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Multimedia-Reportage: Revolutionäre Erfindung – Mit diesem Armband können Getränke auf K.o.-Tropfen getestet werden

Pforzheim. Ihre Erfindung könnte das Nachtleben revolutionieren: Die Studenten Kim Eisenmann und Sven Häuser haben ein Armband entwickelt, mit dem Getränke auf K.o.-Tropfen getestet werden können. Der Anlass der Idee ist ein trauriger.

Sie waren alle auf diesem einen Stadtfest. Am Ende lag eine junge Frau übel zugerichtet im Park. Später stellte sich heraus: Ihr wurden K.o.-Tropfen verabreicht. Dieser Vorfall im Bekanntenkreis ließ Kim Eisenmann nicht mehr los. Zumal auch sie die Veranstaltung besucht hatte. Sie begann, zu recherchieren. Acht Monate später brachte die 25-Jährige, die Wirtschaftsingenieurwesen am KIT Karlsruhe studiert, das Armband „Xantus“ auf den Markt, mit dem sich K.o.-Tropfen in Getränken nachweisen lassen. Gemeinsam mit Sven Häuser, der die gleichen Vorlesungen an der Hochschule Pforzheim besucht.


Alles rund um das Armband "Xantus" gibt es in einer Multimedia-Reportage. Klicken Sie hier, um zur Reportage zu gelangen.


„Es sollte einfach in der Handhabung sein“, erzählt der 30-Jährige. Denn holt eine Partygängerin erst umständlich einen Teststreifen aus der Tasche, bevor sie in der Diskothek an einem ihr spendierten Getränk nippt, war’s das mit der Verabredung. Bei der Erfindung der beiden Jungunternehmer, die 2016 ihre Firma Twinvay in Waldbronn gründeten, ist der Teststreifen in einem Schmuckstück aus Papier – ähnlich einem Festivalband – integriert. Ein unauffällig mit dem Finger aufgetragener Tropfen des Getränks genügt – verfärbt sich das Band, enthält die Flüssigkeit narkotisierende Substanzen.

Die Tücke: Gammahydroxybuttersäure, die missbraucht wird, um Opfer wehrlos zu machen, ist geschmacks- und geruchsneutral. Die Vorstufe Gamma-Butyrolaceton kommt in der Industrie als Lösungsmittel zum Einsatz. Im Körper ist sie schon nach zwölf Stunden nicht mehr nachweisbar. Gedächtnislücken der Betroffenen erschweren die Strafverfolgung.

Abschreckende Wirkung

Es sei das erste Armband, „mit dem man Getränke auf die bekanntesten K.o-Tropfen testen kann“, sagt Sebastian Bayer, als Geschäftsführer verantwortlich für das Ressort Marketing + Beschaffung beim dm-Drogeriemarkt, der das weiße Band im Sortiment führt. Und es hat noch eine weitere Funktion: Es soll potenzielle Täter abschrecken. Es falle auf, leuchte in der Disco, so Sven.

Ähnliche Ideen gab es zwar bereits in der Vergangenheit: Nagellack etwa oder Strohhalme. Doch diese seien an der Zulassung gescheitert. Da das Band nicht mit dem Lebensmittel selbst in Kontakt kommt, hatten es die beiden Studenten indes leichter. Schließlich testeten sie ihr Armband in einem Leipziger Labor für Rechtsmedizin mit gängigen Partygetränken wie Wein, Bier, Gin Tonic, Aperol Spritz oder Wodka Bull. Der Vorteil: Sven ist Chemielaborant und hat bereits acht Jahre lang in seinem Beruf gearbeitet.

Die größte Herausforderung war es, passende Partner zu finden. Mittlerweile bestehen Beziehungen nach Großbritannien, Österreich, Südafrika, Skandinavien und in die Schweiz. Apropos Partner: Kim und Sven, auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, sind auch privat ein Paar. „Die Rolle als Geschäftspartner mussten wir aber erst finden“, gesteht Kim. Inzwischen sind die Aufgaben klar verteilt: Er kümmert sich um Controlling und Buchhaltung, sie ist für Logistik und Produktion zuständig.

Seit Anfang April ist das Armband im Onlineshop von dm erhältlich. Auf eine derart große Nachfrage waren die beiden nicht vorbereitet, gestehen sie. Nach 72 Stunden sei die erste Auflage ausverkauft gewesen, die zweite nach nicht einmal 48 Stunden. Dabei hatten sie anfangs noch gehofft, dass das Band überhaupt jemand kaufe. Seit wenigen Tagen ist es wieder erhältlich. „Wir werden die Nachfrage unserer Kunden beobachten und dann entscheiden, ob wir das Produkt auch in unseren dm-Märkten anbieten“, so Geschäftsführer Bayer. Bewusst haben sich die Studenten nicht für einen Einmaltest entschieden. Pro Band können zwei Getränke geprüft werden. Die Kosten liegen bei 5,50 Euro für den Doppelpack.

Zuspruch und Kritik

Das internationale Medienecho ist enorm, der Zuspruch groß. Und dennoch: Das Produkt polarisiert. Da sind die Feministinnen, die Kim und Sven „Victim Shaming“ vorwerfen. Sie kritisieren, sie gäben die Verantwortung an die Opfer ab. Nach dem Motto: „Hätte sie halt ein Armband getragen.“ Kim ärgert das: „Das ist wie mit dem Vorwurf: Wenn eine Frau einen kurzen Rock trägt, ist sie selbst schuld, wenn jemand übergriffig wird.“ Aber auch viele Gastwirte hätten noch nicht verstanden, „dass mehr Sicherheit für sie ein Gewinn ist“. Mit ihnen möchten die Unternehmer künftig kooperieren. Hinzu kämen jene, die den Einsatz von K.o.-Tropfen generell leugneten oder als Panikmache abtun. „Dabei entscheiden wenige Milliliter über Leben und Tod“, warnt Sven. „Mit K.o.-Tropfen kann man jemanden umbringen.“

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt auch ihr Armband nicht, da ist das Paar ehrlich. Zumal es aus Kostengründen nur einige Substanzen abdeckt. Und allein helfe es auch nicht. „Der beste Schutz ist, wenn man auf sein Getränk aufpasst“, sagt Kim. Und Freunde habe, die wiederum auf einen Acht geben.

Anke Baumgärtel 2

Anke Baumgärtel

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