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Josef Wernert junior deutet in Pforzheims Norden auf seinen Hof und den bisherigen Strommast – und der wird ein Winzling sein gegenüber dem, der kommen soll. Doch wohin?  Lorch-Gerstenmaier
Josef Wernert junior deutet in Pforzheims Norden auf seinen Hof und den bisherigen Strommast – und der wird ein Winzling sein gegenüber dem, der kommen soll. Doch wohin? Lorch-Gerstenmaier
27.11.2016

Neue Stromtrasse: Pforzheimer Landwirt sieht sich als Bauernopfer

Josef Wernert erzählt eine Geschichte. Sie soll erklären, weshalb er „auf 180“ ist. „Meine Großeltern und mein Vater waren Vertriebene aus Schlesien. 300 Hektar Land: alles weg. Enteignet.

Hier haben sie aus dem Nichts angefangen, haben sich was erarbeitet in der Landwirtschaft.“ Er deutet hinüber zum Hochspannungsmast zwischen Wirtschaftsgebäude und dem Böschungswall, der die 80 Ar seines Ackers von der A 8 trennt. Ein Nadelöhr, nicht mehr als 20 Meter breit. Mit dem Hochspannungsmast, 25 Meter hoch, hat sich Wernert arrangiert – nicht aber mit dem Monster, das bis 2019 hier stehen soll, wenn TransnetBW die neue Stromtrasse legen will.

380 000 Volt jagen dann durch die Leitungen, knapp 80 Meter hoch sind die gigantischen Masten mit ihren drei Auslegern, viermal so lang wie bisher. Das Fundament mit den vier Füßen würde nicht nur die schmale Passage seines Grundstücks vollkommen füllen, sagt Wernert erregt – die Magnetfeldstrahlung werde sich, gerade bei Regen, wie eine Glocke über die Umgebung legen. Das hätte auch Auswirkungen auf die reine Wohnbebauung dort, wo im Norden Pforzheims die Welschenäckerstraße in die Bauschlotter Straße übergeht.

Keine Ausgleichszahlung

„Die planen über unseren Kopf hinweg, denen ist das wurscht, was mit uns passiert, die haben eine Riesenrechtsabteilung“, ereifert sich Wernert. Er denkt zurück an vergangenes Jahr, als das Unternehmen terranets bw eine Gasleitung gelegt habe. Man brauchte einen der Wernertschen Äcker – insgesamt verfügt die Bewirtschaftungsgesellschaft rund 100 Hektar – und verschob die Erde auf 5000 Quadratmetern: das „Aus“ für den darauf sprießenden Feldsalat. Entgegen der Versprechungen habe man ihn bis jetzt noch nicht entschädigt. Komme die Stromtrasse samt Monstermast neben sein Haus, sei das ein ganz anderes Kaliber, klagt Wernert. Der Grund und Boden sei nahezu wertlos, wenn er einmal veräußern wolle – der daraus resultierende Verlust gehe dann in die Hunderttausende Euro.

Wernert erinnert sich, wie alles begann: Vor etwa zweieinhalb Jahren habe er auf seinem Grundstück zwei Männer mit orangenen Overalls gestellt, die dabei waren, den Acker zu fotografieren – sie wollten im Auftrag von TransetBW das Terrain dokumentieren. Genau hier schwenkt die neue Trasse von ihrer Route nördlich der Autobahn auf die Südseite um und verläuft dann parallel zur A 8 durch das Gewerbegebiet Hohenäcker nach Osten (die PZ berichtete). Wernert scheuchte sie vom Acker – und hielt auch bei Bürgerversammlungen nicht hinterm Berg. So etwa im Juni in Kieselbronn – bis man ihn hinauskomplimentierte und vorsichtshalber bis zum Parkplatz eskortierte. Mit ein paar tausend Euro wolle man ihn entschädigen. Wenn überhaupt. Wernert schäumt – und schlägt den Bogen zu 1946: „Wir werden ein zweites Mal enteignet.“

Wiese nicht tangiert?

Bei TransnetBW zeigt man sich der PZ gegenüber überrascht. Die Pressestelle beteuert, der Strommast werde auf dem weiter westlich gelegenen Grundstück errichtet, Wernerts Wiese sei nicht tangiert. Nur: Wernert hat davon keine Ahnung – „mit mir hat keiner gesprochen“. Zwei seiner Kontaktanbahnungen seien ins Leere gelaufen. Der Bauer bleibt misstrauisch: „Die setzen auf Verjährungsfrist.“ Er werde Einspruch einlegen – bei TransnetBW wie beim Regierungspräsidium.

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