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Das Aussterben der Metzgereien in der Pforzheimer Innenstadt im Besonderen, aber auch das Ringen örtlicher Handwerksbetriebe um ein Auskommen mit hochwertigen regionalen Produkten im Allgemeinen treiben die Verantwortlichen um.  Foto: dpa
Das Aussterben der Metzgereien in der Pforzheimer Innenstadt im Besonderen, aber auch das Ringen örtlicher Handwerksbetriebe um ein Auskommen mit hochwertigen regionalen Produkten im Allgemeinen treiben die Verantwortlichen um. Foto: dpa
09.01.2019

Jetzt geht’s um die Wurst in der Pforzheimer City

Pforzheim. Das Aussterben der Metzgereien in der Innenstadt im Besonderen, aber auch das Ringen örtlicher Handwerksbetriebe um ein Auskommen mit hochwertigen regionalen Produkten im Allgemeinen treiben die Verantwortlichen um.

Wie berichtet, ist mit dem „Landhof-Standl“ in der Schlössle-Galerie der letzte Spezialist für Wurstwaren aus der City verschwunden. Klar scheint: Für eine Trendwende im Lebensmittelhandel ist ein kollektiver Kraftakt nötig. Innung und Berufsschule reagieren, doch auch der Verbraucher ist gefordert.

Wie beurteilt WSP-Chef Oliver Reitz als oberster Pforzheimer Wirtschaftsförderer die aktuelle Entwicklung?

Das Schwinden der Metzgereien in der Innenstadt sei „sehr bedauerlich und bezeichnend für die Schwierigkeiten, mit denen bundesweit die gesamte Metzgereibranche seit Jahren konfrontiert ist“, sagt Reitz. Unabhängig von der Situation in Pforzheims City, seien eine wachsende Konkurrenz durch Supermärkte und Discounter, sinkender Fleischkonsum in Verbindung mit einem Trend zu vegetarischem oder veganem Essen sowie „akute Nachwuchsprobleme“ im Fleischerhandwerk zu verzeichnen. Kunden hätten oft den Wunsch, alles an einem Ort zu besorgen.

Welche Rolle spielt der Verbraucher selbst?

Obwohl Fleisch und Wurst heute überwiegend als verpackte Selbstbedienungsware vertrieben würden, stehe diesem Trend das Interesse entgegen, sich von regionalen Erzeugnissen zu ernähren und dabei Wert auf Qualität und Transparenz zu legen, beschreibt Reitz das Dilemma. Auch in Pforzheim profitierten die Betriebe, die sich „nach dem Schrumpfungsprozess der gesamten Branche“ noch am Markt behaupten könnten, von dieser Entwicklung, seien aber jenseits der Pforzheimer Innenstadt ansässig.

Bewusst einkaufende Kunden gebe es somit nach wie vor – möglicherweise künftig wieder in größerer Zahl. Reitz: „Hier sind wir alle als Verbraucher selbst gefordert, verstärkt dort einzukaufen, wo wir den örtlichen Handel stärken.“

Wie können örtliche Betriebe reagieren?

Das klassische Ladenlokal sei „in aller Regel nicht mehr der einzige Geschäftszweig“, weiß Reitz. Auch Pforzheimer Metzgereien hätten sich ein zweites Standbein aufgebaut, seien auf Wochenmärkten vertreten oder erwirtschafteten wesentliche Teile des Umsatzes durch Mittagstisch-Angebot oder Catering-Service.

Wie kann die Stadt dazu beitragen, die Lage zu verbessern?

Mit Blick auf die Nachfolgesituation kümmere sich die Wirtschaftsförderung insbesondere darum, frei werdende Einzelhandelsflächen zu vermitteln und bürokratische Hemmnisse, etwa bei der Unternehmensnachfolge oder Existenzgründung, abzubauen. Gemeinsam mit Handwerkskammer, Kreishandwerkerschaft und Innung sei es dem WSP ein Anliegen, das Image handwerklicher Berufe zu verbessern.

„Koch-Shows im TV zelebrieren, wie kreativ und bekömmlich die Zubereitung und der Verzehr von Fleisch sein können“, betont Reitz, doch im Metzgereiladen vor Ort sei die Handwerkskunst kaum sichtbar. Ähnlich wie bei Brauereien oder Schauküchen, könnte eine gläserne Manufaktur hinter der Verkaufstheke vor Augen führen, dass Ware in der Wurstküche vor Ort produziert werde. „Solche innovativen Ansätze kann ich mir auch in unserer Innenstadt vorstellen, zumal Kaufkraft und Klientel in Pforzheim grundsätzlich Potenzial für höherwertige Lebensmittel und fachkundige persönliche Beratung bieten“, so der WSP-Chef.

Gerade in der City zeige sich aber, dass durch Projekte wie Innenstadt-Ost „noch einiges dafür getan werden muss, damit wieder mehr Menschen im Kernbereich unserer Stadt wohnen, arbeiten und einkaufen und es somit auch eine zusätzliche Kundschaft im fußläufigen Einzugsbereich gibt“.

Wie ist es um den Fleischernachwuchs bestellt?

Mit Blick auf die regionale Schulentwicklung geben die Ausbildungszahlen im Bereich Fleischerei Anlass zur Sorge. Im Schuljahr 2017/18 begannen an der Alfons-Kern-Schule 15 Schüler die Ausbildung zum Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit Schwerpunkt Fleischerei. Interessenten für die Fachklasse Fleischer gab es keinen einzigen.

Wie ist die Stimmungslage in der Branche?

Den Schwarzseher gibt Andreas Beier, Obermeister der Fleischerinnung Pforzheim-Enzkreis, nicht. Im Gegenteil. „Wenn man seine Philosophie verfolgt, authentisch und sich treu bleibt, hat man kein Problem“, sagt der Chef der Nöttinger Metzgerei Dürr+Beier. Kunden aus weitem Umkreis kämen eigens zu handwerklich arbeitenden Metzgern, weil deren Ware „preiswert, also den Preis wert“ sei.

Natürlich müsse die Branche mit Schwierigkeiten fertig werden, die etwa neue Hürden der Bürokratie oder des Datenschutzes mit sich brächten. Aber die EU-Regelungen zur Dokumentation und Kennzeichnung hätten auch Vorteile: „Ich weiß immer genau, was ich tue.“ Mit den Veterinärbehörden herrsche ein gutes Miteinander. Wer leidenschaftlich arbeite und ausbilde, finde auch Nachwuchs, sagt Beier. Beste Erfahrungen mache er im eigenen Betrieb auch mit Geflüchteten, die Beier lieber „Gäste“ nennt.

„Viele Leute sagen, sie kaufen Qualität, achten dann aber doch nur auf den Preis“, sagt indes Metzger Axel Pfrommer, der sein Eutinger Stammhaus nach wie vor erfolgreich betreibt, die seit 1998 geführte Filiale auf dem Sonnenhof nun aber schweren Herzens aufgegeben hat. Sie habe sich schlicht nicht mehr gerechnet. Die früher so lebendige Innenstadt sieht er in Sachen Frequenz und Publikum in einem Abwärtstrend, weswegen er es als unwahrscheinlich einschätzt, dass sich dort noch einmal ein Metzger ansiedeln könnte.

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