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PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht. Foto: Ketterl
PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht. Foto: Ketterl
24.01.2019

Kommentar zur EU-Wahl: Große Koalition wirkt aus der Zeit gefallen - Gewählt wurde die Zukunft

Spätestens jetzt muss jedem klar sein: Der Zeitgeist ist grün. Alle, die daran bislang gezweifelt haben, wurden bei der Europawahl endgültig eines Besseren belehrt.

Ein Kommentar von PZ-Chefedakteur Magnus Schlecht

Klimaschutz, verbunden mit einer umweltverträglichen Wirtschaftspolitik, ist das Thema der Gegenwart und der Zukunft. Und es ist das ureigene Thema der Grünen. Niemand kann dieses Politikfeld glaubwürdiger und überzeugender rüberbringen als die Ökopartei – und zwar quer durch alle Schichten. Dass es ihr dabei vor allem gelingt, so viele Jungwähler für sich zu gewinnen, ist die logische Konsequenz eines Profils, dem sich die Grünen seit jeher treu geblieben sind. Seit vier Jahrzehnten predigen sie Umweltschutz. Oft belächelt oder als reine Verbotspartei diffamiert, ernten sie nun die Früchte einer Politik, die sie in den 70er-Jahren gesät haben. Und dennoch haben die Grünen in den Augen vieler Wähler mehr zu bieten. Sozial, konservativ, liberal, wirtschaftsfreundlich, modern, hipp – es gibt kaum ein Attribut, das den Grünen nicht zugesprochen wird. Dass dieser Politikstil vor allem das Lebensgefühl in den Großstädten trifft, zeigen nicht erst die Ergebnisse von gestern. Die Grünen sind die Volkspartei 4.0 – sie schaffen es sogar, zusätzliche Wähler zu mobilisieren, was sich an der hohen Wahlbeteiligung zeigt.

Union und SPD wirken dagegen wie aus der Zeit gefallen. Die SPD ist zu einer Möchte-gern-Volkspartei mutiert. Kapuzenpulli und Plakate mit gestellten Selfies reichen nun mal nicht aus. Geradezu lächerlich auch, wie sich die SPD von ihrem Juso-Vorsitzenden mit sozialistischen Hirngespinsten auf der Nase herumtanzen lässt. Kevin Kühnert ist zwar jung, steht aber für eine Politik aus Zeiten des Kommunismus. Dass Andrea Nahles, die Noch-Vorsitzende, gestern verzweifelt versucht, Optimismus zu verbreiten trotz des schlechtesten Ergebnisses aller Zeiten bei einer bundesweiten Wahl und trotz des Bremen-Debakels, zeugt von einer fast unerträglichen Realitätsverweigerung.

Die Zeichen der Zeit hat aber auch die Union nicht erkannt. Dabei ist es nicht mal nur das historisch niedrige Ergebnis, das die CDU demütigt. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Christdemokraten hauptsächlich von über 70-Jährigen und von Jungwählern kaum gewählt werden, droht der Partei auf Sicht das gleiche Schicksal wie der SPD – der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Wie hilflos, arrogant und tollpatschig sich die Partei im Umgang mit der Jugend verhält, hat sich nicht zuletzt bei der Attacke des Youtubers Rezo gezeigt. Und schließlich: Dass von Angela Merkel nichts mehr zu erwarten ist, war klar. Sie verwaltet nur noch das Ende ihrer Kanzlerschaft. Ob aber Annegret Kramp-Karrenbauer die richtige Vorsitzende ist, darf seit gestern mehr denn je bezweifelt werden. Unterm Strich steht fest: Die Große Koalition hat ausgedient.