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Sie fallen nicht auf, sie gehen in aller Ruhe ihren Geschäften nach und doch scheuen sie tiefere Einblick in ihren Alltag. Mafiosi haben Pforzheim als eine Art Rückzugs- und Geschäftsgebiet auserkoren.
Sie fallen nicht auf, sie gehen in aller Ruhe ihren Geschäften nach und doch scheuen sie tiefere Einblick in ihren Alltag. Mafiosi haben Pforzheim als eine Art Rückzugs- und Geschäftsgebiet auserkoren. © Symbolbild: dpa
08.01.2015

In Ruhe Geschäfte machen: Pforzheim als Rückzugsort für Mafiosi

Mario Kopper ist Geschichte. Der Ludwigshafener „Tatort“-Ermittler, gespielt von Andreas Hoppe, jagt nach 57 Folgen keine Bösewichter mehr für die ARD-Krimireihe. Ein persönliches Verhältnis zur Mafia wurde ihm in seinem letzten „Tatort“ zum Verhängnis. Das Onlineportal FAZ-Net hat nachgefragt, wie aktiv die italienische Mafia in der Rhein-Neckar-Region in Wirklichkeit sei? Und dabei fiel dann auch der Name „Pforzheim“.

Die Mafia, so antwortet Petra Reski, Journalistin und Autorin des Buchs „Von Kamen nach Corleone – Die Mafia in Deutschland“, sei in diesem Großraum „höchst aktiv, seitdem sich sizilianische Clans aus der Provinz Agrigent im Gefolge der Gastarbeiter vor Jahrzehnten in Städten wie Mannheim oder Pforzheim niederließen.“ Die Clans würden zur „Stidda“ gehören, einer Abspaltung von der sizilianischen Cosa Nostra, „die ihre materielle Stärke vor allem aus ihren Geschäften in Deutschland zog, also aus Gastronomie, Drogen- und Waffenhandel, später auch aus weiteren Geschäftsfeldern wie dem Baugewerbe und dem Immobilienhandel“.

Kopper begegnete in seinem letzten „Tatort“ einem Jugendfreund mit früheren Mafiaverbindungen zufällig auf der Straße – und dann wurde es blutig. Das hätte ihm auch in Pforzheim passieren können. Hier leben einige ehemalige Mafiosi, die zum Stidda-Clan gehören und zum Teil in Italien wegen ihrer Mitgliedschaft zu dieser Verbrecherorganisation verurteilt wurden. In der Goldstadt haben sie „eine gänzlich unauffällige, mittelgroße Stadt“ und damit den idealen Ort gefunden, „um in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen“. So liest man es in der „Correctiv!“-Reportage „Mafia in Pforzheim“ von David Schraven, Margherita Bettoni und PZ-Redakteur Olaf Lorch-Gerstenmaier.

500 bis 600 Mafiosi sollen laut Bundeskriminalamt in Deutschland leben – das sind aber nur die aktenkundigen Kriminellen. Und das Heer der Helfer, Unterstützer, Dulder, Nutznießer? „Sie alle profitieren von der deutschen Gesetzgebung“, berichtet „Correctiv!“.

Auffällig in Pforzheim ist die Karriere von Giovanni Zanetti (Name geändert), der 2007 mit seinem Bruder nach Pforzheim kam. Der eine saß in Italien mehr als zehn Jahre in Haft, der andere mindestens sechs Jahre. In Pforzheim haben sie rasch Karriere gemacht – im Immobiliengeschäft. Sie kauften Wohnungen und ein Hotel. Geldwäsche? Der Nachweis ist schwierig und es liegt nichts gegen Giovanni Zanetti vor. Es gibt Hinweise, dass auch Verwandtschaft mit krimineller Vergangenheit nach Pforzheim gezogen ist. Ein Cousin hat hier mutmaßlich mit Früchten gehandelt.

Jeder scheint in der Goldstadt also einer geregelten Arbeit nachzugehen. Die früheren kriminellen Aktionen, die Haftstrafen? Alles Geschichte. So wie bei Kopper. Den gibt es auch nicht mehr als „Tatort“-Kommissar. Einmal raus aus dem „Tatort“ und das war es dann mit der Ermittlerkarriere im ARD-Klassiker. Ob das auch bei der Mafia so funktioniert? „Wer aussteigen will, hat zwei Möglichkeiten. Entweder kooperiert er mit der Justiz – oder er wird erschossen“, so die „Correctiv!“-Reportage.

Mehrere Menschen erschossen hatte ein Italiener, der einige Zeit in Pforzheim lebte. Der Mafiakiller soll für Salvatore „Toto“ Riina, den Boss der Bosse, gemordet haben. 1995 wurde er bei einer SEK-Aktion an der Wurmberger Straße auf dem Buckenberg verhaftet. Er lebte mit den Ausweispapieren seines Zwillingsbruders an der Sternstraße im Pforzheimer Stadtteil Brötzingen.

Das Video zeigt die Verhaftung des Mafiakillers in Pforzheim

Auf andere Art mit Mafiamorden in Verbindung gebracht wurde Pforzheim beim Attentat auf Gäste eines italienischen Restaurants in Duisburg im Jahre 2007. Sechs Menschen wurden erschossen. Ein Auto, das in Zusammenhang mit den Morden steht, wurde in Pforzheim angemietet.

Auch im Enzkreis scheinen sich Mafiosi sicher zu fühlen. 2014 schnappte die Polizei in Engelsbrand-Grunbach einen 60-Jährigen, der einer mafiösen Organisation angehörte und in Italien dafür verurteilt wurde, dann jedoch nach Deutschland flüchtete. Der Fall schien erledigt, wurde der Verbrecher doch kurz darauf nach Italien ausgeliefert, um dort eine lange Haftstrafe abzusitzen.

Zwei Jahre später stand in Pforzheim ein ehemaliger Freund des abgeschobenen Mafioso vor Gericht. Die Polizei in Birkenfeld hatte ein Jahr zuvor bei einer Durchsuchung zwei Waffen und 500 Gramm Marihuana bei einem 33-jährigen Italiener entdeckt. Der Angeklagte gab an, vom 60-Jährigen unter Druck gesetzt worden zu sein.

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Die Mafia in Zahlen

’Ndrangheta

Hauptverbreitungsgebiet: Kalabrien

Mitglieder: etwa 8000

Organisation: Die ’Ndrangheta ist die stärkste Mafia-Organisation in Deutschland. Während andere Organisation hierarchisch strukturiert sind, setzt die ’Ndrangheta auf ein föderales System. Das bedeutet, dass alle Clans gleiche Kompetenzen besitzen. Jeder Clan in sich ist allerdings streng organisiert. In der Regel sind die Mitglieder eines Clans eine richtige Familie, also Blutsverwandte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich 283 mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta in Deutschland auf. Außerdem werden bundesweit etwa 300 Pizzerien der Mafia-Organisation zugeordnet. Die ’Ndrangheta hat sich vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen angesiedelt.

Cosa Nostra

Hauptverbreitungsgebiet: Sizilien

Mitglieder: etwa 5500

Organisation: Seit etwa 1975 legen die Mitglieder der „cupola regionale“ die Leitlinien für die Cosa Nostra fest. Die cupola bilden die Anführer der jeweiligen Clans.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich knapp 80 mutmaßliche Mitglieder der Cosa Nostra in Deutschland auf, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Stidda

Hauptverbreitungsgebiet: Südsizilien

Mitglieder: etwa 5000

Organisation: Trotz der Abspaltung ist die Stidda der Cosa Nostra sehr ähnlich. Die Stidda ist jedoch eher netzwerkartig strukturiert und arbeitet weniger mit Hierarchien.

Verbreitung in Deutschland: Bislang liegen zur Stidda wenige Zahlen vor. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist in Baden-Württemberg. Ein Schwerpunkt bildet Pforzheim.

Camorra

Hauptverbreitungsgebiet: Neapel und Umland

Mitglieder: etwa 6500

Organisation: Die Camorra besitzt keinen Kopf an ihrer Spitze. Sie setzt sich aus vielen Familien zusammen, die allerdings in Konkurrenz zueinanderstehen. Daher gibt es häufig mehrere Familien, die sich zusammenschließen für gemeinsame Geschäfte.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich rund 90 mutmaßliche Mitglieder der Camorra in Deutschland auf. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Sacra Corona Unita

Hauptverbreitungsgebiet: Region Apulien

Mitglieder: etwa 1600

Organisation: Die Mafia besteht aus etwa 50 Clans. Das Hauptgeschäft macht die Apulische Mafia vermutlich mit Drogenschmuggel zwischen Montenegro und Italien.

Verbreitung in Deutschland: Laut Ermittlungsbehörden halten sich etwas über ein Dutzend mutmaßliche Mitglieder vor allem in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz auf.