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09.07.2008

Im Auge des Sturms - Erinnerungen des Feuerwehrmanns Günter Klittich

PFORZHEIM. Vor 40 Jahren tobte ein Tornado der Windstärke F4 über Pforzheim und hinterließ binnen weniger Minuten eine Schneise der Verwüstung. Der ehemalige Pforzheimer Feuerwehrmann Günter Klittich erlebte das Geschehen hautnah mit – erst in der Notrufzentrale und dann bei den Aufräumarbeiten.

„Auf einmal wurde der Himmel schwefelgelb und die Luft war erfüllt von einem unheimlichen Rauschen. Dann prasselten Hagelkörner vom Himmel, so groß wie Taubeneier. Und dann ging es los“, erinnert sich Günter Klittich.

Er war Hauptbrandmeister und Wachabteilungsführer der Pforzheimer Feuerwehr. Wenn er von dem Tornado erzählt, der vor 40 Jahren über Pforzheim wütete, ziehen Bilder vorbei, die an einen Katastrophenfilm à la Hollywood erinnern. Zunächst. Denn schon nach wenigen Sätzen wird die Erzählung Klittichs sehr nüchtern, sehr dienstlich.

29 Jahre alt war er zum Zeitpunkt des Geschehens, seit sieben Jahren hauptberuflich bei der Feuerwehr und auch an diesem Abend im Dienst. Den ganzen Tag schon sei es heiß gewesen, erzählt er, schwül und drückend. Man habe gespürt: Es liegt etwas in der Luft. „Mensch, ist das heut' ein Tag, dachte ich noch“, sagt Klittich.

Eine Schneise der Verwüstung

Um 21.15 Uhr war es soweit. Da kam der gelbe Himmel, dann das Rauschen und die Hagelkörner – und dann der Tornado. Trotz der Atmosphäre, die Gewitter verkündete, vielleicht auch einen heftigen Sturm, traf er die Menschen vollkommen unvorbereitet. „An so etwas haben wir nicht gedacht“, meint Klittich. Und erzählt, wie er noch hinausging, die Leitstelle, in der er seinen Dienst schob, verließ. Er sammelte ein paar Hagelkörner zusammen und legte sie in den Kühlschrank. „Um sie am nächsten Tag den Kollegen zu zeigen“, wie er erklärt.

Dazu sollte es nicht kommen. Denn von diesem Moment an hatten er und seine Kollegen für viele Tage keine freie Stunde mehr. Der Tornado, der auf der Fujita-Skala die Windgeschwindigkeit F4 erreichte (die höchste jemals gemessene Stärke ist F5), tobte nur wenige Minuten – und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Die ganze Nacht war die Feuerwehr im Einsatz, die ganze Nacht nahm Klittich in der Zentrale Anrufe entgegen. „Unser Funk lief damals noch über die Polizei. Die leiteten uns die Notrufe weiter. Aber der Kontakt zu den Löschzügen war schon längst abgebrochen.“

„Ich war eben im Dienst“

Eine seltsame Situation: Man ist Mittelpunkt der Katastrophenhilfe, sitzt im Auge des Sturms und draußen scheint die Welt unterzugehen – doch man selbst bekommt davon nichts mit. Macht man sich in dieser Lage nicht Gedanken, Sorgen um Familie oder Freunde, hat vielleicht Angst auch um die eigene Sicherheit? „Angst in dem Sinne nicht“, meint Klittich. „Ich hatte gar keine Zeit, nachzudenken. Der Beruf war einfach vorrangig. Wir wollten den Menschen helfen.“ Klittichs Familie ist seit fünf Generationen bei der Feuerwehr. Man spürt: Das ist nicht nur sein Beruf, das ist seine Berufung. „Ich war eben im Dienst“, sagt er in einem Tonfall, der alles erklärt.

Im Dienst war er für die darauffolgenden Tage ununterbrochen. Vier Löschzüge besaß die Pforzheimer Feuerwehr damals, und eine Motorsäge. „Am nächsten Tag haben wir gleich drei neue Sägen gekauft“, erzählt Klittich. Und die waren auch bitter nötig. Am Morgen danach bot sich den Einwohnern das ganze Ausmaß des Schreckens. Abgedeckte Dächer, umgestürzte Bäume. Parkende Autos waren übereinandergeschoben worden, Ziegel, abgeknickte Äste und anderer Unrat machten die Straßen unpassierbar.

Und erst jetzt erkannten die Pforzheimer, welches Glück im Unglück sie gehabt hatten. „Wäre der Tornado früher gekommen, mittags zum Beispiel oder direkt nach Feierabend, die Katastrophe wäre nicht abzusehen gewesen“, sagt Klittich.

Der schlimmste Tornado seit vielen Jahrzehnten

Der Tornado kam aus der Oberrheinebene und löste sich nach einer Zugbahn von 30 Kilometern bei Vaihingen auf. Der Feuerwehrmann erläutert: „Von Ottenhausen tobte er weiter über Birkenfeld und dann hinunter ins Brötzinger Tal. Dort war damals das Fußballfeld des FC Germania, die Glaserei Kasper und die Firma Wenz. Und zum Glück waren da schon alle nach Hause gegangen. Wenn die Straßen voller Menschen gewesen wären – das will man sich gar nicht vorstellen.“

Auch so war die Zerstörung groß genug: Zwei Menschen wurden in Ottenhausen getötet, insgesamt 200 wurden verletzt. Bei den Aufräumarbeiten kamen ein weiterer Toter und knapp 130 Verletzte hinzu. 1750 Häuser wurden allein in Pforzheim beschädigt. Der finanzielle Schaden betrug insgesamt rund 70 Millionen Euro. In Deutschland war es seit vielen Jahrzehnten der schlimmste Tornado.

„Die Tage darauf mussten wir uns erst einmal einen Überblick verschaffen“, sagt Klittich. „Es war natürlich so, wie es immer ist: Jeder will zuerst geholfen bekommen.“ Die Straßen seien das reinste Chaos gewesen, doch es habe keine Möglichkeit gegeben, die Gebiete zu erreichen, in denen Hilfe am nötigsten gewesen sei. „Da kam man gar nicht durch.“ Und wo die Katastrophe stattfindet, sind auch die Katastrophentouristen nicht weit: „Am Sonntag darauf kamen sie in Scharen angerückt, die Schaulustigen aus der verschonten Umgebung, die mal gucken wollten, wie das aussieht, wenn ein Tornardo gewütet hat.“

Unterstützt von von den französischen und amerikanischen Soldaten, die in der Stadt stationiert waren, sowie von Feuerwehrleuten aus der ganzen Region war die Pforzheimer Feuerwehr zwei Wochen lang im Einsatz, um die Spuren des Tornados zu beseitigen.