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Tristan Donn (17), Clarissa Benitz (21) und Lena Herrmann (17) in der neuen Version von E.T.A. Hoffmanns Kriminalnovelle „Das Fräulein von Scuderi“. Foto: Frommer
Tristan Donn (17), Clarissa Benitz (21) und Lena Herrmann (17) in der neuen Version von E.T.A. Hoffmanns Kriminalnovelle „Das Fräulein von Scuderi“. Foto: Frommer
01.05.2017

Jugendtheatergruppe Paradixon produziert Straßenkrimi zum Goldstadt 250-Jubiläum

Pforzheim. Besser kann man dieses Terrain nicht bespielen: Stefanie Neuhäusers nächtliche Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ nutzt tatsächlich jeden Winkel des Areals zwischen Stadtmuseum und Figurentheater „Mottenkäfig“ um die Geschichte des Goldschmieds René Cardillac neu zu erzählen. Die zwölf Darsteller der Jugendtheatergruppe Paradixon führen ihr Publikum in Brötzingen durchs Lapidarium und in den bestens ausgeleuchteten Kräutergarten. Sie verwandeln Schuppen, Höfe, Hausaufgänge und, zu guter Letzt, die ehemalige Pfarrkirche – mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit – zu Stationen der Kriminalnovelle.

Historische Vorlage

Mit diesem als Straßenkrimi inszenierten Klassiker erhält Pforzheim pünktlich zum Goldstadt 250-Jubiläum ein Format, das es hier bislang nicht gab. Der neue theatralische Spaziergang verbindet die Atmosphäre einer Nachtwächterführung, wie man sie beispielsweise in den Altstädten von Bad Wimpfen oder von Ettlingen kennt, mit dem besonderen Reiz eines detektivischen Open Air-Historienspiels in barocken Gewändern, die der jungen talentierten Truppe um Neuhäuser und Willmann von den Volksschauspielen Ötigheim zur Verfügung gestellt wurden. Regie, Spielstätten und Ausstattung tragen zum Reiz der neuen Version des „Fräuleins von Scuderi“ maßgeblich bei und geben der sehenswerten Leistung der Darstellerinnen und Darsteller einen angemessenen und zugleich außergewöhnlichen Rahmen.

Gelungene Premiere

Bei der Premiere am Samstag zeigte sich das gesamte Ensemble in bestechender Form. Der besonderen Herausforderung der Spielstätte, ohne Mikrofon und Verstärkung laut genug zu sprechen und zu spielen, entsprechen ausnahmslos alle Darsteller, auch die von Deborah Menzel verkörperte Erzählerin.

Wo nötig, erhält der Tross des der Handlung folgenden Publikums auch knappe, aber klare „Regieanweisungen“ von den Schauspielern. Ganz besondere Originalität entwickeln bei diesen Kommandos die beiden Kriminalpolizisten der „Chambre ardente“ – La Regnie (gespielt von Marcel Gutekunst) und Desgrais (Ian Caneira de Matos): wollen die den Pulk der Zuschauer rasch durcheilen, hagelt es schon mal einen Rüffel wie: „Behindern Sie die Amtshandlung nicht! Geht es auch schneller?“. Übrigens: Der kontinuierliche Zwist der Ermittler zieht sich wie ein roter Faden durch den Straßenkrimi – und er ist alleine schon fast das ganze Eintrittsgeld wert.

Junges Ensemble

Lena Herrmann (17) überzeugt, obwohl buchstäblich in letzter Minute zum Ensemble gestoßen, in der Titelrolle der seinerzeit 73-jährigen Madeleine de Scudéry. Tristan Donn (17) gibt den am „Cardillac-Syndrom“ erkrankten Goldschmied, der sich von seinen Werken nicht trennen kann, als hätte er nie etwas anderes getan, während Clarissa Benitz (21) in der anspruchsvollen Rolle seiner Tochter zu gefallen weiß. Ungemein wandlungsfähig agiert der auch im Amateurtheaterverein immer wieder aktive Sebastian Kania, sowohl als betrunken lärmender Graf von Miossens, wie als Richter in der finalen Szene im Stadtmuseum. Paula Gehrlein und Leyla Yilmaz teilen sich die Rolle der Sophie. Justus Hillbrecht spielt den grell geschminkten „Sonnenkönig“ Louis XIV. so „royal“ beseelt, dass er dessen barocke Perücke eigentlich gar nicht mehr ablegen dürfte.

Und Jessica Weigand sorgt als seine überhitzte Mätresse „Chloé de la Coer“ im Gewürzgarten für ein humorvolles Highlight, als sie die Sonnenuhr durch bloße Berührung zum Zischen bringt.

Wie anspruchsvoll die männliche Rolle des Olivier Brusson für Vivien Lutz sein dürfte, kann allenfalls ermessen, wer die junge Frau auch abseits der Aufführung kennt oder beispielsweise in der Premierenfeier erlebt hat. In der Rolle des Brusson ist sie jedenfalls kaum wiederzuerkennen, dafür sorgen Dorothee Jung, Heike Kochalski und Lorenz Hornung in der Maske. Das Licht- und Tondesign steuert Florian Degenbach gewohnt routiniert.

Die nächsten Aufführungen sind am Freitag, 5. Mai, und am Samstag, 6. Mai, jeweils um 21.30 Uhr und am Freitag, 23. Juni, und am Samstag, 24. Juni jeweils um 22 Uhr sowie am Freitag, 29., und Samstag, 30. September, um 20.30 Uhr

www.kulturhaus-osterfeld.de