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OB-Wahl in Pforzheim

Fairer und gefasster Verlierer: Gert Hager im Großen Ratsaal an der Seite seiner Frau Sabine. Foto: Seibel
Handschlag mit Kontrahenten: Gert Hager, Florentin Goldmann (CDU) und Axel Baumbusch (Grüne Liste, von links). Foto: Seibel
Hager kurz nach Ergebnisverkündung im PZ-Interview mit Thomas Kurtz. Foto: Seibel
08.05.2017

Nach der OB-Wahl - Hager: „Ich bin raus aus der Politik“

Familie und Freunde sind geschockt, doch Gert Hager wirkt erstaunlich gefasst. Mitgefühl und großer Zuspruch überwiegen für scheidenden Oberbürgermeister.

Es hat sich abgezeichnet. Den ganzen Tag über fühle sie sich schon schlecht, berichtet Dillweißensteins Bürgervereinsvorsitzende Dietlinde Hess gegen 18 Uhr im Rathaus-Foyer. Sie sei sehr aufgeregt, gesteht die SPD-Stadträtin Jacquline Roos: „Das Kribbeln unter der Haut ist deutlich zu spüren.“ Angespannt wirken Gert Hagers Mitstreiter und Weggefährten. Die Mienen sind ernst und trüben sich weiter, als der CDU-Herausforderer Peter Boch mit großer Entourage den Ratssaal betritt. Minuten später erschallen hier Jubelschreie, während drüben bei Sabine Hager erste Tränen rollen. Bochs klarer Wahlsieg mag für einige einer Sensation gleichen. Mindestens genauso beeindruckend ist aber die Reaktion des Unterlegenen.

Ob-Wahl in Pforzheim: Boch siegt

Mitstreiter am Boden

Gefasst, beinahe entspannt wirkt der abgewählte Amtsinhaber, als er nur Augenblicke nach Verkündung des für ihn so enttäuschenden Ergebnisses den Saal betritt. Er ergreift die eben noch in Siegerpose gereckte Hand Bochs, gratuliert ihm und dessen Frau Monika. Gleich darauf stellt er sich vor laufender Kamera dem Live-Interview der PZ-Redakteure Thomas Kurtz und Simon Walter. „Es ist eine eindeutige Sache“, sagt der 54-Jährige, „das ist Demokratie“ und: „Ich lege damit die Geschicke der Stadt in die Hände von Herrn Boch.“ Fehler in seinem „engagierten und sehr intensiven Wahlkampf“ könne er angesichts der „sehr positiven Rückmeldungen“ zumindest bis dato nicht ausmachen. Es scheint fast, als müsste nicht sein Team den scheidenden OB, sondern der Gescheiterte seine Mitstreiter aufbauen.

Bildergalerie: Die packende Pforzheimer OB-Wahl In Bildern

Bedient sind insbesondere jene, die Hager sehr nahe stehen. Versteinert wirkt Gustl Weber, einer der Motoren von Hagers „Initiative Pforzheim“. Er sei enttäuscht, dass „letztlich die Kompetenz verloren“ habe. „Der Bühnendarsteller hatte einen Vorteil mit seinen Performances bei den öffentlichen Vorstellungen“, urteilt der langjährige Verwaltungsdirektor des Theaters, um zu ergänzen: „Boch ist ein sehr sympathischer junger Kommunalbürgermeister.“ Wahlkämpfer Henry Wiedemann zieht den traurigen Schluss: „Man braucht kein Programm und keine Inhalte, sondern Überschriften.“ Auch Hager-Freund Siegfried „Bibi“ Kreutz – Unternehmer, Jazzmusiker und Boxsport-Legende – trifft das Ergebnis hart: „Ich bin am Boden.“ Zwei Tiefschläge muss er verdauen: Hagers K. o. und die aus seiner Sicht „katastrophal niedrige“ Wahlbeteiligung.

Herzlicher Empfang

Der Gang vom Rathaus hinüber ins „Café d’Anvers“ an der Dillsteiner Straße – dort, wo alles für eine Wahlparty bereitet wurde – ist gewiss kein leichter für Gert Hager und seine Familie. Gerade deshalb muss es gut tun, dieses Bad in der Menge jener Freunde, die ihm intern wie öffentlich in den zurückliegenden Wochen den Rücken stärkten. Unter Tränen verfolgen Ehefrau Sabine und Sohn Johannes, wie Henry Wiedemann ihnen wie ihrem Mann Mut zuspricht. Es gibt Blumen, langanhaltenden Beifall und schließlich auch ein Glas Sekt für Gert Hager, der auch hier in etlichen Umarmungen selbst den Tröster gibt.

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Klar, das tue gut, gesteht Hager im PZ-Gespräch, der auch in dieser Runde nie die Fassung verliert. „Ich bin raus aus der Politik“, stellt der gebürtige Pforzheimer klar. Das sei für ihn nach einer Abwahl selbstverständlich. Er werde der Stadt verbunden bleiben und wünsche sich, dass sie gut weitergeführt werde. Wie es für ihn persönlich weitergeht, diese Frage kann Hager – vor seiner Zeit im Rathaus war der studierte Verwaltungswissenschaftler bis 2003 bei der Agentur für Arbeit tätig – so kurz nach der Niederlage noch nicht beantworten. Er werde sich in den kommenden Tagen über die Zukunft Gedanken machen. Sein Umfeld stärkt ihm dazu den Rücken. „Wir stehen zu Dir und zu Deiner Familie“, betont Henry Wiedemann unter Applaus.

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