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Nach etlichen, auch mit Todesfällen verbundenen Ereignissen scheint jetzt Ruhe in das Apartmenthaus an der Durlacher Straße eingekehrt zu sein. © Kurtz
14.07.2010

Kommt das polizeibekannte Skandalhaus zur Ruhe?

PFORZHEIM. Vor dem Landgericht Karlsruhe beginnt am Freitag der Mordprozess gegen einen 34-jährigen Mann. Er hatte gestanden, im Februar einen Zechkumpan in dessen Appartement an der Durlacher Straße erstochen zu haben. Dieses Tötungsdelikt war einer der traurigen Höhepunkte von Zwischenfällen in der zu einem Apartmenthaus umgebauten ehemaligen Schmuckfabrik. Doch inzwischen soll es in dem polizeibekannten Haus viel ruhiger geworden sein. PZ-news und Mühlacker-news zeigen am Abend dazu ein Video.

Bildergalerie: Kommt Ruhe in das Pforzheimer Skandalhaus?

Sieht so ein sozialer Brennpunkt mitten in Pforzheim aus? Eine ehemalige Schmuckfabrik an der Durlacher Straße, renoviert, aufgeteilt in rund 60 Ein-Zimmer-Appartements – eine Immobilie, die binnen weniger Jahre in Verruf geriet? In der es regelmäßig zu Ruhestörungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, meist im Suff, kam? In der eine 45-jährige Frau nach einer Alkoholorgie mit zwei Männer starb – offiziell an multiplem Organversagen. Im Spätjahr 2008 war ein 28-Jähriger von einem als brutal bekannten 26-jährigen Mann in seinem Appartement im Beisein anderer Männer brutal vergewaltigt worden. Das Opfer nahm sich durch einen Sprung aus dem Fenster wenig später das Leben.

Im Februar erlag ein 50-Jähriger in seinem Appartement den schweren Stichverletzungen, die ihm ein 34-jähriger Zechkumpan beigebracht hatte – der Mann steht von Freitag an vermutlich drei Prozesstage lang vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Karlsruhe. Doch inzwischen, so bestätigen es auch Nachbarn des verrufenen Hauses, habe sich die Lage beruhigt. Soll heißen: Die nächtlichen Ruhestörungen sind selten geworden. Und: Es sei schon eine Weile kein Polizeiauto mehr vor dem Haus gestanden, sagt eine Nachbarin. Auch die Feuerwehr musste schon längere Zeit nicht mehr anrücken. Zuletzt hatte es einen Brand im Keller gegeben.

Nach einer Gesprächsrunde von Hausverwaltung, Polizei, Amt für öffentlicher Ordnung und anderen Einrichtungen hat die Entwicklung eine andere Richtung eingeschlagen. Verschiedene Maßnahmen haben das Konfliktpotenzial im Haus gesenkt. Unter anderem gibt es jetzt dort das "Büro Hoffnung für alle - D6", in dem Günter Michael Meinzer mit viel christlicher Nächstenliebe für Beratungs- und Hilfsgespräche aller Art zur Verfügung steht. Es scheint so, als würde das Haus Durlacher Straße 6 bald aus den Schlagzeilen geraten können.

„Ich habe das miterlebt“, sagte jüngst eine junge Frau zu Günter Meinzer. Der 50-Jährige ist so etwas wie der Rettungsanker für das Haus, seinen Ruf, die Menschen, die darin wohnen oder wohnten. So wie die Frau, die sich wunderte, wie ruhig und sauber es zugehe – kein Vergleich zu früher. Meinzer hatte sich im April mitsamt Programm dem Verwalter der Immobilie angeboten, um vor Ort eine überkonfessionelle christliche Anlaufstelle mit dem Namen „Büro Hoffnung für Alle – D 6“ einzurichten. Der Verwalter bot Meinzer, überzeugter Christ („Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter war für mich eine Initialzündung“) und staatlich anerkannter Altenpfleger, ein Appartement im Haus an.

Laufzeit des Mietvertrags: ein Jahr mit Verlängerungsoption. Keine Kaution, reduzierter Mietzins. Seit dem Frühjahr betreut Meinzer seine Kundschaft. Offene Sprechzeiten sind jeweils mittwochs und freitags von 9 bis 12 Uhr.

Hilfe zur Selbsthilfe

Meinzer versteht die Arbeit von „Hoffnung für Alle“ als Hilfe zur Selbsthilfe. Und Hilfe bedeutet für ihn zunächst Ursachenforschung – sei es in lockerer Atmosphäre unterm eigens aufgestellten Sonnenschirm in seinem „D 6“-Büro oder in einem Café. Und dann die Weitervermittlung, gegebenenfalls an Schuldnerberatung oder kirchliche Einrichtungen.

Eine solche Institution ist das Haus Wiedenhof bei Lüdenscheid. Unlängst fuhr Meinzer in Begleitung einer Kollegin einen Klienten zur Drogen-Reha. Dort angekommen, wurde Meinzer schon von einem Patienten begrüßt mit den Worten: „Kommt Ihr aus Pforzheim?“ Es stellte sich heraus: Der junge Mann war auch einmal Mieter in der „Durlacher sechs“ gewesen. Drogen, Absturz, Entzug. Heute hat er wieder einen Job. Daraus schöpft Meinzer Kraft.

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