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Schokolade findet begeisterte Abnehmer: Lisa Bonnet mit Flüchtlingskindern auf dem Budapester Bahnhof Keleti.  Privat
Schokolade findet begeisterte Abnehmer: Lisa Bonnet mit Flüchtlingskindern auf dem Budapester Bahnhof Keleti. Privat
Lisa Bonnet und ihr Freund Philipp Schmidt, hier noch in Pforzheim.
Lisa Bonnet und ihr Freund Philipp Schmidt, hier noch in Pforzheim.
04.09.2015

Lisa aus Pforzheim hilft mit ihrem Freund in Budapest Flüchtlingen

Tausende von Flüchtlingen warten dieser Tage in Budapest darauf, nach Deutschland reisen zu dürfen. Eine junge Deutsche hat sich in umgekehrter Richtung auf den Weg gemacht: Lisa Bonnet aus Pforzheim beginnt demnächst ihr Medizinstudium in der ungarischen Hauptstadt. Gerade ist sie dabei umzuziehen. Eigentlich. Beim Anblick der vielen bedürftigen Flüchtlinge haben Lisa Bonnet und ihr Freund Philipp Schmidt nämlich beschlossen zu helfen.

PZ: Hallo Frau Bonnet, seit wann sind Sie in Budapest?

Lisa Bonnet: Wir sind jetzt seit einer Woche hier. Am Montag musste ich mir von der Universität eine Bestätigung abholen. Auf dem Weg sind wir am Bahnhof Keleti vorbeigekommen und haben die Flüchtlinge zum ersten Mal gesehen.

PZ: Wie wurden Sie zur Helferin?

Lisa Bonnet: Als wir das gesehen haben, haben wir uns spontan entschlossen, dass wir irgendwas machen müssen: Die Leute haben nicht genug zu essen und zu trinken – und dabei ist es ist sehr heiß momentan. Außerdem haben sie nicht genug Decken und Matten, zum Teil schlafen sie auf dem blanken Boden. Es stinkt dort, es ist dreckig, es gibt nur eine Wasserstelle für 2000 Menschen und nur vier Dixie-Klos. Am Montag waren wir dann bei Ikea, um Sachen für meine Wohnung zu kaufen, und dort haben wir dann gleich Decken mitgenommen. Eigentlich wollten wir die zu dem Stützpunkt bringen, aber auf dem Weg durch die Menschenmenge hindurch sind wir die Decken dann schon alle losgeworden.

PZ: Stützpunkt? Gibt’s dort Hilfe für Flüchtlinge?

Lisa Bonnet: Es gibt Hilfe dort, von der Bevölkerung. Die Organisation heißt Migration Aid. Von staatlicher Seite gibt es jedoch keine Hilfe.

PZ: Was brauchen die Leute am nötigsten?

Lisa Bonnet: Vor allem Decken und Matten. Es ist jetzt noch sehr warm, aber die nächsten Tage soll es zunehmend kälter werden. Außerdem brauchen sie Nahrungsmittel, frisches Obst, Seife, Hygieneartikel. Es mangelt an allem. Wir haben auch unsere medizinische Hilfe angeboten. Ich bin ja zum Medizinstudium hier und habe in Deutschland schon lange Sanitätsdienst gemacht, bin ehrenamtlich bei der Aidshilfe. Und mein Freund ist bei der Feuerwehr und auch Sanitäter.

PZ: Wie finanzieren Sie das, was Sie dort an Nahrungsmitteln und Decken verteilen?

Lisa Bonnet: Es sind ja jetzt erst ein paar Tage. Wir haben am Montag, Dienstag und Mittwoch selbst Sachen gekauft, nachdem wir uns mit ein paar Familien unterhalten hatten und wussten, was sie so brauchen. Dann hatte meine Mutter die Idee, einen Facebook-Aufruf zu starten. Ich habe mich zuerst ein bisschen gesträubt, ich wollte nicht betteln oder so. Aber wir haben eine wahnsinnige Resonanz bekommen von Leuten, die Kleider spenden wollen und uns Geld überwiesen haben. Ich bin ganz überwältigt von dem Vertrauen, das uns die Leute da entgegenbringen. Heute haben wir Sandwiches in Massen geschmiert und verteilt, außerdem Orangensaft-Tetrapaks, Äpfel, Schokolade und Rasierer. Weil die Männer alle danach lechzen, sich wieder zu rasieren. Und jetzt wollen wir nochmal Decken kaufen gehen. Wir sind jeden Tag dort und sehen dann, was gebraucht wird.

PZ: Das heißt, wenn das so weitergeht, müssen Sie das Studium aufschieben und Ihre eigene Hilfsorganisation aufmachen?

Lisa Bonnet: Nein, ich werde schon studieren gehen. Aber es haben sich inzwischen schon Freunde gemeldet, die gerne herkommen und helfen wollen. Meine Mutter hat gesagt, dass sie hilft. Mein Freund ist ja da. Und wie gesagt, es gibt auch diese Hilfsorganisation vor Ort. Das heißt, man muss gar nicht unbedingt selbst dort sein. Wenn ich demnächst nicht mehr so viel Zeit habe, werden wir von dem gesammelten Geld Sachen kaufen und dort abgeben. Ich will aber versuchen, so oft wie möglich hinzugehen und zu helfen.

PZ: Wollen eigentlich alle, mit denen Sie sprechen, nach Deutschland oder einfach nur in den Westen?

Lisa Bonnet: Nach Deutschland. Man hört immer wieder die Leute im Chor „Germany“ und „Angela Merkel“ schreien. Sie malen Bilder, auf die sie schreiben: „Germany, we love you“. Wenn sie hören, dass wir aus Deutschland kommen, sind alle begeistert.

Lisa Bonnet: Geboren 1992 in Pforzheim, Abitur am Schiller-Gymnasium, anschließend Ausbildung zur Laborassistentin. In Budapest studiert Lisa Bonnet nun an der Semelweis-Universität Medizin. Auf Facebook berichtet sie zusammen mit ihrem Freund Philipp Schmidt über ihre Aktionen am Bahnhof Keleti: https://www.facebook.com/Keletidiaries.

Außerdem wurde ein Spendenkonto eingerichtet: „Aktion Flüchtlingshilfe Budapest“, IBAN: DE61666500850000863564 BIC: PZHSDE66XXX Kontoinhaber: Förderverein Pforzheimer Stadtfest e.V.

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