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In der Deimlingstraße kamen die Großeltern von Gerhard Wagner ums Leben. Foto: Stadtarchiv
In der Deimlingstraße kamen die Großeltern von Gerhard Wagner ums Leben. Foto: Stadtarchiv
20.02.2015

Meiner Großeltern Abschiedsstunde: Emotionales Gedicht zum 23. Februar

14 Jahre war Gerhard Wagner alt, als seine Großeltern beim Bombenangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 in der Deimlingstraße ums Leben kamen. Seine Erinnerungen verarbeite er kurz nach dem Krieg in einem Gedicht. Heute lebt der 84-Jährige, der das Gedicht später überarbeitet hat, in Pfedelbach bei Öhringen. Die PZ veröffentlicht seine emotionalen Zeilen.

Meiner Großeltern Abschiedsstunde

  • Das Ende des schrecklichen Krieges schien nahe.
  • Da rückte die Front meinem Heimatort zu.
  • Zersprengte Soldaten, auf Flucht vor dem Feinde,
  • Das Ende des schrecklichen Krieges schien nahe.
  • Da rückte die Front meinem Heimatort zu.
  • Zersprengte Soldaten, auf Flucht vor dem Feinde,
  • schleppten sich vorwärts.
  • Die Kleider und Schuh auf staubigen Straßen,
  • verdreckt und zerschlissen,
  • als Elendsgestalten gejagt und zerstreut,
  • so suchten sie Rettung – mit schlechtem Gewissen,
  • zum Widerstand waren sie nicht mehr bereit.
  • Als Sammelplatz vieler deutscher Soldaten
  • wird nun die Goldstadt Pforzheim bestimmt.
  • Der Großeltern Heimat in Not war geraten.
  • Ist's Unheil? Welch Schicksals Lauf sie nun nimmt?

 

  • Kalt senkt sich die Winternacht über die Hügel,
  • mit Dunkelheit deckt sie nun Stadt und Land zu.
  • Erschöpfte und kraftlose Menschen nun suchen
  • die lange ersehnte, die nächtliche Ruh.

 

  • Doch plötzlich gellt wieder Geheul der Sirenen
  • durch nächtliche Stille an jedermann Ohr.
  • Stumm greift man den Koffer, steigt träge und müde
  • zum Keller hinunter und schließt dann das Tor.

 

  • Die Scheiben vibrieren Motorengedröhne
  • schwillt an und lässt zittern das Herz in der Brust.
  • Ach, oft schon Gefahren, sie kamen, sie gingen.
  • Doch heute, das wurde wohl manchem bewusst;
  • jetzt war die Gefahr eines Angriffs gekommen,
  • Großvater, Großmutter, sie schauen sich um
  • den Sand in der Wanne, den Pickel, den Vorrat,
  • die Decken, die Kerzen betrachten sie stumm.

 

  • Da plötzlich ein Krachen, ein Beben und Wanken!
  • Ein ohrenbetäubender Lärm füllt die Luft.
  • Die Lampen erlöschen, die Rohre, sie bersten.
  • Der Schutzraum voll Wasser und Staub wird zur Gruft.

 

  • Im flackernden Kerzenschein packt der den Pickel
  • und schlägt an dem Zeichen ein Loch in durch die Wand.
  • Großvater, Großmutter, sie retten sich beide
  • zum Schutzraum des Nachbarn, verdreckt, voller Sand.
  • Erschöpft sinken beide auf trockenen Boden.
  • „Gerettet“, sie rufen, steh'n mühsam dann auf.
  • Doch dröhnen ganz nahe laut donnernde Schläge.
  • Der Gang der Zerstörung, er nimmt seinen Lauf.
  • Die Nachbarn ergreifen der Großeltern Hände,
  • sie führen sie hin zu der Bank an der Wand.
  • Stumm grüßen auch andre, die Rettung hier suchten.
  • Ob wohl das Gewölbe dem Angriff hält stand?
  • Und wieder ganz heftige Detonationen.

 

  • Die Angst um das Leben, die Furcht vor dem Tod -
  • wie viele die Stimme des Herzens erheben,
  • sie schreien zu Gott um Errettung aus Not.

 

  • Ganz plötzlich verstummt dann das Donnern und Krachen.
  • Das grausam' Gewitter, ist's endlich vorbei?
  • Kein Zittern, kein Beben mehr Unruhe machen.
  • Unheimliche Stille – die Angst kommt aufs neu!
  • Den Großeltern fröstelts. In wärmende Decken
  • sie hüllen sich ein und seh'n lächelnd sich an.

 

  • Doch draußen – erst sanft und dann wilder sich regen
  • die Winde, sie steigern sich rasch zum Orkan.
  • Vom rasenden Feuer, von haushohen Flammen
  • nichts spüren sie, scheinen geborgen zu sein.
  • Sie rücken nun eng auf der Eckbank zusammen.
  • Die Müdigkeit bricht über alle herein.

 

  • Die Flamme der Kerze wird klein, leuchtet schwächer,
  • und größere Schatten verdunkeln den Raum.
  • Die Großeltern stöhnen, das Atmen fällt schwerer,
  • geht schneller, doch so, dass sie merken es kaum.
  • Noch einmal strahlt auf, der Lichtschein der Kerze,
  • dann macht sich ganz plötzlich die Dunkelheit breit.
  • Nein, niemand erhebt sich und fasst sich ein Herz
  • und ist zum Entzünden der Kerze bereit.

 

  • Ja, auf Befreiung sie warten und hoffen,
  • Gebete, sie enden nicht, auch nicht im Traum.
  • Doch mir kommt es vor, als stünde weit offen,
  • die Tür, durch welche dringt Licht in den Raum.
  • Es ist, als ob Engelsgestalten betreten,
  • den düsteren Ort, wandeln alles in Licht.
  • Der Großeltern Hände, gefaltet zum Beten,
  • ergreifen sie sanft – und das Licht dann erlischt.

 

  • Ganz ausgelöscht war die so schöne Stadt Pforzheim.
  • Aus rauchenden Bergen von Trümmern und Schutt.
  • Hier ragen noch Mauern, dort Giebel und Schlote,
  • ein riesiges Massengrab darunter ruht.
  • Vermisst werden Tausende, Tausende Menschen,
  • nur wenig Gerettete birgt man, verletzt.
  • Man kann noch nicht in die Innenstadt dringen,
  • der Suche nach Menschen sind Grenzen gesetzt.
  • So dauert es Tage, ja Wochen, bis endlich
  • der Zugang zur Innenstadt schließlich wird frei.

  

  • Doch bei der Suche nach meinen Großeltern
  • war auch noch mein Vater als Helfer dabei.
  • Man fand dann den Schutzraum und drang dann nach innen.
  • Welch Anblick dem Sucher sich plötzlich bot dar:
  • Hier saßen, wie schlafend, noch Menschen auf Bänken,
  • die Kerze vor ihnen, erloschen sie war.
  • Erloschene Kerze, erloschenes Leben
  • von Menschen, die waren beheimatet hier.

 

  • Wie schmerzlich die Trauer, sie lähmt mir das Herze;
  • ach Friede, wo bleibst du? Ich sehn mich nach Dir!
  • Wann schweigen die Waffen? Wann hat denn eine Ende
  • Zerstörung, Vernichtung, der Sterbenden Qual?
  • Ach, möge Gott schenken ein Ende des Krieges,
  • erlösen aus Not und aus Elend uns all!
  • Erloschen die Kerze, erloschen das Leben,
  • das erst noch pulsierte in Freude und Leid.
  • Kann je diese Stadt wieder neu wohl erstehen
  • durch fleißige Hände, durch Mühe und Schweiß?

 

  • Nach Jahren erblüht die Stadt Pforzheim aufs neue.
  • Die Spuren des Krieges, man sieht sie nicht mehr.
  • Vergessen sind Kriegsnot, sind Wunden und Schmerzen.
  • Doch ein Mal im Jahr gebt den Toten die Ehr!
  • Vergesst uns nicht, die wir geopfert das Leben,
  • denn Hoffnung auf Frieden uns nicht ward zuteil.
  • Seid dankbar, wenn Gott Euch die Chance gegeben,
  • zu leben in Freiheit, in Frieden und Heil.