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Gut besucht ist das PZ-Forum, als Rüdiger von Fritsch über die Geschichte der Beziehung zwischen Deutschen und Russen sowie aktuelle Probleme referiert. Ketterl
Auf Initiative von Gunther Krichbaum (Zweiter von links) kommt Rüdiger von Fritsch ins PZ-Medienhaus., rechts Verleger Albert Esslinger-Kiefer, links Chefredakteur Magnus Schlecht.
Herzliche Begrüßung: Rüdiger von Fritsch und Ehefrau Huberta. Sie stammt aus Mönsheim.
13.01.2019

Lehrstunde der besonderen Art: Deutscher Botschafter in Russland referiert im PZ-Forum

Pforzheim. Seit 2014 ist nichts mehr, wie es zuvor war. Eiszeit in den Beziehungen zwischen Europa und Russland. Der Grund: einerseits die Annexion der Halbinsel Krim und somit der Bruch des Völkerrechts durch Moskau, andererseits das Schüren des blutigen Ukraine-Konflikts durch den Kreml mit dem Ziel der systematischen Destabilisierung des Landes.

Für Deutschland und Europa zwei inakzeptable Handlungen, die zwar nicht zum Abbruch der Beziehungen, aber zu einem extrem abgekühlten Verhältnis zwischen beiden Seiten geführt haben. Und dennoch: „Zu guten deutsch-russischen Beziehungen gibt es keine Alternative“, unterstreicht an diesem Abend Rüdiger von Fritsch, seit fünf Jahren Deutschlands Botschafter in Moskau, im PZ-Forum. Es ist einer der zentralen Sätze eines Vortrags, der messerscharf die derzeitige Situation zwischen Ost und West analysiert, der nichts schönredet, der am Ende aber auch die Hoffnung auf wieder bessere Zeiten keimen lässt - allerdings nur dann, „wenn wir den Elefanten aus dem Raum“ bekommen, sprich den Ukraine-Konflikt lösen, verdeutlicht der 65-jährige Diplomat.

Bildergalerie: Deutscher Botschafter in Russland referiert im PZ-Forum

Blüte und Tragödie

Dass „Russland bewegt und interessiert“, wie es eingangs PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer formuliert, beweist, dass das PZ-Forum an diesem Abend ausverkauft ist. Mag es nun am Thema liegen oder aber auch am Referenten selbst. Für Esslinger-Kiefer ist von Fritsch jedenfalls ein „wichtiger Makler zwischen den Welten“, für Gunther Krichbaum die „bestmögliche Besetzung“ in der Botschaft in Moskau. Pforzheims CDU-Bundestagsabgeordneter, der dem Europaausschuss im Bundestag vorsitzt, hatte den Besuch des Karrierediplomaten eingefädelt. Und dieser bietet eine rhetorisch geschliffen vorgetragene Lehrstunde über die mehrere Jahrhunderte zurückreichenden deutsch-russischen Beziehungen, einer „Geschichte großer Nähe und intensiven Austausches“ – ob nun kultureller, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder gar dynastischer Art, wie das Beispiel des ehemaligen Königreichs Württemberg mit gleich zwei russischstämmigen Monarchinnen – Katharina und Olga – zeigt. Die deutsch-russische Geschichte kenne aber nicht nur Reichtum, sondern auch „schreckliche Tragödien“, erinnert von Fritsch an den Zweiten Weltkrieg. Dennoch sei es gelungen, nach 1945 „gedeihliche Beziehungen“ aufzubauen. Aber „all das scheint derzeit in Scherben vor den Füßen zu liegen“, konstatiert der Diplomat.

Die zurückliegenden 30 Jahre seien von beiden Seiten „unterschiedlich wahrgenommen“ worden, analysiert der gebürtige Westfale. Während sich nach Lesart des Westens durch den Zusammenbruch der Sowjetunion das Selbstbestimmungsrecht der Völker durchgesetzt habe, sei das Kollabieren des Riesenreiches für die Russen „zutiefst traumatisch“ gewesen. Sowohl der Verlust an imperialer Bedeutung als auch das „Gefühl der Einkreisung“, des Bedrängt- und Umzingeltseins habe den „innersten Kern des Selbstverständnisses“ der Russen schwer getroffen. In diesem Prozess, so von Fritsch, „wird tranchiert. Das ist die Ukraine. Und als sich die Ukraine in die falsche Richtung zu bewegen scheint, wird die Krim annektiert, und es wird ein militärischer Konflikt entfesselt im Südosten der Ukraine“, der – und das sei unstrittig – aus Russland heraus ständig befeuert werde. Als Lehre aus der Geschichte habe Europa nicht mit Gewalt auf Gewalt reagiert, sondern in „seltener Geschlossenheit und Einmütigkeit“ für Sanktionen gestimmt. Nicht als Strafe, wie der Botschafter betont, sondern als „Instrument der Politik“. Damit habe der Westen eine „rote Linie gezogen“, seiner „Entschlossenheit Ausdruck verliehen“, für seine Überzeugungen einzutreten, aber auch seine Bereitschaft zum ständigen Dialog erklärt, um diesen schweren Konflikt zu lösen.

Damit das Verhältnis zu Russland jenseits des Ukraine-Konflikts Zukunftschancen behält, müssten die Beziehungen auf anderer Ebene gepflegt und gehegt werden, betont von Fritsch. Nämlich über Städtepartnerschaften wie die zwischen Pforzheim und Irkutsk, über den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch, über die Intensivierung und den Ausbau von Handel. „Das ist praktische Außenpolitik“, unterstreicht von Fritsch.

Ein Patentrezept, um den Ukraine-Konflikt zu lösen, hat an diesem Abend auch der Botschafter nicht parat. Nur einen Rat an alle Parteien angesichts vieler gemeinsamer Interessen: „Wir sollten versuchen, manches zu lassen, diese unsägliche Propaganda, dieses gegenseitige Schlechtreden, diese Cyberangriffe. Das alles muss nicht sein.“