760_0900_113732_Einkaufshelfer_Jonas_Oppermann_22.jpg
Diesen Wagen wird Jonas Oppermann nicht nur mit eigenen Einkäufen füllen. Er erledigt auch Besorgungen für Risikogruppen. Foto Moritz 

Jugend packt für Alte und Kranke den Wagen voll: Das steckt hinter der Initiative „Pforzheim hilft“

Pforzheim. Los geht’s: Mit Einweghandschuhen schiebt Jonas den Einkaufswagen. Ist die Nudelsorte oder die Marke entscheidender? Wie groß ist ein großer Joghurt? Und handelt es sich bei der gewünschten Tomatensoße um eine aus der Tüte oder dem Glas? Fragen, die sich die Wenigsten beim Wocheneinkauf stellen müssen, gehen sie doch für den eigenen Haushalt in den Supermarkt. Anders ist das bei den Ehrenamtlichen des Netzwerks „Pforzheim hilft“. Denn die rund 500 Unterstützer der Initiative kaufen nicht für sich, sondern jene ein, für die eine Infizierung mit dem Coronavirus besonders dramatisch enden könnte.

„Sie können nicht raus, also machen wir das für sie“, sagt Jonas Oppermann. Der 18-Jährige ist Mitbegründer von „Pforzheim hilft“ und bildet gemeinsam mit 17 weiteren Schülern und Studenten das Organisationsteam des Hilfsprojekts. An diesem Nachmittag geht er für Dieter Schulze einkaufen. Dieser zählt mit 72 Jahren zur Risikogruppe. „Wir haben gestern Mittag telefoniert und er hat mir durchgegeben, was er braucht“, erzählt Oppermann. Das Gespräch sei freundlich, aber effektiv gewesen. „Das ist ganz unterschiedlich. Manche sind sehr dankbar und wollen ein bisschen mehr reden, andere geben nur ihre Einkaufsliste durch“, so der Schüler weiter. Mit der Liste im Anschlag schiebt er den Einkaufswagen in die Edeka Wachtler-Filiale an der Postwiesenstraße. Es ist das zweite Mal, dass er hier ist.

„Beim ersten Mal habe ich hier Plakate für ‚Pforzheim hilft‘ aufgehängt und Flyer verteilt“, erzählt der 18-Jährige, bis er seinen ersten Stopp erreicht: das Obst. Bananen und Äpfel stehen auf dem Zettel. Letztere in zwei verschiedenen Sorten. Danach geht es weiter zu den Molkereiprodukten, wo Oppermann eine ganze Weile sucht. Schulze hätte gerne eine ganz bestimmte Marke – und die Regale bei Wachtler sind groß und gut bestückt. „Wir versuchen, nach Möglichkeit immer genau das zu bekommen, was die Leute selbst einkaufen würden. Jeder Mensch hat Gewohnheiten und gerade in Situationen wie jetzt können diese vielleicht ein Stück Sicherheit sein“, erklärt der Gymnasiast.

760_0900_113737_Einkaufshelfer_Jonas_Oppermann_04.jpg
Bananen stehen auch auf dem Einkaufszettel. Foto Moritz

Im Zweifel nehme man aber auch das, was es eben gebe, ohne zu weit vom Gewünschten abzuweichen. Wobei sich dabei mitunter Fragen stellen, an die man früher nie gedacht hätte. Legen die Personen mehr Wert auf die italienische Herkunft der Pasta, oder doch eher die Form? Oppermann entscheidet sich für eine Mischung – glücklicherweise wollte Schulze ohnehin zwei Packungen Nudeln.

Echte Detektivarbeit ist bei der Suche nach der richtigen Tomatensoße erforderlich. Immer wieder nimmt Oppermann sein Smartphone zur Hilfe, um sich die Produkte im Internet anzusehen und so zumindest zu wissen, wie das gesuchte Produkt aussieht. Am Ende hilft nicht die Suchmaschine, sondern ein Mitarbeiter der Wachtler-Filiale. Verhältnismäßig schnell hat der Schüler dagegen die Leberpastete gefunden, die er vorher nicht mal kannte.

Zum Schluss der knapp einstündigen Einkaufstour kommt nochmal Spannung auf: „Ich habe auf meinem Zettel auch Duschgel und natürlich das obligatorische Klopapier“, sagt Oppermann und schiebt den Wagen um die Ecke. Schon von weitem ist zu erkennen, wo das weiße Gold gelagert wird – denn die Regale sind vollkommen leer. Doch den Rest hat Oppermann bekommen. Beim Bezahlen geht er in Vorkasse – wie alle Helfer. Mit dem Einkauf geht es jetzt zu Schulze.

760_0900_113735_Einkaufshelfer_Jonas_Oppermann_29.jpg
Ab in die Tüte mit den Einkäufen. Foto Moritz

Wenige Minuten nach Verlassen des Supermarkts parkt Oppermann das Auto vor den Garagen des Mehrfamilienhauses, packt die Einkaufstüte inklusive Kassenzettel sowie eine durchsichtige Plastikdose und läuft zur Haustür. „Die Box lege ich zum Einkauf. Das Geld kommt möglichst passend da rein“, erklärt Oppermann als sich an der Gegensprechanlage Schulze zu Wort meldet.

760_0900_113733_Einkaufshelfer_Jonas_Oppermann_35.jpg
Kein Kontakt: Die Bezahlung läuft über eine Plastikbox. Foto Moritz

Kurz darauf surrt der Türöffner und Oppermann steigt die Treppe bis ins Dachgeschoss nach oben. Dort ist die Wohnungstür schon offen. Der 18-Jährige stellt in gebührendem Abstand die Tüte samt Dose ab und geht ein paar Schritte zurück. Da taucht auch schon Schulze im Türrahmen auf. „Sie können auch reinkommen“, zeigt der 72-Jährige sich sichtlich dankbar über den Einkaufsservice. Ein Angebot, das Oppermann aus Sicherheitsgründen ablehnt, sich aber dennoch darüber freut. „Es ist schon schön, zu sehen, dass man so einfach eine Freude machen kann“, erklärt er. Für ihn wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er Freude bis an die Haustüre bringt – vielleicht sogar bei Dieter Schulze, der sich wieder an „Pforzheim hilft“ wenden will.

760_0900_113734_Einkaufshelfer_Jonas_Oppermann_33.jpg
Übergabe ohne Risiko: Die volle Tüte stellt Jonas Oppermann dann vor der Wohnungstüre ab. Foto Moritz

Mehr oder weniger an dem Tag, als bekannt wurde, dass die Schulen und Universitäten wegen des Coronavirus vorerst geschlossen bleiben, entstand die Idee zu „Pforzheim hilft“. Unter der Federführung von Leon Michel, Schülersprecher am Hilda-Gymnasium, fand sich schnell ein Organisationsteam aus Schülern und Studenten zusammen. Knapp drei Wochen später zählt die „Vermittlungsplattform“, wie Michel „Pforzheim hilft“ nennt, mehr als 600 Helfer, die meisten davon aus Pforzheim. Doch auch der Anteil der Unterstützer aus dem Enzkreis – mittlerweile hat das Projekt seine Dienste auf die Region ausgeweitet – wächst stetig. Dort seien es inzwischen rund 100, so Michel.

Resonanz bislang durchweg positiv

Fast 100-mal seien die Ehrenamtlichen bereits einkaufen gegangen, wie Michel berichtet. Die Hilfesuchenden erhalten von einem Vermittlungsteam, das zwischen 11 und 14 Uhr erreichbar ist, die Nummer der Einkäufer. Mit diesen wird dann direkt besprochen, was eingekauft werden soll. Bezahlt wird bar und erst bei der Übergabe der Waren.

Die Resonanz sei bislang durchweg positiv, wie Michel berichtet. „Wir hatten auch schon Angehörige von Hilfesuchenden, die uns von weit weg beauftragt haben“, erzählt er über die Reichweite, die „Pforzheim hilft“ inzwischen hat. Zwar könne das Netzwerk, wenn Schulen und Unis wieder wie gewohnt stattfinden, nicht genau so weiterarbeiten wie bisher. Doch eine Fortsetzung in anderer Form sei durchaus denkbar, so Michel.

„Pforzheim hilft“ ist montags bis samstags von 11 bis 14 telefonisch unter (07231) 13 3 37 10 sowie rund um die Uhr via E-Mail an pforzheimhilft@gmail.com erreichbar.

Mehr über die Initiative „Pforzheim hilft“ lesen Sie am Dienstag, 7. April, in der „Pforzheimer Zeitung“ oder im E-Paper auf PZ-news.

Jeanne Lutz

Jeanne Lutz

Zur Autorenseite