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Nina Ruge ist am 1. Februar im PZ-Autorenforum zu Gast. Foto: dpa-Archiv
Nina Ruge ist am 1. Februar im PZ-Autorenforum zu Gast. Foto: dpa-Archiv
26.01.2018

Interview mit Nina Ruge: „Viele Menschen sind im Aufbruch“

Pforzheim. Bestsellerautorin Nina Ruge ist am Donnerstag, dem 1. Februar, zu Gast im PZ-Autorenforum. In ihrem neuesten Werk geht es um den Wahn der Selbstoptimierung, Selbstbestimmung – und Selfies.

PZ: Frau Ruge, ist unsere Gesellschaft zu Ich-zentriert?

Nina Ruge: Ja und nein. Sich bedeutend, anderen überlegen zu fühlen, bewundert und beneidet zu werden, ist für sehr viele mit einem so großen Wohlgefühl verbunden, dass der „Ich-Reflex“, wie ich ihn nenne, zur gesellschaftlich akzeptierten Droge geworden ist. Zugleich sind sehr viele Menschen nicht in der Lage, die eigene tiefere seelische Gestimmtheit wahrzunehmen und sich auf den Weg zu machen, diese Gestimmtheit selbst zu steuern. Wo lernen wir denn auch, uns aufmerksam selbst zu begegnen und innere Orientierung zu finden? Familie, Schule, Kirche – sind das die Orte für ‚Lebensschule‘?

PZ: Woran liegt das?

Nina Ruge: Unsere Wissensgesellschaft ermöglicht uns eine unerhörte Lebensqualität – und zugleich verführt sie dazu, der Ratio ausschließliche Dominanz einzuräumen. ‚Ich denke, also bin ich. Und ohne Denken bin ich nichts‘ – so lautet das heimliche Credo unserer Kultur. So vernachlässigen wir die andere Seite unserer Existenz: Die Intuition, die Emotion, die Spiritualität. Doch wir Menschen brauchen beides: Ratio, Analytik und die tiefe Emotion sinnvollen Lebens, wir brauchen ein Leben in Liebe. Das spiegelt sich schon in der Struktur unseres Gehirns: Wir sind mit der linken Gehirnhälfte Verstandesmenschen, und wir sind mit der rechten Gehirnhälfte intuitive, spirituelle Wesen. Und so sehnen wir uns klammheimlich nach Ganzheit, nach einem Leben in der Verbindung von beidem – oder besser noch: Im Dialog der „linken“ und der „rechten“ Seite in uns. Doch nur wenige Menschen machen sich bewusst auf den Weg dorthin.

PZ: Schießen wir also nur Selfies, um bewundert zu werden?

Nina Ruge: Selfies können wunderbare, bunte Lebenszeichen für Freunde und Bekannte sein: „Schau, das habe ich erlebt! Ich möchte das mit dir teilen!“. Selfies können allerdings auch in einen Wettbewerb der Egozentrik münden: Enorme Lebenszeit investieren, um von möglichst vielen Menschen auf Instagram bewundert zu werden – wo ist da der Sinn? Ich zumindest sehe da keinen.

PZ: Gerade läuft auf RTL wieder das „Dschungelcamp“, ein Format, dem Sie in Ihrem Buch kein gutes Zeugnis ausstellen. Sie haben zehn Jahre lang im ZDF „Leute heute“ moderiert – ist das nicht das Gleiche?

Nina Ruge: Klar kann man das „Dschungelcamp“ als sinnfreien Exotikzoo konsumieren. Wer mag, gerne! Interessant wird es, wenn ich mich selbst besser, toller fühle, wenn ich hemmungslos über die Camp-Bewohner ablästere. Auch wenn diese sich die Spucknapf-Existenz im Dschungel fürstlich bezahlen lassen, empfinde ich das Spiel mehr als schal. „Leute heute“ hat einen völlig anderen Ansatz. Hier arbeiten Journalisten, die News über Prominente liefern. Respektlose Ablästerei gehört nicht zum Arsenal der Berichterstattung.

PZ: Fördern Smartphone und Co. den „Ich-Reflex“?

Nina Ruge: Das muss nicht so sein, allerdings stellt das Smartphone eine ordentliche Herausforderung an den bewussten Umgang mit ihm dar. Ich muss sehr genau wissen, welches Verhältnis ich zu diesem genialen Tool pflegen möchte: Soll es meine aktiv gesteuerte Verbindung zu Wissen, Welt und Wunderdingen sein – oder lasse ich zu, dass es meine Aufmerksamkeit und meine Investitionen in Lebenszeit lenkt? Ich fürchte, für sehr viele User gilt letzteres….

PZ: Haben Sie einen Tipp, wie man sich von seinem „Ich-Reflex“ lösen kann?

Nina Ruge: …naja, das beschreibe ich in meinem Buch! Entscheidend ist zunächst, dass es mir gelingt, zu meiner tiefen, heimlichen, vielleicht verdrängten Lebenssehnsucht vorzudringen: Wie möchte ich leben, in welchem Grundgefühl? Ist das etwa ‚tiefer Frieden‘, ‚Angstfreiheit‘, ‚Heiterkeit‘, ‚liebe-voll‘? Dann braucht es zunächst eine Form der Selbst-Erinnerung, dieses innere Ziel so bewusst in sich zu verankern, dass es nicht mehr verloren geht. Und dann beginnt die sanfte, aber konsequente Umprogrammierung. Und diese Vokabel ‚Umprogrammierung‘ ist sehr ernst gemeint! Schließlich sind gewohnte Denk- und Wahrnehmungsmuster in Form von Nerven-Verschaltungen in uns fest einprogrammiert. Wenn ich mich von diesen Mustern lösen möchte, braucht es ein neues ‚Programm‘. Das kann ich selbst entwerfen und selbst steuern. Das macht nicht „schnipps!“ und ist plötzlich da – so schön das auch wäre. Das braucht Zeit, Freude – und eine gewisse Konsequenz. Doch wer erst einmal begonnen hat, sich selbst zu entwickeln, wird schnell feststellen: Das tut so gut!

PZ: Stehen wir unserer Zufriedenheit selbst im Weg?

Nina Ruge: Das mag sein. Doch es scheint, als ob derzeit sehr viele Menschen im Aufbruch sind. Sehr viele sagen sich: Was soll ich im Außen suchen, was dort nicht zu finden ist? Sie suchen Impulse, um die Kraft zu entdecken, die in jedem von uns vorhanden ist. Nennen Sie sie, wie sie wollen: Die Kraft der Liebe, die Kraft des Göttlichen, die Kraft der Intuition oder die Kraft der Gegenwart. Gemeint ist immer das eine: Wege zu suchen, das eigene Leben so zu verändern, dass wir uns Raum schaffen. Raum für Stille, für Innerlichkeit, für Bewusstheit. Für die Erkenntnis, was das Wesentliche ist im Leben. Es ist die Antwort auf die Frage: Wofür lebe ich? Womit gebe ich meinem Leben einen Sinn? Und wenn ich mich diesen Fragen stelle, lebe ich – um mit Rilke zu sprechen – ‚allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein‘.