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Symbolbild: dpa
Symbolbild: dpa
14.11.2016

Kranke Lust eines Lehrers: Jungs übers Internet missbraucht?

Maria, Sophie oder Tina – drei von vielen Namen, unter denen ein ehemaliger Lehrer einer Pforzheimer Schule mehrere Hundert Accounts auf Internet-Portalen betrieben hat. Dort hat sich Peter N. (Name geändert) als 13-jähriges Mädchen ausgegeben, Kontakt zu Jungen im vorpubertären Alter aufgenommen und diese dazu gebracht, ihm pornografische Bilder oder Videos zu senden. Eine nicht enden wollende Liste der Anklagepunkte trug Staatsanwältin Regina Schmid am Montag zum Prozessauftakt vor: sexueller Missbrauch an Kindern – in Tateinheit mit Beschaffung jugendpornografischer Schriften, teils in Tateinheit mit Nötigung – bei vielen blieb es allerdings beim Versuch.

Wegen dieser Taten muss sich Peter N. vor der hiesigen Außenstelle des Landgerichts Karlsruhe unter Vorsitz von Richter Andreas Heidrich verantworten. Die 53 bekannten Fälle – sie sind wohl nur die Spitze des Eisbergs. Peter N. wird zur Last gelegt von November 2007 bis Sommer 2013 insgesamt 30 Jungen – davon 20 namentlich bekannt – zwischen elf und 14 Jahren online angeschrieben zu haben, um ihnen ein „sexy Angebot“ zu machen. Dieses beinhaltete den Austausch von Nacktfotos oder -videos. Er soll den Kindern pornografische Fotos eines Mädchens geschickt haben. Im Gegenzug gab er den Jungen genaue Handlungsanweisungen, wie sie sich vor der Kamera zu entkleiden, zu präsentieren und selbst zu befriedigen haben.

Wollten die Kinder diesen nicht folgen, soll er einigen gedroht haben, bereits zugesandtes Material im Internet zu veröffentlichen. Peter N. gestand alle Taten. Weiter verbreitet habe er die erhaltenen Aufnahmen nie. „Es war nie meine Absicht, jemanden bloßzustellen“, beteuerte er. Die Polizei war ihm auf die Spur gekommen, als sich ein 13-Jähriger an seine Mutter gewandt hatte und diese im November 2012 die Polizei informierte. Auch wenn im Laufe der Ermittlungen immer mehr Fälle bundesweit bekannt wurden – die Ermittlungen waren nicht einfach, wie Polizisten im Zeugenstand zu verstehen gaben. Zu gut hatte Peter N. im Internet durch Verschlüsselungen seine Spuren verwischt. Erst durch Hilfe von IT-Experten des Landeskriminalamts gelang es im Mai 2013, Peter N. aufzuspüren. Im August – allein in diesem Monat soll der Lehrer zu 250 Jungen Kontakt aufgenommen haben – folgte die Wohnungsdurchsuchung. Um neun Uhr klingelten die Beamten – keiner öffnete. Sie vermuteten, Peter N. sei nicht zu Hause. Bis sich die Polizisten entschlossen, gegen 12 Uhr die Tür einzurammen, hatte der Angeklagte 40 Prozent des Materials auf seinen Festplatten unwiederbringlich gelöscht.

In einer Sicherungskopie fanden sie Experten dennoch eindeutige Fotos und Chatprotokolle. Umgehend wurde Peter N. suspendiert. Er gab zu, auch zwei Jungen der Schule kontaktiert zu haben, an der er tätig war. Allerdings habe er diese nicht unterrichtet, sondern deutlich jüngere Kinder, die seinen sexuellen Präferenzen nicht entsprächen.

Sachlich sprach Peter N. vor Gericht über seine Taten. Nur das unaufhörliche Wippen seiner Füße verriet seine Anspannung. „Ich bin mir bewusst, dass ich das alles zu verantworten habe und nicht umsonst hier sitze. Das macht man als Erwachsener nicht – eigentlich“, sagte er. Er sei aus eigenem Antrieb aus dem Schuldienst ausgeschieden, habe seinen Beamtenstatus abgegeben und sich in eine Therapie begeben, die er fortzuführen gedenke. Die Diagnose: Pädophilie. Er habe sich schon lange mit dem Gedanken beschäftigt, sich zu outen, sagte Peter N. Aus Scham und aus Angst vor den Reaktionen habe er es nicht getan. Wie es zu den Taten kommen konnte, könne er sich nicht erklären: „Wenn ich das heute höre, bin ich selbst erschrocken und bestürzt und bedauere auch, wie das gelaufen ist“, so der 38-Jährige.

Er habe so etwas wie „ein zweites Leben in der Onlinewelt“ geführt – im Schutz der Anonymität sei er „hineingeschlittert“. „Man sitzt vor dem Computer, weiß zwar, man schreibt mit einem Kind, aber irgendwann verliert man den Sinn für die Realität“, sagte er. „Es wird zur Normalität, man macht sich nicht mehr so viele Gedanken darüber, was man da eigentlich tut.“ In der realen Welt, auch in seiner Stellung als Lehrer, beteuerte Peter N., habe er nie das Bedürfnis gehabt, ein Delikt zu begehen. „Das kann ich klar trennen.“

Ein Urteil wird am nächsten Verhandlungstag erwartet.