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Wahrlich kein schöner Empfang für Passanten in der Nordstadt: ein hingesudelter Schriftzug am Ende der östlichen Bahnhofsunterführung. Foto: Seibel/PZ-Archiv
Wahrlich kein schöner Empfang für Passanten in der Nordstadt: ein hingesudelter Schriftzug am Ende der östlichen Bahnhofsunterführung. Foto: Seibel/PZ-Archiv
Wieder weiß sind diese Wände in der westlichen Unterführung. Foto: Seibel
Wieder weiß sind diese Wände in der westlichen Unterführung. Foto: Seibel
Wiederholt hatte dort ein Vergleich zwischen Berlin und Pforzheim geprangt. Foto: Frei
Wiederholt hatte dort ein Vergleich zwischen Berlin und Pforzheim geprangt. Foto: Frei
29.12.2016

Immer mehr Schmierereien - Rasches Reagieren wichtig

Pforzheim. Wie im Land Baden-Württemberg steigt auch in Pforzheim die Zahl von Graffiti deutlich. Um so wichtiger ist die effektive Arbeit im Haus des Jugendrechts und der Einsatz des Anti-Graffiti-Mobils.

Es ist ein Vorgriff auf die für Februar 2017 zu erwartende Kriminalstatistik, der aufhorchen lässt. Einen Zuwachs von annähernd zehn Prozent bei Schmierereien meldet der Präsident des Landeskriminalamts, Ralf Michelfelder (56). Was für Baden-Württemberg gilt, zeichnet sich nach PZ-Informationen auch für Pforzheim ab. Hier wie im Enzkreis sei die Tendenz „ebenfalls steigend“, bestätigt Florian Herr, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe. Die Zahlen folgten dem Landestrend. Sprich: Nach dem sprunghaften Anstieg im Vorjahr auf 181 könnte die Zahl der 2016 in Pforzheim erfassten Fälle die Marke von 200 erreichen oder gar übersteigen. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 67, im Jahr zuvor nur 27 Fälle gewesen (siehe „Sachbeschädigung durch Graffiti“).

LKA-Chef Michelfelder warnt vor einer zunehmenden Verwahrlosung des öffentlichen Raums: „Zum Graffiti von diesem Jahr kommt das Graffiti vom letzten Jahr. Und dazu die aus dem Jahr davor.“ Dass viele Ecken „immer unansehnlicher“ würden, wirke sich negativ aufs Sicherheitsgefühl der Menschen aus. „Die Leute haben Angst, dass öffentliche Räume okkupiert werden“, sagt Michelfelder. Es könnte bei Bürgern also der Eindruck entstehen, dass manche Viertel der ordnenden öffentlichen Hand entgleiten. Der frühere Aalener Polizeipräsident erkennt eine Abwärtsspirale und beruft sich auf die sogenannte Broken-Window-Theorie: „Wenn an einem abgestellten und scheinbar herrenlosen Auto eine Scheibe eingeschlagen ist, dauert es nicht lange, und das ganze Fahrzeug ist demoliert.“ Es gelte, auch bei Graffiti stets rasch zu reagieren. Doch vielerorts kümmere sich niemand um die Beseitigung.

Straftäter machen sauber

Dass diese Kritik zumindest auf Pforzheim nicht zutrifft, führt eine wiederholte Farbattacke in der westlichen Unterführung beim Hauptbahnhof vor Augen. Im Oktober hatte die PZ über einen Schriftzug berichtet, der dort in einer ohnehin schmuddeligen Ecke prangte. Dieser wurde rasch überstrichen. Doch nun schmierten Unbekannte die Botschaft erneut auf dieselbe Wand. Als die PZ das ihr am Mittwochmorgen gemeldete Graffiti wenige Stunden später fotografieren wollte, war es erneut verschwunden.

Dies zeigt, wie effektiv das Anti-Graffiti-Mobil ist, das seit 2003 durch die Region tourt (siehe „Kampf gegen Graffiti“). Laut einer im Frühjahr 2015 gezogenen Bilanz wurden seitdem in und um Pforzheim rund 13.500 Graffiti bei 1600 Einsätzen in 6500 Arbeitsstunden beseitigt. Den Malern gingen 500 jugendliche Straftäter – darunter 80 Sprayer – zur Hand. Anfang Oktober berichtete der Erste Polizeihauptkommissar und Motor des Projekts, Volker Weingardt, dass im Jahr 2016 bereits bis zu diesem Zeitpunkt 700 Quadratmeter Fassadenfläche gesäubert worden seien. Seit 2003 habe man mehr als 20.000 Quadratmeter von Graffiti befreit.

Auch wenn die Polizei die exakte Höhe der Graffiti-Sachschäden nicht beziffern kann, werden sie vom Sprecher Florian Herr – wie der Aufwand zur Beseitigung – als erheblich bezeichnet. Kompliziert ist auch die Suche nach den Tätern. Der Anteil an politisch motivierten Farbattacken sei gering. Offenbar entsteht das Gros der Graffiti im Übermut. Meistens, so Herr, seien Kinder oder Jugendliche dafür verantwortlich. Wenn aber ein Zugriff gelinge, sei dieser für die Polizei oft aufschlussreich und für die Täter folgenschwer. In aller Regel könnten einem Gefassten mehrere Taten zugeordnet werden. Damit erklärt sich das Schwanken der Aufklärungsquote, die 2014 bei 1,8 Prozent, 2015 aber bei 35 Prozent lag. Auch für 2016 dürfte sie vergleichsweise hoch sein. Im August führten etliche Graffiti mit gleichen Signaturen zu einem 17-jährigen Deutschen aus Calw, der ein Geständnis ablegte. 170 Sachbeschädigungen mit einem Gesamtschaden von 20.000 Euro sollen auf sein Konto gehen.