben nur noch Sekunden.

19.54 Uhr: In das Gebiet des Gaswerkgeländes fällt die erste Sprengbombe, Sekunden später folgen Sprengbomben und Luftminen an vielen anderen Orten in der Stadt. Sie reißen Häuser auf und schaffen in der dicht bebauten Innenstadt Nischen und Zugluft. Der Sauerstoff nährt noch größere Feuer.

ca. 19.56 Uhr: Die Royal Air Force fliegt kleinere Ablenkungsangriffe auf Darmstadt, Essen, Frankfurt, Worms und Neuss.

19.58 Uhr: „Fangt an“ funkt Captain Swales an die Lancaster-Bomber – der Hauptangriff beginnt. 90 Bomber werfen in der ersten Angriffswelle Minen, Spreng- und Brandbomben. "Heftiger Feuerbrand im Gebiet des Zusammenflusses der beiden Wasserläufe", funkt ein Pilot. Wahrscheinlich meint er die Au.

ca. 20 Uhr: In den Schutzräumen herrscht Angst. Eine Flut von Einschlägen ist zu hören, das Licht geht aus, Glas klirrt, Decken brechen ein. In der Wimpfener Straße werden die Menschen beispielsweise „überschüttet von einem Hagel von Steinen, Staub, Qualm, Ruß und Sand. Und immer über und um uns das rasende Knallen und Knattern der Einschläge“, erinnert sich Johanna Stöber im Buch „Untergang einer Stadt“.

20.02 Uhr: Die engen Gassen in der Innenstadt und der Au gleichen einem Feuermeer, während die dritte Angriffswelle läuft. Die Flächenbrände steigern sich zum Feuersturm, der nun seinen Höhepunkt erreicht. Der Himmel ist blutrot gefärbt.

Es wird heißer und heißer. Brennendes Phosphor fließt in manche Keller. Die Menschen sind gezwungen, aus ihnen zu fliehen – sie müssen raus, ins Inferno.

20.03 Uhr: Über dem Sedanviertel entsteht ein orangefarbener Explosionspilz – das folgende Foto zeigt die Zielaufnahme des Piloten, der hier um 20.03 Uhr eine Mine und eine Brandbombe abgeworfen hat. Überall in der Nähe können die Leute vor Hitze nicht mehr stehen, sie stürzen, verbrennen. "Die einen beteten, die anderen schrien, manche rannten direkt ins Feuer", ist bei Esther Schmalacker-Wyrich zu lesen.

20.04 Uhr: Tausende Häuser sind geborsten, Tausende Menschen liegen unter Schutt begraben. Sie spüren die drückende Last und eine unerträgliche Hitze. Schreie sind zu hören, aber noch lauter ist das Heulen des Feuerorkans und das Pfeifen und Krachen herumfliegender Splitter und Trümmer.

20.05 Uhr: Funkspruch eines Lancaster-Piloten: "Man kann die ganze Stadt ganz einfach abschreiben." Zeitgleich wird eine andere Lancaster von einem deutschen Nachtjäger abgeschossen.

20.06 Uhr: Ein Bombenteppich liegt über Pforzheim. Giftiger Qualm legt sich auf die Atemwege vieler Einwohner.Der Rauch ist so dicht, dass die rund 100 Maschinen der vierten und letzten Welle nicht mehr erkennen, wohin genau sie ihre Bomben werfen.

ca. 20.08 Uhr: Das Nonnenmühlwehr ist beschädigt, entlang der Arkaden bahnt sich die Enz ihren Weg. Viele Menschen ertrinken dort, sie schreien um Hilfe. Doch niemand hört sie. Ähnlich ergeht es vielen in Kellern der Zerrennerstraße und am Waisenhausplatz, wo der Mühlkanal und ein Vorflutkanal brechen. Auch im Ufa-Keller ertrinken die Fluchtsuchenden.

ca. 20.09 Uhr: Ein 16-jähriges Mädchen rettet sich aus einem Keller und schleppt sich die Leopoldstraße entlang. „Bei Rieckers Buchhandlung kann sie nimmer weiter. Dort findet man sie am nächsten Morgen mit schweren Brandverletzungen“, erinnert sich Maria Aab. Das Mädchen stirbt später bei Freunden.

20.10 Uhr: Die letzten der 448.000 Stabbrandbomben werden abgeworfen. Der Feuerschein ist noch auf 200 Kilometer Entfernung zu sehen, die Rauchsäule ist bis zu 3000 Meter hoch.

20.11 Uhr: Ab 20.11 Uhr schießen Nachtjäger noch fünf weitere Lancaster-Maschinen ab – die letzte um 20.30 Uhr südwestlich von Freudenstadt.

ca. 20.15 Uhr: Die Bombardierung ist vorbei, doch noch immer explodieren Bomben in der Innenstadt. 38579 sind mit einem Zeitzünder versehen: Die meisten zünden drei bis acht Minuten nach dem Abwurf, meterlange Stichflammen entstehen.

ca. 20.18 Uhr: Weiterhin erschüttern Explosionen die Stadt. Daher trauen sich viele Pforzheimer noch nicht aus ihren Kellern. Aber manchen bleibt nur die entsetzliche Wahl, wie sie sterben wollen: In den Kellern geht der Sauerstoff aus, viele ersticken. Doch vor den Kellern wüten Feuerglutwellen.

ca. 20.20 Uhr: Die Ersten, die sich den Weg freigraben, sehen und fühlen das reine Grauen: überall Schuttberge, überall Flammen, überall Rauch, überall Hitze, überall Tote.

20.22 Uhr: Pforzheim gleicht einem Trümmermeer. Dieses Foto wurde nach dem Krieg aufgenommen:

ca. 20.25 Uhr: Wer nahe der Flüsse überlebt hat, versucht, ins Wasser zu fliehen. Aus den brennenden Häusern an der Roßbrücke (von dort ist das folgende Foto aufgenommen) springen die Menschen in die Enz, auch die Nagold wird für manche zur Rettung. Doch zwischen den Geretteten treiben auch viele Leichen in den Gewässern. Denn ins Wasser fließt brennendes Phosphor.

20.40 Uhr: Noch immer harren viele Pforzheimer in ihren Bunkern aus. Manche haben Teppiche und Bettzeug zum Schutz vor herabfallenden Trümmern über den Kopf gezogen. Doch das Feuer entzieht der Luft immer mehr Sauerstoff. Schutzräume werden so zur Todesfalle.

Vom Gaswerk bis über das Osterfeld hinaus ist die Stadt auf einer Fläche von drei Kilometern in Ost-West-Richtung und auf eineinhalb Kilometern in Nord-Süd-Richtung zerstört. Mehr als 1500 Tonnen an Luftminen, Spreng- und Brandbomben wurden abgeworfen.

Der Feuersturm ist so stark, dass er Briefbögen eines Pforzheimer Arztes bis nach Stuttgart-Degerloch und Zuffenhausen weht.

20.45 Uhr: An der Gustav-Rau-Straße steht Lotte Kunzmann, eng umschlungen mit ihrer Familie. Sie sind gerettet. Später erinnert sie sich: „Ein schrecklicher Anblick von hier oben: die brennende Stadt, zerborstene Mauern, unser zerstörtes, brennendes Haus. Der Feuersturm war entsetzlich. Jetzt flogen keine Flugzeuge mehr, aber immer noch detonierten Bomben.“

20.50 Uhr: Fast alle wichtigen Firmen, Geschäfte und Lokale sind zerstört. Vom Bohnenberger Schlößle (Foto) steht nur noch ein kleiner Rest, in einem öffentlichen Luftschutzkeller darunter liegen die Leichen von Menschen, die Schutz gesucht haben. Sie haben Schaum vor dem Mund. Vor dem Eingang war eine Luftmine geplatzt, der Luftdruck hat alle getötet.

17600 Getötete sind es in dieser Nacht mindestens, vermutlich noch mehr. Mehr als 30 Prozent der Pforzheimer Bevölkerung sind bei Kriegsende tot. Von manchen findet man nur noch die Knochenreste, Asche – oder überhaupt nichts mehr.

98 Prozent der Innenstadt sind zerstört, von ganz Pforzheim sind es 67,5 Prozent. Darunter fast alle historischen Gebäude wie die Schloßkirche, die Barfüßerkirche, die Altstädter Kirche, das Rathaus und die Hauptpost. Die zerstörten Gebäude sind auf der Karte schwarz eingezeichnet.

ca. 21.10 Uhr: Auch das Feuerwehrhaus am Waisenhausplatz ist zerstört, insgesamt 71 Feuerwehrleute starben.

Auch an der heutigen Kreuzung Leopoldstraße/Östliche KF wurde alles zerstört.

ca. 21.20 Uhr: Wie Thomas Frei im Buch „Pforzheim – Auf dem Weg zur neuen Stadt“ schreibt, können die aus 24 Nachbargemeinden herbeigeeilten Feuerwehren nur am Stadtrand löschen. Sie kommen nicht durch die zwei bis drei Meter hohen Schuttmassen hindurch. Zudem ist die Löschwasserversorgung ausgefallen, drei Brandweiher sind leergelaufen.

Erfolge gibt es nur wenige: im Osten rettet die Feuerwehr Gaswerkanlagen und im Westen die zum Hauptlazarett umfunktionierte Osterfeldschule vor dem vollständigen Niederbrennen.

ca. 22 Uhr: Schon jetzt, aber noch bis tief in die Nacht hinein, machen sich Überlebende auf den Weg gen Stadtrand, etwa nach Brötzingen und ins Rodgebiet. Sie haben durchgebrannte Schuhsolen, Wunden am ganzen Körper, einige sind fast blind – aber sie haben überlebt.

Drei von vier Rettungsstellen in der Stadt fallen aus: Nordstadtschule, Museum und Schwarzwaldschule. Nur das Gymnasium blieb erhalten. Dort versorgen anfangs einer, später zwei Ärzte unzählige Verletzte.

23.00 Uhr: Master Bomber Swales versucht an der belgisch-französischen Grenze eine Notlandung. Er war um 20.06 Uhr von deutschen Nachtjägern getroffen worden. Seine Crew kann abspringen, er selbst verfängt sich mit seiner Maschine in einer Hochspannungsleitung. Die Lancaster explodiert, Swales stirbt.

Ab ca. 23.02 Uhr: Die ersten RAF-Maschinen kommen auf den englischen Flugplätzen an. Bis 1 Uhr schreiben die Crews ihre Eindrücke vom Einsatz nieder.

ca. 23.20 Uhr: Noch immer wütet das Feuer in der gesamten Innenstadt

24 Uhr: Erst jetzt wird es in Pforzheim wieder ein wenig leiser: Es sind kaum noch Explosionen zu hören.

In der Nacht auf den 24. Februar erfolgen Vorbereitungen, um im Seehaus eine Großküche in Betrieb nehmen zu können. In Eutingen, Würm, Dietlingen, Büchenbronn, Huchenfeld und Dillweißenstein werden Kochstellen eingerichtet. In den ersten Tagen nach dem Angriff werden so rund 30.000 Menschen versorgt.

24. FEBRUAR

Morgenstunden des 24. Februar: Beißender Rauch hängt über Pforzheim. Überlebende kehren in die Innenstadt zurück, suchen Freunde und Verwandte. Doch viele Wege sind von meterhohen, heißen Trümmerbergen versperrt.

Morgenstunden des 24. Februar: Helmut Moessner erinnert sich: „Morgens früh ging ich nach Pforzheim zurück. Beim Messplatz sah ich die ersten Toten liegen. Schrecklich verstümmelt – Menschen, die wie Puppen zusammengeschrumpft waren. Eine Mutter, die ihr Kind noch schützend im Arm hielt – beide halbverbrannt – ein Albtraum.“

ca. 7.30 Uhr: Dünner, trüber Sprühregen fällt auf Pforzheim, die Luft schmeckt nach Rauch. Die Menschen klettern über verkohlte Trümmerberge zu den Resten ihrer Häuser.

ca. 8 Uhr: In Karlsruhe lesen Menschen in der Tageszeitung „Der Führer“ den lapidaren Hinweis: „In den frühen Abendstunden richtete sich ein schwerer britischer Angriff gegen Pforzheim.“ Negativberichte sind unerwünscht, Durchhalteparolen werden ausführlich gedruckt.

Dort, wo man in die Stadt kommt, sieht man fast überall Leichen. Vereinzelt sind auch noch Klopfzeichen zu hören. Doch für die meisten Verschütteten kommt jede Hilfe zu spät

ca. 8.30 Uhr: Die Überlebenden müssen erkennen, dass die Innenstadt zum Massengrab geworden ist. Auf Handkarren und Leiterwagen ziehen sie die Toten. An der Friedhofskapelle ist ein Leichenberg aufgeschüttet.

Der Pforzheimer Max Gaupp erinnerte sich später an das Trümmerfeld: "Dillsteiner Straße, Jahnstraße, Turnplatz. Kein Haus mehr! Hinüber über das Brückchen bei der Reichsbank. Keine Reichsbank mehr, keine Oberrealschule, kein Gymnasium. Im Wasser schwimmen Tote." Das Foto zeigt den Turnplatz. 

9.00 Uhr: Auch die Bahnhofsstraße und die Goethestraße sind von Trümmern übersät. Einzig der Bezirksamtsturm bleibt zum Teil erhalten.

Alleine in einem Keller am Schloßberg gibt es 900 Tote, im Restaurant „Zum Beckh“ am Marktplatz sind etwa 400 ums Leben gekommen. Selbst Metalle sind zu Klumpen verschmolzen.

Vormittag des 24. Februars: Viele Menschen sind ins Umland geflohen, nur noch rund 30.000 sind in der Stadt. Im Verwaltungsbericht der Stadt Pforzheim heißt es: "Die Überlebenden fanden in den erhalten gebliebenen Randbezirken der Stadt, in Baracken und Gartenhäuschen ein behelfsmäßiges, ja vielfach menschenunwürdiges Unterkommen. Aber auch in den Ortschaften der Landkreise Pforzheim, Vaihingen und Calw suchten viele Ausgebombte ein Obdach." (Genauere Karten und Daten finden Sie hier)

Blick in die zerstörte Schillerstraße.

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Bildergalerie

Der Bildervergleich: Pforzheim 1945 - 2015

10.30 Uhr: Inzwischen sind militärische Rettungsmannschaften in die Innenstadt vorgedrungen. Sie transportieren die ersten Schwerverletzten ab

ca. 11.00 Uhr: In der Buckenberg-Kaserne wird auf die Schnelle ein Verbandsplatz eingerichtet. Helfer bringen blutverschmierte Verletzte. Es werden immer mehr.

Zur Mittagszeit kreisen erneut Flieger, es sind Jagdbomber, über der Stadt. Einen Alarm gibt es nicht. Denn alle Sirenen sind zerstört.

Die Luftaufnahme der Royal Air Force vom 28. Februar (oben die Bahnanlagen, unten der Zusammenfluss von Enz und Nagold) zeigt eine Ruinenstadt. Es ist Pforzheim.

Zweieinhalb Monate später – am 8. Mai 1945 – endet der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands. 110 Millionen Soldaten hatten gekämpft, 60 bis 70 Millionen Menschen sind gestorben. Mehr als die Hälfte der Toten sind Zivilisten, darunter rund 1,2 Millionen Deutsche, 5,7 Millionen Polen und 14 Millionen Sowjetbürger. Rund sechs Millionen Juden sind in der Shoah durch das Deutsche Reich systematisch ermordet worden. Sechs Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 liegt Europa in Trümmern. Auch deswegen sollte die Zerstörung Pforzheims vor 70 Jahren nicht nur schmerzvolle Erinnerung, sondern auch Mahnung und Lehre sein.

Quellen der Einträge waren neben vielen Augenzeugenberichten das Archiv der „Pforzheimer Zeitung“, die Bücher „Code Yellowfin“, „Pforzheim – Auf dem Weg zur neuen Stadt“ und „Der Untergang einer Stadt“ sowie die Verwaltungsberichte der Stadt Pforzheim aus den Nachkriegsjahren.(Autor: Simon Walter. Mitarbeit: Julia Falk, Thomas Frei und Stefan Dworschak. Anmerkungen und Kritik können Sie gerne an PZ-Redakteur Simon Walter übermitteln: an simon.walter@pz-news.de, per Post an die Poststraße 5, 75172 Pforzheim)

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