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Ein gelungener Auftakt: Maria Ochs (Kulturhaus Osterfeld), Petra Biondina Volpe (Regie), Marie Leuenberger (Hauptdarstellerin) und Christine Müh (Kommunales Kino Pforzheim, von rechts). FRommer
Ein gelungener Auftakt: Maria Ochs (Kulturhaus Osterfeld), Petra Biondina Volpe (Regie), Marie Leuenberger (Hauptdarstellerin) und Christine Müh (Kommunales Kino Pforzheim, von rechts). FRommer
04.08.2017

Kinospektakel unter freiem Himmel mit mehr als 400 Besuchern

Mutiger Auftakt: Das diesjährige Open-Air-Kino im Hof des Kulturhauses Osterfeld startete mit der Premiere eines Films über den schwierigen Weg zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Die 96-minütige Handlung von „Die Göttliche Ordnung“ spielt in der Siebzigerjahre-Enge des bäuerlich geprägten Kantons Appenzell. Auf Schweizerdeutsch! Interessiert diese inner-schweizer Sicht der Frauenbefreiung? Heute noch? Und wie:

Mehr als 400 Zuschauerinnen und Zuschauer wollten sich den neuen Film von Regisseurin Petra Biondina Volpe (46) im „Bundesstartkino“ Kulturhaus Osterfeld, wie Christine Müh es ausdrückte, nicht entgehen lassen. In der Schweiz und in den Vereinigten Staaten wird der Film schon einen Tick länger gezeigt. Dort räumte er einiges an Auszeichnungen ab: Beim renommierten New Yorker Tribeca Festival lief er unter dem Titel „The Divine Order“ ebenfalls mit untertiteltem Schweizerdeutsch – und wurde mit den Publikumspreis bedacht. Außerdem erhielten sowohl Drehbuch (Petra Volpe), als auch Hauptdarstellerin (Marie Leuenberger) die ersten Preise in ihrer Kategorie. Und auf dem Traverse City Film Festival im Norden Michigans gewann er erst Ende Juli als „bester ausländischer Film“ unter 119 dort gezeigten Produktionen auch in den Bereichen: Drehbuch, Publikum, Hauptdarstellerin und beste Nebenrolle (Rachel Braunschweig).

Regisseurin gewürdigt

In ihrer Premieren-Moderation würdigte Christine Müh ausdrücklich, dass Regisseurin und die, (so viel sei vorweg genommen, grandios spielende) Hauptdarstellerin nach Pforzheim gekommen sind – und eben „nicht nach Michigan“. Im Gespräch ließ Christine Müh durchblicken, dass es der Wunsch von Volpe, Leuenberger und ihr gewesen sei, statt der Version in aseptischem Hochdeutsch das ursprüngliche und zupackende Mundart-Original zu zeigen.

Demokratie für Männer

„Die Göttliche Ordnung“ greift die reale Vorlage des legendären und symbolträchtigen Basler Lehrerinnen-Streiks von 1959 auf. Nur habe man, so Regisseurin Petra Volpe, die Handlung eben nach Appenzell Innerrhoden verlegt, gewissermaßen „als eine späte Rache, dass dort das Frauenwahlrecht erst nach Klagen, am 29. April 1990 eingeführt werden konnte“. Was zeigt also Petra Volpes Film, der im Kommunalen Kino noch bis einschließlich Sonntag, dem 13. August zu sehen sein wird? Ohne zu viel verraten zu wollen: Er dokumentiert ebenso pointiert wie entlarvend, dass auch Schweizer Frauen anfangs gegen das Frauenstimmrecht zu Felde zogen. Im Dorf von Nora (Marie Leuenberger) führt die Schreinerei-Chefin (Therese Affolter) die örtliche Anti-Suffragetten-Bewegung an. Wohl gemerkt, eine Unternehmerin, die täglich zwei Dutzend Männer herumkommandiert; (auch Noras Gatten Hans, gespielt von Maximilian Simonischek).

Sie steht dem „Aktionskomitee gegen die Verpolitisierung der Frau“ vor und sammelt ungeniert von den rechtlosen Dörflerinnen Geld dafür ein, ihre Benachteiligung weiterhin zu erhalten. Nur Nora verweigert den Obolus, denn auch der Schreinereiinhaberin geht es nur um Pöstchen, Macht und Einfluss.

Eine Schlüsselszene des Films spielt in der Dorfkirche, als die gereifte Nora allen Mut zusammennimmt und die vom Pfarrer eindringlich beschworene „Göttliche Ordnung“ zwischen privilegiertem Mann und ihm dienender Frau in Frage stellt. Doch das vielleicht Beste am Drama von Petra Volpe: Der Film hält wohltuend die Balance zwischen Ernst und Ironie. Er verzichtet auf die ganz großen Gesten und wird von seinen Schauspielerinnen gekonnt getragen. Und er ist in jeder Sequenz absolut sehenswert.