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In fünf bis zehn Jahren soll es in Deutschland ein zentrales Abitur geben – zumindest wenn es nach Baden-Württembergs Kultusministerin geht. Foto: dpa
In fünf bis zehn Jahren soll es in Deutschland ein zentrales Abitur geben – zumindest wenn es nach Baden-Württembergs Kultusministerin geht. Foto: dpa
02.07.2019

Kommt das Zentralabitur? Geteiltes Echo in der Region auf Eisenmann-Idee

Mit unterschiedlichen Standards beim Abitur soll nach Meinung von Kultusministerin Susanne Eisenmann langfristig Schluss sein: „Wir brauchen in Deutschland innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur und auch für andere Schulabschlüsse zentrale Prüfungen“, sagte die CDU-Politikerin am Dienstag. „Am Ende muss es nicht nur deutschlandweit dieselben Prüfungsaufgaben geben, sondern auch einheitliche Regeln dafür, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden.“

Edith Drescher, Leiterin des Pforzheimer Hilda-Gymnasiums und Geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien in Pforzheim, kann sich „im Moment weder inhaltlich noch organisatorisch ein funktionierendes Zentralabitur vorstellen.“ Schon der gemeinsame Aufgabenpool der Länder funktioniere „hinsichtlich der Abiturvorbereitung und -anforderungen“ nicht gut. Der Landesschülerbeirat mit seinem Vorsitzenden Leandro Karst aus Birkenfeld-Gräfenhausen bewertet den Vorschlag dagegen positiv. „Schüler müssen in ganz Deutschland ihren Abschluss unter gleichwertigen Bedingungen machen. Hierunter darf die Qualität jedoch nicht leiden. Das Niveau des Abiturs (...) muss gewährleistet werden.“ Und, so Karst weiter: „Ein geschenktes Abitur hilft auf lange Sicht gesehen auch keinem weiter.“

Umfrage

Dieselben Aufgaben: Sollte es ein zentrales Abitur und auch für andere Schulabschlüsse zentrale Prüfungen geben?

Vereinheitlichung führt zu Niveausenkung

Mit ihrem Vorschlag befeuerte Eisenmann, die designierte CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021, ein Thema, an dem sich schon seit Jahren die Geister scheiden. Einerseits klagen Eltern und Schüler bei Umzügen innerhalb Deutschlands über die unterschiedliche Bildungslandschaft. Und bei der Vergabe von Studienplätzen kann die Abiturnote ein zentrales Kriterium sein, obwohl das Abitur unterschiedlichen Standards unterliegt. Anderseits liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern. So meinte jetzt auch der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Ralf Scholl: „Ein bundesweites Abitur ist ein gutes Ziel – aber nur auf bayerischem Niveau oder dem Niveau von Baden-Württemberg vor dem Jahr 2011.“ Bislang habe jeder Versuch der Vereinheitlichung dazu geführt, dass das Niveau gesunken sei.

Seit 2017 können die Bundesländer die Abituraufgaben für Mathe, Deutsch und die Fremdsprachen aus einem gemeinsamen Aufgabenpool der Kultusministerkonferenz entnehmen. Vor zwei Jahren hatte sich Eisenmann noch gegen ein Zentralabitur ausgesprochen. Eine Sprecherin erklärte, die Erfahrungen mit dem Aufgabenpool zeigten, dass das gemeinsame Vorgehen nicht die gewünschten Effekte zeige und es immer noch keine vergleichbaren Bedingungen für das Abitur gebe.

GEW-Landeschefin wittert Populismus

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sieht Vor- und Nachteile eines Zentralabiturs. Einerseits dürften die Standards nicht zu sehr voneinander abweichen. „Man braucht eine bessere Vergleichbarkeit.“ Ein Zentralabitur sei aber allenfalls etwas für einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Zudem nähmen zentrale Prüfungen den Ländern die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Die Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Doro Moritz, hielt Eisenmann Populismus vor. „Ein zentrales Abitur und zentrale Prüfungen für andere Schularten sind weder sinnvoll noch in fünf bis zehn Jahren realisierbar.“ Eisenmann solle sich lieber darum kümmern, den Unterrichtsausfall an den Gymnasien in Baden-Württemberg zu senken.

Presseerklärung von Oberstudiendirektorin Edith Drescher

Geschäftsführende Schulleiterin der Gymnasien in Pforzheim

„Bereits jetzt haben wir ja seit drei Jahren in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch Abituraufgaben aus einem zentralen Aufgabenpool der Länder. Wir haben dadurch nur Nachteile: Durch unser dreistufiges Korrektursystem, das es nicht in allen Bundesländern gibt, verdichten sich die Korrekturzeiträume ungemein, erhebliche Unterrichtsausfälle in einem relativ kurzen Zeitraum sind die Folge, der Zeitdruck auf die korrigierenden Lehrkräfte ist enorm.

Das schriftliche und mündliche Abitur sind durch die Abstimmung zwischen den an diesem Verfahren beteiligten Ländern im Schuljahr weit nach hinten gerutscht, zum Teil werden dieses Jahr erst Mitte Juli die Abiturzeugnisse ausgegeben.

Nicht zuletzt diesem so genannten IQB-Abitur ist es geschuldet, dass wir dieses Jahr erstmals unsere Abituraufgaben in den genannten Fächern selbst ausdrucken mussten, mit allen Kosten und Risiken auf unserer Seite.

Die Petitionshysterie nach dem Abitur im letzten und in diesem Jahr hat zudem gezeigt, dass der gemeinsame Aufgaben-Pool hinsichtlich der Abiturvorbereitung und -anforderungen wohl nicht gut funktioniert.

Ich kann mir im Moment weder inhaltlich noch organisatorisch ein funktionierendes Zentralabitur vorstellen.

Natürlich ist es wünschenswert, dass das Abitur der verschiedenen Länder gleichwertig ist, das ist allein schon eine Frage der Gerechtigkeit. Aber vor einer zentralen Abschlussprüfung sollten zunächst einmal vergleichbare Inhalte und Anforderungen stehen. Vielleicht wäre ein Nationaler Bildungsrat dafür tatsächlich das richtige Gremium.“

Pressemitteilung des 13. Landesschülerbeirates Baden-Württemberg

Von Pressesprecher Roman Jauch

„Die baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport äußerte sich am Dienstag gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zum Zentralabitur. Somit sollen die Abiturergebnisse in ganz Deutschland vergleichbar werden. Der Landesschülerbeirat bewertet diesen Vorschlag hinsichtlich der Fairness gegenüber allen Schülerinnen und Schülern in Deutschland positiv.

„Schülerinnen und Schüler müssen in ganz Deutschland ihren Abschluss unter gleichwertigen Bedingungen machen. Hierunter darf die Qualität jedoch nicht leiden. Das Niveau des Abiturs als höchster Schulabschluss muss gewährleistet werden.“, schätzt Leandro Cerqueira Karst, Vorsitzender des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg, die Qualität des Zentralabiturs ein.

Eine Abiturvergabe der Statistik wegen, darf nicht das Ziel sein. Die duale Ausbildung hat in Deutschland und vor allem in Baden-Württemberg einen elementaren Stellenwert. „Ein geschenktes Abitur hilft auf lange Sicht gesehen auch keinem weiter, weder den Schülerinnen und Schülern, noch den Universitäten und Betrieben.“, Leandro Cerqueira Karst weiter.

Um die Vergleichbarkeit der Schülerinnen und Schüler der Bundesrepublik zu erhöhen, reicht eine reine Angleichung der Abituraufgaben in den Prüfungen allerdings nicht. „Zur Vergleichbarkeit zählen unter anderem auch Aspekte wie die Vorbereitung auf die Abiturprüfung, die Verwendung der Taschenrechner, der Lektüren und der Wörterbücher, während der Abiturprüfung, aber auch die Möglichkeit der anrechenbaren Kurse.“, vertritt Leandro Cerqueira Karst die Gremiumsmeinung. Der Landesschülerbeirat hält eine Angleichung dieser Aspekte, im Zuge eines Zentralabiturs für unausweichlich.

Um das Zentralabitur nun also wirklich gerecht zu gestalten, müssen derzeit bestehende handwerkliche Probleme ausgeräumt werden. Die Durchführung zu einem einheitlichen Zeitpunkt muss dabei ebenfalls gewährleistet werden. „Es gilt nun in der Kultusministerkonferenz eine Einigung zu finden, um die längst überfällige Vergleichbarkeit und damit die faire Chance für jeden Schüler und jede Schülerin, zu erreichen.“, fordert Leandro Cerqueira Karst und gibt damit dem Vorschlag der Kultusministerin eine Richtung.“