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PZ-Mitarbeiterin Michaela Schulz zeigt, in welchen Bereichen sich Smart City im Alltag der Bürger positiv auswirken kann. 

IT-Experte im Interview: So wird Pforzheim zur Smart City

Die Goldstadt als digitaler Vorreiter: Geht es nach den Plänen der Stadtverwaltung, soll Pforzheim zur „Smart City“, also zu einer schlauen Stadt werden. In etlichen Lebensbereichen soll der Alltag der Bürger mittels digitaler Hilfe unbeschwerter und komfortabler werden – in der Schule, im Verkehr, bei Behördengängen und ganz allgemein in der Freizeit. Was es dazu braucht? Das erklärt Kevin Lindauer im Gespräch mit der PZ.

PZ: Herr Lindauer, wie oft haben Sie in den letzten 48 Stunden im Handy oder auf dem Rechner nach etwas gesucht, was mit Pforzheim zu tun hat?

Kevin Lindauer: Ich habe nicht gezählt, aber sicher mehrere dutzende Male. Im Rahmen meiner Tätigkeit beschäftige ich mich täglich mit Themen, die für Pforzheim relevant sind. Besonders interessieren mich aktuelle Entwicklungen, sowohl die Digitalisierung der Pforzheimer Unternehmen und Gesellschaft betreffend, als auch allgemeine wirtschaftsrelevante Themen.

Pforzheim ist die erste deutsche Stadt mit einem flächendeckenden freien Wlan gewesen. Wie steht es denn mit der Digitalisierung und Vernetzung der Stadt?

Mit PF-Wlan hat Pforzheim eine Vorreiterrolle unter den deutschen Großstädten eingenommen und damit im ganzen Land für große Aufmerksamkeit gesorgt. Durch die Entwicklung zur Smart City könnte Pforzheim erneut ein Wegbereiter für Innovation und ein Leuchtturm für die gesamte Region werden. Mit dieser Vision hat unser Oberbürgermeister Peter Boch im vergangenen Jahr einen Digitalisierungsbeirat ins Leben gerufen, der Pforzheim auf dem Weg zur digitalen Stadt begleitet und berät. Dieser setzt sich aus Vertretern der IT- und Medienbranche, der Hochschule Pforzheim, der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald, der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald und der Handwerkskammer zusammen. Mithilfe der Mitglieder des Beirates konnten wir inzwischen bereits die Basis für die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie für Pforzheim schaffen. Das Förderprogramm des Bundes käme nun genau zum richtigen Zeitpunkt, um hierauf aufzubauen und den digitalen Wandel gemeinsam mit der gesamten Stadtgesellschaft und allen Akteuren Pforzheims proaktiv voranzutreiben.

Pforzheim soll eine Smart City werden. Was heißt das?

Die Smart City ist eine Stadt, die die Potenziale digitaler Technologien in allen Lebensbereichen nutzt, um ihren Ressourcen- und Energieeinsatz zu verringern, die Lebensqualität ihrer Bewohner zu erhöhen sowie die Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Die Digitalisierung ist im Kontext der Smart City aber nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern vielmehr als Mittel, um in allen Bereichen des städtischen Lebens Verbesserungen zu erzielen und einen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger zu schaffen.

Welche Vorteile bringt eine Smart City dem einzelnen Bürger dieser Stadt?

Die Entwicklung zur Smart City bietet eine große Chance, den gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen der Stadtentwicklung zu begegnen. Im Mittelpunkt steht hierbei immer der Mensch, dessen Lebensqualität durch die Digitalisierung erhöht werden soll. Für die Bürgerinnen und Bürgern ergeben sich in einer digitalen Stadt hierdurch Vorteile in nahezu allen Lebensbereichen. Ich möchte dies an zwei Beispielen deutlich machen: Viele Bürgerinnen und Bürger verbinden Behördengänge mit langen Wartezeiten und bürokratischen Hürden. Die Digitalisierung von Serviceleistungen der kommunalen Verwaltung ermöglicht es den Bürgerinnen und Bürgern, notwendige Behördengänge einfach und bequem von zu Hause aus, komplett losgelöst von Öffnungszeiten, vorzunehmen. Auch im Bereich der Mobilität bietet eine digitale Stadt ihren Bürgerinnen und Bürgern spürbare Vorteile. Wie in vielen anderen Städten ist die zunehmende Verkehrsbelastung auch in Pforzheim eine große Herausforderung. Durch den Einsatz digitaler Technologien können die örtliche Verkehrssteuerung optimiert und Staus aber auch Luftverschmutzungen und Lärmemissionen reduziert werden. Darüber hinaus schafft die Digitalisierung gänzlich neue Verkehrsoptionen wie beispielsweise Leih- und Sharing-Angebote und vernetzt diese mit dem öffentlichen Personennahverkehr. Den Bürgern bietet sich hierdurch eine maßgeschneiderte Mobilität mit hoher Flexibilität.

Die Stadt hat einen Antrag abgegeben, um ins Förderprogramm der „Smart Cities“ des Bundesinnenministeriums aufgenommen zu werden. Würden da genug Gelder fließen, um das Projekt der Smart City zu finanzieren?

Das Förderprogramm teilt sich im Wesentlichen in zwei aufeinanderfolgende Phasen auf. In der ersten Förderphase A stünden über einen Zeitraum von zwei Jahren 2,5 Millionen Euro für die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie für Pforzheim zur Verfügung. Durch die Fördermittel könnte die Entwicklung der Strategie unter umfassender Teilhabe der gesamten Stadtgesellschaft realisiert und eine intensive Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken des Digitalen Wandels für alle transparent und allgemeinverständlich erfolgen. In der anschließenden Förderphase B würden Mittel in Höhe von 15 Millionen Euro über einen Förderzeitraum von fünf Jahren die direkte Umsetzung der gemeinsam entwickelten Digitalisierungsstrategie und entwickelten Maßnahmen ermöglichen. Pforzheim wäre somit in der Lage, den digitalen Wandel aktiv und eigenbestimmt mitzugestalten und könnte innerhalb weniger Jahre zum Leuchtturm für die Region und darüber hinaus werden.

Was fehlt noch, um die Chance auf die Fördergeld-Millionen zu bewahren?

Die Bewerbung für die Förderung wurde vorsorglich fristgerecht zum 17. Mai beim Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat eingereicht. Diese wird jedoch nur im Falle eines positiven Beschlusses des Gemeinderates am 4. Juni berücksichtigt. Der Ratsbeschluss ist bis spätestens 24. Juli nachzureichen.

Über Kevin Lindauer:

Sein Bachelorstudium der Medienwirtschaft absolvierte der 30-Jährige Kevin Lindauer an der Hochschule der Medien Stuttgart, bevor er in Offenburg seinen Master of Science in Medien und Kommunikation machte.

Bei einer großen südwestdeutschen Verlagsgruppe schloss er abschließend seine Abschlussarbeit im Bereich der Digitalisierung ab und ist nun seit mehr als vier Jahren bei der Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim tätig. Als Fachbereichsleiter IT und Medien betreut er hier die Brancheninitiative „Netzwerk IT + Medien“ und das Gründer- und Technologiezentrum Innotec Pforzheim. In seiner Funktion ist er auch an der digitalen Transformation der Stadt Pforzheim beteiligt und koordiniert die Arbeit des Digitalisierungsbeirates.