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Referent ist der Obermeister der Löblichen Singer, Christoph Mährlein. Foto: Frommer
Referent ist der Obermeister der Löblichen Singer, Christoph Mährlein. Foto: Frommer
Schulleiter Kai Adam begrüßt die mehr als 90 Besucher des Vortragsabends am Reuchlin-Gymnasium – die Diskussionsreihe soll künftig ausgeweitet werden. Foto: Frommer
Schulleiter Kai Adam begrüßt die mehr als 90 Besucher des Vortragsabends am Reuchlin-Gymnasium – die Diskussionsreihe soll künftig ausgeweitet werden. Foto: Frommer
02.02.2017

Jurist Mährlein spricht am Reuchlin-Gymnasium über Verfassung

Pforzheim. Jurist Christoph Mährlein – gemeinsam mit Claus Kuge amtierender Obermeister der „Löblichen Singergesellschaft von 1501“ – hat in einem kompakten Vortrag die „Anfragen an den modernen Staat“ erörtert. Die gelungene Pilot-Veranstaltung am Reuchlin-Gymnasium bildete den Auftakt einer neuen Vortrags- und Diskussionsreihe, die künftig auch auf andere Gymnasien der Goldstadt ausgedehnt werden soll. Nach einer kurzen Anmoderation von Schulleiter Kai Adam erläuterte Mährlein (49) die Grundlagen und die konkrete Gestaltung der Verfassung der Bundesrepublik.

Dabei ging er auf komplexe Themen ein wie die formale Gerechtigkeitstheorie, den sich selbst legitimierenden Staatsbegriff oder die Notstandsverfassungen der jüngeren Geschichte. Wie eine Art roter Faden zog sich die Leitfrage „Wie würden wir heute eine neue Verfassung gestalten, wenn wir noch keine hätten?“ durch das gut 80-minütige Referat. Diese Fragestellung führt von den Grundlagen direkt ins Hier und Jetzt und beinhaltet automatisch auch Kritik: So führte der Obermeister der Löblichen aus, die heutige föderale Struktur basiere im Bereich der Bildung auf dem Prestige- und Konkurrenzdenken der Länderfürsten des 19. Jahrhunderts, ließe aber die Mobilität heutiger Schüler und Studierenden völlig außer Acht.

Mit Blick auf die absetzbaren Fahrten von und zur Arbeitsstätte stellte Mährlein die steuerlichen Möglichkeiten infrage: „Wieso bekommt hier ein Mehrverdiener bei gleicher Wegstrecke mehr Steuern heraus?“ Und für die Zukunft befürchtet er: „Auf Dauer werden in Deutschland ehrenamtliche Leitungsaufgaben nicht mehr möglich sein.“ Gerade jungen Menschen, so unterstrich sein Kollege, Obermeister Claus Kuge, im PZ-Gespräch, soll mit diesem „erweiterten Geschichtsunterricht“ der Zugang zu Demokratie, Verfassung und Grundrechten, zu den staatlichen Kernaufgaben, zur Auswahl, Qualifikation und Abwahl von Abgeordneten, Regierungsmitgliedern und Richtern, zu Gewaltenteilung und -gliederung gebahnt werden.

„Politik“, betonte Christoph Mährlein „ist Rechnen. Haushalte sanieren ist Rechnen“. Baden-Württembergs Kommunalabgabengesetz, so der aus Hamburg stammende Jurist, „ist mies gemacht“. Außerdem stellte er die Frage in den Raum, wie es sein könne, dass wesentliche Menschenrechte aufgehoben werden, weil einige Länder sagen: „Wir sind noch nicht so weit!“

An Mährleins Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an, die deutlich machte: Angesichts des Erörterungsbedarfs, dürfte die künftige Veranstaltungsreihe der „Löblichen Singergesellschaft von 1501“ auf reges Interesse treffen – bei Schülern und bei interessierten Bürgern.