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Brennpunkt: Die Stadt will das Problem Durlacher Straße 6 – über 60 Ein-Zimmer-Appartements – unter anderem durch einen pädagogisch erfahrenen Hausmeister in den Griff bekommen. /PZ-Archiv
Brennpunkt: Die Stadt will das Problem Durlacher Straße 6 – über 60 Ein-Zimmer-Appartements – unter anderem durch einen pädagogisch erfahrenen Hausmeister in den Griff bekommen. /PZ-Archiv
24.03.2010

Klempner und Sozialarbeiter für Problem-Wohnblock

PFORZHEIM. Als Reaktion auf die Vorkommnisse im Problem-Wohnblock Durlacher Straße 6 hat die Arge Jobcenter in einem Schreiben an den Hausverwalter das Profil eines pädagogisch ausgebildeten Hausmeisters angefertigt.

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Ordnungsamtsleiter Wolf-Dietmar Kühn kurz vor seiner Pensionierung. Er blickt auf den Gebäudekomplex Durlacher Straße 6, in die Schlagzeilen geraten durch Alkoholexzesse, Ruhestörungen, drei Tote: Eine Frau kam nach einer Wodka-Orgie mit zwei Männern ums Leben; ein 26-Jähriger sprang aus dem Fenster, nachdem er von einem notorischen Gewalttäter im Suff mit einem Vibrator vergewaltigt wurde; zuletzt stach ein 34 Jahre alter Mann einen 50-jährigen Zechkumpan nieder und verletzte diesen dabei tödlich.

Nach der Vergewaltigung und dem anschließenden Selbstmord im März vergangenen Jahres gab es einen runden Tisch mit Ordnungsamt, Sozialamt, Sozialem Dienst, Arge, Polizei und Hausverwalter. Der schließt die Mietverträge mit der Klientel ab, handelt im Auftrag und ist eingesetzt vom Besitzer der Immobilie, einem in der Schweiz residierenden Deutschen. Es ist offiziell eine Privatgeschichte – aber dennoch ein Fall für die öffentliche Hand. Denn die Personen – es handelt sich um 64 Kleinst-Appartements mit 27 beziehungsweise 29 Quadratmetern für 220 Euro Kaltmiete plus 120 Euro Nebenkosten zuzüglich 30 Euro Heizungskosten – sind in der Regel Hartz-IV-Empfänger.

Und das, was sich in dem Wohnblock, der früher mal eine Fabrik der Traditionsindustrie war, abspielt, ist tatsächlich ein Thema, was den sozialen wie politischen Umgang mit Randgruppen angeht. Die Mieter unterschreiben eine Abtretungs- erklärung – so ist der permanente Geldfluss für den Eigentümer garantiert.

Ein zweiter runder Tisch nach den tödlichen Messerstichen war eine Art notwendiger Reflex – denn die Bilanz zwischen den beiden Krisentreffen war eher gut gewesen. „Die Auffälligkeiten sind zurückgegangen“, bilanziert Sozialamts-Chef Rüdiger Staib. Unter anderem sei, assistiert Arge-Leiter Jochen Wacker, das Resultat einer dringenden Bitte an den Hausverwalter im August vergangenen Jahres gewesen: Es solle darauf geachtet werden, dass Personen unter 25 Jahren und Menschen, „bei denen psychische Erkrankungen im Vordergrund stehen, keinen Mietvertrag in dieser Liegenschaft erhalten“. Die Stadt regte an, „in enger Zusammenarbeit mit den sozialen Netzwerkpartnern“ eine Alternative zu finden.

Seither, so Kühn, gebe es allerhöchstens noch „fünf, sechs“ Problemfälle in der Immobilie. Und die habe man im Auge. Ihm ist es ganz recht, dass er eine gewisse Klientel räumlich begrenzt unter Kontrolle hat. Nicht anders denkt die Polizei, die lange nicht mehr so häufig wie früher an die Durlacher Straße 6 gerufen wird.

Vorschlag der Streetworker

Noch steht eine weitere Anregung der Arge Jobcenter im Raum: Der Hausverwalter möge sich um einen Hausmeister „mit erweitertem pädagogischem Auftrag“ kümmern. Erarbeitet hat man das Anforderungsprofil in Zusammenarbeit mit Bernd Schön, Leiter der Streetwork Innenstadt. Der Hausmeister, der mehr können soll als das handwerkliche „Mädchen für alles“, soll konfliktfähig, psychisch belastbar und im Umgang mit Problemgruppen erfahren sein, deeskalierend, aber auch beherzt auftreten. Er soll Grundkenntnisse über das soziale Netzwerk in Pforzheim haben, Ansprechpartner vermitteln können und einen Sanktionskatalog festlegen.

Dem Votum für eine zentrale Unterbringung widerspricht die Arbeitsgemeinschaft der Pforzheimer Wohnungsbauunternehmen. Katja Prestinari, Assistentin der Geschäftsleitung der Familienheim, spricht für die Chefs der Unternehmen, wenn sie sagt: „Eine Konzentrierung dieser Personengruppe auf einzelne Gebäude ist nicht wünschenswert. Eine Versorgung über unseren Bestand, also dezentral, ist besser.“ Ein Großteil der Hartz-IV-Empfänger – rund 10 500 in Pforzheim – lebten derzeit in einer der Wohnungen der Arbeitsgemeinschaft.

„Wohnungen auf dem Markt“

Prestinari weist den oft geäußerten Vorwurf zurück, die Unternehmen erhöhten im Rahmen der nötigen Renovierungen die Miete – und überschritten damit das Limit, bis zu dem die Stadt laut Gesetz zahlen muss: Der zulässige Quadratmeterpreis liegt bei knapp fünf Euro, und einer Einzelperson stehen in der Regel 45 Quadratmeter zu. Prestinari: „Die Unternehmen melden dem Sozialamt frei werdende Wohnungen und ihre Miethöhe als Beleg dafür, dass durchaus Wohnungen mit der von der Stadt festgelegten Kaltmiete-Obergrenze auf dem Markt sind.“