nach oben
Mit der Rolle der Frau und der Befreiung von Zwängen haben sich die beiden Schmuckdesignerinnen Theresa Schwaiger (links) und Sophie Bernauer, kurz „Tessoph“, in ihrer Arbeit „Girlpower“ beschäftigt. Foto: Meyer
11.07.2019

Hochschul-Werkschau der Gestalter: Die Intelligenz der Zukunft

Pforzheim. Bei der Werkschau der Designstudenten an der Hochschule Pforzheim dreht sich diesmal vieles um Nachhaltigkeit. Die innovativen Arbeiten der Studierenden sind am Wochenende zu sehen.

Bildergalerie: Werkschau der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim

Von Schwaben kann man vor allem eines lernen: Sparen. Dass diese Knausrigkeit durchaus Potenzial hat, Grundlage einer nachhaltigen Kollektion zu sein, zeigt Modeabsolventin Alicia Barabasch mit ihrer Arbeit „Alläs isch nia hee (Alles ist nie kaputt)“. Die verwendeten Materialien – Tischdecken, Geschirrtücher und Strickweste – stammen allesamt aus dem Haushalt ihrer Mutter. „Ich habe schon früher bemerkt, wie schwer es mir fiel, Stoffe zu verschwenden“, erzählt die 23-Jährige. Die Herausforderung: Die vorhandene Stoffmenge entschied über Form und Größe der Kleidungsstücke. Und weil ja nie wirklich etwas kaputt ist, hat Barabasch eine Tischdecke mit Tulpenmotiv kurzerhand im Handstich, einer japanischen Reparaturtechnik, auf Stoff aufgebracht.

Überhaupt stehe neben der Digitalisierung insbesondere die Nachhaltigkeit bei den im Rahmen der Werkschau der Fakultät für Gestaltung von Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. Juli, präsentierten Semester- und Abschlussarbeiten wesentlich stärker im Vordergrund als noch vor fünf Jahren, beobachtet Prodekan Professor Matthias Kohlmann. Mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit müsse sich auch die Hochschule auseinandersetzen: „Warum neue Produkte herstellen, wenn es schon so viele gibt?“

Gewohnheiten überdacht hat auch Industrial-Designer Leonard Staigle. Er legte seinen Fokus auf das umweltschonende Reisen mit dem Fahrrad – und entwickelte hierfür einen multifunktionalen Anhänger, zugleich Gepäcktransportfläche und Schlafkonkon. Er bringt nur die Hälfte des Gewichts herkömmlicher Anhänger auf die Waage und schafft Unabhängigkeit beim Entdecken der Welt.

Auf gedruckten Sohlen

In unbekannte Sphären vorgedrungen ist auch Accessoiredesignerin Carla Schnell. Mit ihrer sechsteiligen Sneakers-Kollektion beleuchtet sie die Verschmelzung von künstlicher und menschlicher Intelligenz. Sind die Schuhe anfangs farblich angelehnt an Haut und Adern und die Sohlen Knochen und Zellen nachempfunden, besteht das sechste Modell aus technologischen Materialien und harten Kanten an den vom 3D-Drucker hergestellten Sohlen.

Einen anderen Weg geht Schmuckdesigner Xin Liu mit seinen vier filigranen Objekten. Der Absolvent, der auch den aktuellen Goldstadt-Pokal geschaffen hat, ahmte den Fertigungsprozess eines 3D-Druckers von Hand nach. Diese Methode ermöglicht Formen, die bislang so nicht realisierbar waren. Ein zeitintensives Unterfangen. Keine Zeit für Müßiggang.

Etwas, das in der heutigen Leistungsgesellschaft keinen Platz habe, hat Tanja Weikum (Visuelle Kommunikation) beobachtet. Sie hat deshalb die Protestbewegung „Lazy Monday“ ins Leben gerufen. Mit Plakaten fordert sie in Zeiten von Reizüberflutung und Burnout auf, den Gedanken nachzugehen: „Es ist nie zu spät, nichts zu tun.“ Ganz so entspannt lief die Vorbereitung dennoch auch bei ihr nicht ab: „Das war schon sehr stressig“, gesteht die Bachelor-Absolventin, die mit reduzierten Botschaften Aufmerksamkeit erzielen möchte.

Auch beim autonomen Fahren werden die Formen immer simpler. Damit sich der Insasse dennoch wohlfühlt, hat Lukas Rossnagel (Transportation Design) das Interieur seines Hondamodells an japanische Teeräume angelehnt. Mit Masterstudent Maximilian Thomas geht es unter Wasser. In Kooperation mit der Luxusmarke Lagonda animierte er ein schnittiges Unterseeboot, in dem er den nächsten Kontrahenten James Bonds wähnt.

Auf die Kräfte von Naturheilpflanzen besinnt sich indes Sandra Bossenmaier zurück. Sie ist eine der ersten Absolventen des Master-Studiengangs „Design & Future Making“. Ausgehend vom menschlichen Fuß als Schnittstelle zu seiner Umgebung, konzipierte sie Einlegesohlen aus Pestwurz und Schafgarbe. „Sie sorgen für ein natürliches Gefühl im Schuh“, so Bossenmaier. Durch die Texturen laufe der Träger bewusster.

Natürliche Materialien verwendeten Martin Bergmann und Andreas Egloff für ihren umweltfreundlichen Spülschwamm „Clearo“. Wie berichtet, ist das Produkt aus Luffagurke mittlerweile für den Green Concept Award 2019 nominiert. Bergmann, der sich als Industriedesigner ursprünglich mit dem Umbau alter Mopeds auf Elektroantrieb befasste, wird ab September an der Hochschule arbeiten. Sobald ein fixer Partner gefunden ist, soll der Schwamm dann auch auf den Markt kommen. Für Besucher der Werkschau ist der Schwamm bereits am Wochenende im Design-Shop erhältlich.

Preisverdächtige Fakultät

„Generell haben wir in diesem Semester außergewöhnlich viele Preise und Auszeichnungen erhalten“, freut sich Prodekan Kohlmann. Besonders steche das Accessoire-Design hervor mit gleich vier nationalen Preisen. Da man nicht in den klassischen Rankings gelistet sei, spreche neben den Auszeichnungen auch die Vermittlung der Bachelor-Absolventen in Masterstudiengänge für die Qualität der Fakultät. Mit insgesamt 270 Bewerbern kämen nach wie vor rund drei Anwärter auf einen Studienplatz.