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Im Gespräch über die Bedürfnisse junger Flüchtlinge: Aaron Ford, Mareike Oberle-Ford, Susanne Wendlberger und Thomas Gustorff (von links). Frommer
Im Gespräch über die Bedürfnisse junger Flüchtlinge: Aaron Ford, Mareike Oberle-Ford, Susanne Wendlberger und Thomas Gustorff (von links). Frommer
18.11.2015

Infoabend für Menschen, die unbegleitete junge Flüchtlinge aufnehmen

Motivation durch Information und Austausch: Interessierte Menschen mit dem Wunsch, unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen als Pflegeeltern zu helfen, haben sich am Dienstagabend bei einer Veranstaltung in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in der Hohenzollernstraße 34 gedrängt. Moderiert wurde der Infoabend von Susanne Wendlberger vom Pflegeelterndienst des Jugendamts und von Thomas Gustorff, dem leitenden Diplom-Psychologen an der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.

Flucht, Verfolgung und Vertreibung bedeuten gerade für Kinder und Jugendliche immer traumatische Erlebnisse. Erst recht, wenn sie sich ohne Eltern in Sicherheit bringen mussten. Im Zuge der aktuellen Lage in Syrien werden dem Enzkreis derzeit fast ausschließlich unbegleitete männliche Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren zugewiesen, die, so berichtet Susanne Wendlberger den Zuhörern, „binnen drei Tagen untergebracht werden müssen. Die meisten haben erlebt, wie ihre Väter getötet wurden – manche waren sogar selbst als Selbstmordattentäter vorgesehen“.

Der Befürchtung, dass die minderjährigen Flüchtlinge nach den Kriegs- und Vertreibungserlebnissen gar keine Kinder mehr seien, begegnet ein Ehepaar aus dem Publikum, das vor einem halben Jahr den aus Afghanistan geflohenen Ajmal Mohseni (16) aufgenommen hat: Seine Pflegeeltern – Egbert Strahler (50) und Maren Goldenbogen (48) – widersprechen möglichen Vorbehalten unisono: „Uns saß beim ersten Kennenlernen ein total verunsichertes, in sich gekehrtes Wesen gegenüber.“ Und ihre andere Befürchtung, dass der junge Muslim die Frauen des Haushalts, das Paar hat zwei Töchter, vielleicht als minderwertig betrachten könnte, habe sich ebenfalls nicht bestätigt. „Wir haben auch zwei Hunde – die tun ihm richtig gut.“

Ihr Pflegesohn habe aber jeden Kontakt zu seiner Mutter verloren und leide darunter. Kontakt herzustellen nach Afghanistan, das sei unmöglich, schildert Maren Goldenbogen: „Frauen sind unsichtbar in diesem Land.“

Eigene Geschichte und Kultur

Mareike Oberle-Ford (31) und Aaron Ford (32) sind bei dem Infoabend das mit Abstand jüngste Paar, das sich als Pflegeeltern für minderjährige Flüchtlinge engagieren möchte. Sie sind von der Veranstaltung positiv überrascht, denn sie hatten eigentlich fast erwartet, wegen ihres jungen Alters auf Widerstände seitens der Behörden zu stoßen. „Das Thema Pflegeelternschaft ist zunächst im erweiterten Familienkreis aufgekommen“, sagt Mareike Oberle-Ford im PZ-Gespräch, „und es hat uns nicht mehr losgelassen. Ich glaube, dass wir noch recht nahe an der Lebenssituation eines Menschen zwischen zwölf und 18 Jahren dran sind – und Kinder und Jugendliche in diesem Alter bringen schon eine eigene Geschichte, eine eigene Kultur mit. Wir wollen ihnen die Hilfe geben, die sie beim Übergang in ein neues Leben brauchen.“

In der ersten Dezemberhälfte veranstaltet die Beratungsstelle Schulungen für künftige Pflegeeltern: am 1. Dezember, 17.30 Uhr bis 20.30 Uhr, am 11. Dezember, 14 bis 18 Uhr, und am 16. Dezember, 17 bis 21 Uhr. Telefonische Anmeldung unter (0 72 31) 3 08 70 ist erforderlich. Mehr Informationen zur Beratungsstelle gibt es auf www.eb-enzkreis.de.