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Wo heute noch das rot-weiße Band gespannt ist, soll im Frühjahr ein Holzhaus stehen. Darauf freuen sich (von links) Max B., Maurice, Jochen Essig (Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit), Fabian, Leon, Rojhat, Vertrauensperson Tanja Zimpernig, Max H., Vertrauensperson Kristin Klingel und Julian. Mayer
Wo heute noch das rot-weiße Band gespannt ist, soll im Frühjahr ein Holzhaus stehen. Darauf freuen sich (von links) Max B., Maurice, Jochen Essig (Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit), Fabian, Leon, Rojhat, Vertrauensperson Tanja Zimpernig, Max H., Vertrauensperson Kristin Klingel und Julian. Mayer
Die älteren Bewohner des Sperlingshofs wurden von „Menschen in Not“ – im Bild links die Vorsitzende Susanne Knöller – zum Musical West Side Story ins Theater Pforzheim eingeladen. Ketterl
Die älteren Bewohner des Sperlingshofs wurden von „Menschen in Not“ – im Bild links die Vorsitzende Susanne Knöller – zum Musical West Side Story ins Theater Pforzheim eingeladen. Ketterl
Im alten Gruppenraum hat Uwe Hück Spuren hinterlassen. Mayer
Im alten Gruppenraum hat Uwe Hück Spuren hinterlassen. Mayer
20.11.2015

Menschen in Not: neuer Treffpunkt für Jugendliche im Sperlingshof

Es sind Pranken. Anders kann man die großen, kräftigen Hände nicht beschreiben, die sich – riesengroß – in blauer Farbe an der Wand eines Kellerraums des Sperlingshofs verewigt haben. „Die sind von unserem prominentesten Ex-Bewohner“, sagt Kristin Klingel, Vertrauensperson des hier tagenden Heimrats.

Und in der Tat, darunter steht, ebenfalls in blauer Farbe: „Uwe Hück – In ewiger Freundschaf!“ Hier hat sich der Porsche-Betriebsratschef verewigt, umgeben von den Handabdrücken der „PartyZip AG“, wie der Heimrat genau genommen heißt. Diese Wand würden die sieben gewählten Interessensvertreter der 65 Bewohner am liebsten mit in ihr neues Domizil nehmen. Bei allem anderen sind sie aber froh, es bald los zu sein: Den Geruch des PVC-Bodens etwa, der in der Luft liegt. Und auch die Enge, wegen der es hier unten nicht einmal die Stellvertreter reinpassen. Der Raum ist nicht mehr als eine Notlösung, nachdem der Heimrat seinen alten, vom Schimmel befallenen Treffpunkt verlassen musste.

Bis zum Frühjahr soll sich dies ändern – den PZ-Lesern sei Dank. Denn die Hilfsaktion „Menschen in Not“ finanziert mit 25 000 Euro ein kleines Holzhaus, das keine 100 Schritte entfernt zum neuen Zentrum der PartyZip AG werden soll. Mit Küchenzeile, Klo und Gruppenraum.

Was es mit dem Namen der Gruppe auf sich hat, erklärt Fabian, der seit einem Jahr im Sperlingshof lebt: „,Party‘ steht für den Spaß, ,Zip‘ für die Partizipation – also das mitgestalten.“ Diese Mitbestimmung, erklärt Jochen Essig, der im Sperlingshof für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist, ist gerade für traumatisierte Minderjährige wichtig. So merken sie, dass sie selbst ihr Leben und ihr Umfeld beeinflussen können. „Die Kinder leben hier ja richtig, also sollen sich auch wohlfühlen“, ergänzt Tanja Zimpernig, die zweite Vertrauensperson. „Und dazu gehört die Möglichkeit, mitzubestimmen. Zu sagen, was einem wichtig ist, aber auch was einen stört.“ Inzwischen habe sogar der Kommunalverband Jugend und Soziales festgelegt, dass Jugendhilfezentren Mitspracheelemente vorweisen müssen.

Den Heimrat des Sperlingshofs besteht aber schon länger: seit etwa sieben Jahren. Sieben Wohngruppen gibt es, sechs bis neun Sechs- bis 21-Jährige leben dort. „Jede Gruppe wählt einmal im Jahr einen Vertreter“, erklärt AG-Mitglied Max. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern diskutiert er Ideen und Ärgernisse der Gruppen. Die Punkte, für die es eine Mehrheit gibt, trägt der Rat der Gesamtleitung des Jugendzentrums vor – und berichtet den Mitbewohnern davon wiederum bei der Gesamtkonferenz.

Aufkleber wurden abgeschafft

Da kann es beispielsweise um große Wünsche gehen, deren Realisierung noch in der Zukunft liegt – „zum Beispiel einen Skaterplatz oder eine Kletterwand“, sagt Klingel. Und Zimpernig ergänzt: „Über die Skateanlage wurde inzwischen von den Jugendlichen abgestimmt und auch die Gesamtleitung hat die Idee bejaht. Jetzt geht es an die Planung und die Frage, wie das finanziert wird.“ So lernten ihre Schützlinge auch, welcher Aufwand nötig ist, bis solche Projekte Realität werden. Die Verwirklichung anderer Wünsche wie dem kabellosen Internet – zwischen Pforzheim und Remchingen gibt es oft keinen Handyempfang – werden gerade in Haus 4 getestet. Wieder andere Wünsche wurden bereits umgesetzt. „Uns haben die Sperlingshof-Aufkleber an den Autos gestört“, berichtet Bewohner Maurice. Nicht jeder Außenstehende sollte etwa am Bahnhof oder im Freibad direkt erkennen, dass die Fahrgäste zum Sperlingshof gehören. „Das war uns gar nicht so bewusst“, räumt Pädagogin Klingel ein. „Aber das war ein logischer und nachvollziehbarer Einwand.“ Heute sind die Aufkleber passé.

„Es ging dabei auch darum“, erklärt Pädagoge Essig, „eine Stigmatisierung zu verhindern.“ Viele Außenstehende wüssten nicht, welch moderne Einrichtung sich in dem „kleinen Dorf“ Sperlingshof verberge. „Die haben noch immer ein veraltetes Bild. Ich wurde schon gefragt, ob ich da der einzige Mann mit all den Nonnen bin“, sagt Essig. Dabei ist deren Zeit dort längst vorbei. 100 Mitarbeiter arbeiten heute mit den Jugendlichen, darunter viele Pädagogen und Therapeuten. Essigt sagt: „Das Grundprinzip ist, dass Kinder zunächst einmal zu uns, an einen sicheren Ort kommen. Von dieser Grundlage aus können sie sich dann gesund weiterentwickeln.“ Zum Teil hätten die Wohngruppen unterschiedliche Schwerpunkte mit speziell ausgebildeten Betreuern: liegt in dem einen Haus der Fokus auf der Erlebnispädagogik, sind die Bewohner in anderen danach aufgeteilt, ob sie mehr oder weniger Betreuung brauchen. „Manche spielen problemlos einen ganzen Nachmittag alleine Fußball“, sagt Essig. „Andere können wir keine 20 Minuten alleine lassen.“

Musical für alle Bewohner

Es sind Kinder, bei denen sich offenbart, aus welch schwierigen Verhältnissen sie stammen. Oft, sagt Klingel seien sie traumatisiert, hätten in ihrer Familie viel Schlimmes erlebt. Umso wertvoller sind die positiven Erfahrungen, die gemeinsamen Erlebnisse im Sperlingshof. Bald darf die PartyZip AG auf eine Kurzfreizeit, um sich besser kennenzulernen. „Es ist eine Mischung als Belohnung, Arbeit und Weihnachtsfeier“, sagt Zimpernig. Und Anfang November wurden die Heimräte von Hück zu seinem Benefizboxkampf nach Ludwigsburg eingeladen. „Sehr, sehr cool“ sei das gewesen, sagen die Jungs.

Auch wegen solcher Erlebnisse ist das Ehrenamt so begehrt, dass durchaus auch mal Eifersucht aufkommen kann, sagt Zimpernig. „Menschen in Not“ will daher nicht nur der PartyZip AG helfen – sondern allen Bewohnern etwas Gutes tun. Am Dienstag luden die MiN-Vorsitzenden Susanne Knöller und Thomas Satinsky alle älteren Jungs daher zu „West Side Story“ ins Theater Pforzheim ein. Und die jüngeren dürfen Mitte Dezember das Musical „Die kleine Meerjungfrau“ im CongressCentrum bestaunen.