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Gute Zusammenarbeit: Christine Müh (KoKi) und Christof Grosse (Genossenschaft Gewerbekultur). Foto: Frommer

Menschenfresser regieren im Alten Schlachthof

Pforzheim. Dieser Film scheint eigens für den alten Schlachthof gedreht: Jean Pierre Jeunets makabrer Regie-Erstling „Delicatessen“ brachte es im Jahr 1991 auf nicht weniger als vier nationale César-Filmpreise. Die krude Handlung des 95-minütigen Kult-Streifens mit Sepia getönten Bildern spielt in einer mehr als abbruchreifen Mietskaserne, in der Schlachter Clapet (glänzend gespielt von Jean-Claude Dreyfus) nicht nur die scharfen Messer schwingt, sondern auch über Leben und Tod der Bewohner entscheidet.

Die Düsternis des Films transportiert die Ausweglosigkeit der Kriegsjahre um 1940; alles ist marode, an Nahrung herrscht schon lange eklatanter Mangel – und so wird Schlachter Clapet durch den klammheimlich geduldeten Handel mit Menschenfleisch „mörderisch“ reich.

Zu Clapets entschlossensten Gegenspieler bestimmte Regisseur Jean Pierre Jeunet (unter anderem „Die fabelhafte Welt der Amelie“) dessen vegetarische Tochter Julie (Marie-Laure Dougnac), den verschrobenen Zirkusartisten Louison (Dominique Pinon) und eine mit Stirnlampen ausgestattete Guerillatruppe (sogenannte „Troglodisten“) in glitschigen Gummianzügen. Ihre skurrilen Trupps bewegen sich innerhalb der urbanen Kanalisation – oder vertikal, in der Wasserversorgung von Clapets mehrstöckigem Haus. Alleine ihr filmisch dokumentiertes Eindringen in die marode Mietskaserne dürfte bei zartbesaiteten Zuschauern mit Immobilienbesitz oder in Miete noch immer für Alpträume sorgen.

Rasch zum Stichwort Immobilie: Die Wahl der weitläufigen Industriebrache Schlachthof als Location für die Aufführung dieses analogen 35-Millimeter-Films innerhalb der Reihe „Koki vor Ort“ ist auch Ergebnis einer Kooperation mit der bislang 45 Mitglieder zählenden Genossenschaft Gewerbekultur, die auf diesem Areal moderne Wohn- und Nutzraumkonzepte realisieren möchte. Ihr Vorstand, Christof Grosse, will Gelände und Gebäude des alten Schlachthofs mit (geplant sind 150) Mitstreitern von der Stadt erwerben und zum Arbeiten und gemeinschaftlichen Wohnen umgestalten. Laut dem mit der Rahmenplanung betrauten Stadtplaner Stefan Werrer (Stuttgart und Aachen), so Christof Grosse weiter, sollten auf dem Schlachthof-Areal mindestens 120 Wohneinheiten entstehen, damit das Projekt realisierbar bleibt. „Wir sind als Genossenschaft Gewerbekultur aber außerdem auch am Entstehen von Gewerbeflächen interessiert“.