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Auf großes Interesse stößt der Vortrag von Johannes Gerloff im PZ-Forum. Foto: Meyer
23.07.2017

Journalist und Theologe Johannes Gerloff berichtet über jüdische Siedlungen

Pforzheim. Zu einem differenzierten Blick auf die israelischen Siedlungen im Westjordanland hat Johannes Gerloff aufgerufen. Der Journalist und Theologe, der mit seiner Familie seit 1994 in Jerusalem lebt, glaubt nicht, dass eine israelische Siedlungspolitik überhaupt existiert: „Es gibt stattdessen einen Zick-Zack-Kurs. Ein klares Ziel fehlt“, unterstrich er am Freitagabend vor mehr als 200 Besuchern im voll besetzten PZ-Forum.

Bildergalerie: Israel-Vortrag mit Johannes Gerloff im PZ-Forum

Der einzige israelische Regierungschef, der jemals einen Siedlungsbaustopp ausgerufen und durchgesetzt habe, sei Benjamin Netanjahu gewesen. Es gebe eine Siedlerbewegung, die im israelischen Parlament vertreten sei und dort Druck mache. Letztlich sei der jüdische Staat eine Demokratie und könne seinen Bewohnern nicht vorschreiben, wo sie wohnen. Kein Siedler werde vom Staat gezwungen, in Gebieten zu leben, die die Palästinenser für ihren eigenen Staat beanspruchen. Die Autonomiebehörde von Präsident Abbas drohe jedem Palästinenser, der sein Land an Juden verkaufe, mit der Todesstrafe, „und die wird auch vollstreckt“.

Die jüdischen Siedler hätten oft kein Unrechtsbewusstsein: „Viele kehren in das Gebiet zurück, aus dem ihre Eltern vertrieben wurden. In Hebron beispielsweise gab es 3000 Jahre lang ununterbrochen eine jüdische Gemeinde.“

Völkerrechtlich seien die israelischen Siedlungen schwierig, zu bewerten. Sie seien nach Auffassung internationaler Experten nicht illegal. US-Präsident Obama habe sie 2009 als illegitim bezeichnet, als Hindernis für eine Zwei-Staaten-Lösung.

Die Vereinten Nationen lehnen die Siedlungen ab. Allerdings sei die Organisation nicht objektiv, so Gerloff: Der Menschenrechtsrat habe Israel häufiger verurteilt als alle anderen Staaten zusammen, „als gäbe es keinen Iran, kein Syrien oder keine Folter in den Autonomiegebieten.“

Direkte Auswirkungen

Johannes Gerloff ist täglich mit den Auswirkungen des Nahostkonflikts konfrontiert. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Heiligen Stätten finden quasi vor seiner Haustür statt. Das prägt seine Sicht. Aufgewachsen im idyllischen Holzbachtal, kam er nach seinem Theologiestudium ins Heilige Land und bemühte sich um Freunde auf beiden Seiten. Einem breiten Publikum ist er durch seine wöchentlichen biblischen Impulse in der Fernsehsendung „Fokus Jerusalem“ bekannt, die von der PZ-Tochterfirma TV-BW Medienproduktionen hergestellt und von Bibel TV europaweit ausgestrahlt wird.

Er habe selbst viel gesehen und erlebt, was in der allgemeinen Berichterstattung kaum erwähnt werde. In den Palästinensergebieten registriere er derzeit einen regelrechten Bauboom – für Palästinenser. Dort stünden mittlerweile zahlreiche Hochhäuser, die zwar unbewohnt seien, aber so habe die Autonomiebehörde Fakten geschaffen und ihre Ansprüche auf das Land deutlich gemacht.

Im Ostteil Jerusalems gebe es mittlerweile mehr als 50 000 Häuser und Wohnungen, die von israelischen Arabern ohne Baugenehmigung errichtet worden seien. Die Regierung tue sich schwer, sie abreißen zu lassen – zu groß sei die Furcht vor internationalem Druck. Bei Juden hingegen, die illegal bauten, sei die israelische Regierung weit weniger zurückhaltend.

www.fokus-jerusalem.tv