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Kerstin Kaspschak kümmert sich um den 14-jährigen Nick. Er wird wegen einer allergischen Reaktion behandelt.Fotomoment
Kerstin Kaspschak (links) gleicht mit mir Daten am PC ab.
21.02.2014

Nachtschicht im Krankenhaus Mühlacker

Der 14-jährige Nick klagt über Atemnot, geschwollene Lippen und Schweißausbrüche. Er liegt in einem Behandlungszimmer der Notfallambulanz des Mühlacker Krankenhauses. Kerstin Kaspschak misst seinen Blutdruck und die Temperatur. Ich platze mitten hinein.

Für Kerstin Kaspschak ist es die vierte Nachtschicht in Folge. Eigentlich hätte die medizinische Fachangestellte frei, doch sie springt für eine erkrankte Kollegin ein. „Das macht man schon mal unter Kollegen“, sagt die 26-Jährige. Für die PZ-Serie „Auf Nachtschicht“ begleite ich sie bei ihrer nächtlichen Arbeit in der Notfallambulanz. Sie und ihre Kollegin Marliese Wagner halten die Stellung und erklären mir die verschiedensten Abläufe.

Bildergalerie: Auf Nachtschicht in der Notaufnahme

Nick hat eine allergische Reaktion. Seine Mutter hat ihn auf dem schnellsten Weg von Zaisersweiher hergebracht. Sein kleiner Bruder ist auch dabei. „Er hat ein verordnetes Antibiotikum nicht vertragen“, erklärt mir Marliese Wagner. Nick zittert. Aber er ist tapfer. Sofort bekommt der Junge ein Medikament gegen die Reaktion. Kaspschak misst den Blutdruck und kontrolliert die Temperatur. Schnell ist klar, Nick muss zur Beobachtung über Nacht auf der Station bleiben. „Da war mir erst nicht ganz wohl dabei“, verrät mir Nick. „Aber es ist okay.“ Jetzt schickt der behandelnde Arzt mich raus, das folgende Gespräch falle unter die ärztliche Schweigepflicht. Im Gang wird gerade eine ältere Frau auf einem Krankenbett davongeschoben. Was ist passiert? „Sie ist gestürzt und hat mehrere Brüche“, so Wagner. „Auch sie kommt auf Station.“

Eine Geburt auf dem Parkplatz

Marliese Wagner arbeitet nun seit 18 Jahren in der Notfallambulanz in Mühlacker. Erlebt hat die 43-Jährige da schon so einiges. Stich- und Schussverletzungen, Angriffe auf Kollegen. Aber auch schöne Dinge. Geburten zum Beispiel – und zwar an den außergewöhnlichsten Plätzen: auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus, in der Drehtür im Eingangsbereich und im Fahrstuhl. Immer auf dem Weg zum Kreißsaal. Aber alle seien gut verlaufen, so Wagner. Das bringt mich zum Schmunzeln. Und irgendwie bekomme ich Lust, diese Dinge auch zu erleben.

Doch dann wird mir klar, dass die unschönen überwiegen könnten. Eines der schlimmsten Erlebnisse von Kerstin Kaspschak war eine Babyreanimation. Eine Mutter sei plötzlich schreiend auf sie zugelaufen, ihr Kind atme nicht mehr. „Da funktioniert man nur noch und tut alles, um dem Menschen zu helfen“, so Kaspschak. Die Ärzte hätten das Kind dann zwar erfolgreich reanimiert, doch vier Tage später starb es in einer Heidelberger Klinik an der Folge eines Herzleidens, berichtet sie mir. Das möchte ich nicht erleben. Auch die Polizei ist am Arbeitsplatz der beiden Frauen immer wieder im Einsatz. Erst vor Kurzem habe ein Patient die Polizei geholt, weil ein Arzt ihn nicht so behandeln wollte, wie er sich das vorgestellt hatte, erzählen mir Kaspschak und Wagner. „Die Beamten kommen in solchen Fällen, um zu schlichten“, so Wagner.

Es ist nun kurz vor Mitternacht. Nick ist auf seinem Zimmer. Chefarzt Dr. Erhard Kirschbaum hat sich für mich Zeit genommen. Er und Marliese Wagner legen mir zur Anschauung in Windeseile einen Gips an. Meinen ersten – und hoffentlich auch den letzten. Wieder zurück in der Notfallambulanz. Während ich Wagner und Kaspschak mit Fragen löchere, kommen plötzlich zwei junge Frauen herein. Sie sehen gesund aus, keine sichtbaren Verletzungen. Doch das heißt erst einmal gar nichts. Kerstin Kaspschak kümmert sich um die beiden, fragt, was passiert ist. Schnell stellt sich heraus: Eine von ihnen hatte fünf Stunden zuvor einen Verkehrsunfall und klagt jetzt über Schmerzen im Nacken- und Rückenbereich.

Ihre Freundin hat sie herbegleitet. Die diensthabende Ärztin der Fachabteilung Chirurgie wird informiert und schickt sie zum Röntgen. Ich darf mit und zuschauen. Auf dem Weg zum Röntgen geht es eine Etage tiefer. Ich merke mir den Gang zurück in die Ambulanz. Schon zweimal habe ich mich in den endlos erscheinenden Gängen verlaufen. Alles sieht irgendwie gleich aus. Ohne das Schild, das Richtung Ausgang weist, wäre ich vermutlich verloren. Jetzt begleitet mich Tamara Kissel, die medizinische Fachangestellte fürs Röntgen. Sie erklärt der Patientin und mir, was sie vorhat – und legt los. Ich als Laie erkenne auf den Röntgenbildern rein gar nichts. Außer das Skelett. Die Expertin verrät mir: „Ich sehe keine großen Verletzungen.“ Doch erst muss die Chirurgin sich ein Bild machen. Nur sie sieht auch kleine Verletzungen im Rückenbereich, die folgenreich sein könnten. Wenig später gibt es Entwarnung. Nichts Genaues, der Satz „es ist alles gut“ reicht mir aber.

Das Bereitschaftstelefon immer parat

Nun ist es fast 1 Uhr nachts. Es wird ruhig. Das Telefon läutet nicht mehr, einige Schwestern legen sich in den Ruheräumen schlafen. Stille breitet sich aus. Auch Marliese Wagner will sich hinlegen. Sie ist seit 12.30 Uhr im Dienst. Seit 21 Uhr hat sie Bereitschaft, unterstützt Kollegin Kaspschak bei der Arbeit. Jetzt, wo es ruhiger wird, verabschiedet sie sich. Natürlich mit Bereitschaftstelefon in der Tasche. Ich wünsche ihr eine gute Nacht und bin fast ein wenig neidisch. Auch bei mir breitet sich langsam Müdigkeit aus. Die Konzentration lässt nach, in meinem Kopf kreisen die medizinischen Fachbegriffe. Im Sozialraum kriege ich einen Kaffee, meine „Kollegin“ gönnt sich einen Joghurt. Ich esse meine belegten Brote. Hunger habe ich nicht, Appetit Fehlanzeige. Mein Magen ist irgendwie flau. Kein Wunder, schließlich schlafe ich um diese Zeit gewöhnlich.

Kerstin Kaspschak muss wach bleiben. Von 20.45 bis 7.30 Uhr. Ganz schön lange. Wenn ein Patient kommt und sie Hilfe braucht, weckt sie Marliese Wagner per Anruf. Um der Müdigkeit entgegenzuwirken, stürzt sie sich am liebsten in die Arbeit. Wenn keine Patienten in die Notaufnahme kommen, kontrolliert sie Substanzen auf ihr Haltbarkeitsdatum, macht PC-Arbeiten, räumt auf und putzt. Außerdem ist sie für die Kontrolle der unter dem Betäubungsmittelgesetz stehenden Medikamente zuständig. Und manchmal – wie auch in dieser Nacht – kommt ein Patient vorbei, der nicht schlafen kann und einfach ein bisschen plaudern will. Der ältere Mann hat viele Geschichten auf Lager. Ich höre gebannt zu.

Der Krankenwagen hat in dieser Nacht keinen Patienten gebracht. Überhaupt sei es eine sehr ruhige Nachtschicht gewesen, so Kaspschak. Müde sind wir trotzdem.