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Der Vortrag von Ayse Almila Akca stößt auf großes Interesse. Foto: Morelli
Der Vortrag von Ayse Almila Akca stößt auf großes Interesse. Foto: Morelli
18.05.2017

Islamwissenschaftlerin spricht über die Lebensentwürfe muslimischer Frauen

Pforzheim. Bilder von verschleierten, unterdrückten Muslima und aggressiven Macho-Muslimen, die derzeit in den deutschen Medien kursieren, zeigt Ayse Almila Akca zu Beginn ihres Vortrags „Lebensentwürfe von muslimischen Frauen in Deutschland“ in der Bruder- Klaus-Begegnungsstätte der Liebfrauengemeinde. Im Laufe des Abends setzt die Referentin diesen einseitigen Stereotypen und Zuschreibungen ein vielfältiges und differenziertes Bild von unterschiedlichen islamischen Lebensmodellen entgegen.

Der Wunsch nach der Auseinandersetzung mit dem Thema kam aus der Gemeinde, sagt Dekanatsreferent Tobias Gfell. Er koordiniert die gemeinsame Veranstaltung der Evangelischen Erwachsenenbildung, der Christlich-Islamischen Gesellschaft, der katholischen Liebfrauengemeinde und des katholischen Dekanats. Das Interesse an den Darstellungen der Promotionsstudentin am Institut für Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin ist groß. Unter den zahlreichen Zuhörern sind etwa Erzieherinnen, Lehrer, Krankenpfleger und Flüchtlingshelfer, die nach Impulsen für ihre alltägliche Arbeit im interkulturellen Bereich suchen.

Akca macht sie darauf aufmerksam, dass die religiöse Identität von Muslimen oft als die einzige Triebkraft ihres Handelns wahrgenommen werde. Andere, mindestens genauso wichtige Aspekte ihrer Persönlichkeit und Prägung lasse man dabei außer Acht. Sie erklärt, dass religiöse Vorschriften, Normen und Werte entsprechend der kulturellen Herkunft, dem sozialen Umfeld, der Auslegung des Korans sowie der persönlichen Einstellung in Wahrheit sehr unterschiedlich gelebt werden. Die Freizeitgestaltung hänge daneben vor allem stark vom Gehalt und dem gesellschaftlichen Status ab und die geringere Beschäftigung von Frauen habe Gründe wie schlechte Bildungs- und Aufstiegschancen sowie diskriminierende Bewerbungsverfahren. Statistiken zeigen außerdem, dass sich christliche und muslimische Haushalte bei der Aufteilung in weibliche Aufgabenbereiche wie Kochen und Wäschewaschen und männliche Domänen wie Reparaturen kaum unterschieden.

Auch die Erziehungsziele variieren nur geringfügig. Eine Ausnahme bilde die muslimische Sexualmoral, die sich mit den Grundsätzen des Deutschlands der 1950er-Jahre vergleichen lasse. Insgesamt entstehen viele der Lebenskonzepte durch den Prozess der Migrationsbewältigung, einen Ritualtransfer und die Anpassung an eine säkulare Gesellschaft und sind damit einem ständigen Wandel unterzogen.