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Stephan Kindler (rechts) und Chefarzt Tushira Weerawarna sind per Video-Schalte aus dem Siloah-Klinikum mit der Presse verbunden.  Foto: Siloah 

Neun Tage in künstlichem Koma: Intensivpatient dankt „fantastischem Team“ im Siloah

Pforzheim. Die Zahlen sind das Eine - das menschliche Schicksal das Andere. Insbesondere, wenn es gut ausgegangen ist: das Drama, in dem ein Virus weltweit versucht, Regie zu führen. Dann ist das, was Stephan Kindler über seine überstandenen Covid-19-Erkrankung erzählt, auch Motivation, dass letztlich auch gut gehen kann, was in Unbeschwertheit beginnt und tragisch zu werden droht. Der 52-Jährige aus Niefern-Öschelbronn ist der erste intensivpflichtige, künstlich beatmete Patient des Klinikums Siloah St. Trudpert, der als genesen entlassen worden ist.

In einer Videokonferenz - neben ihm sitzt Dr. Tushira Weerawarna, Chefarzt der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie - erzählt er: Vom 5. bis 8. März ist er mit seiner Lebenspartnerin zum Snowboarden im österreichischen Ischgl - wie sich später herausstellen sollte, der Alpen-Hotspot in Sachen Corona. Davon ahnen die Schnee-Touristen aus dem Enzkreis natürlich nichts, kehren nach Hause zurück, schön war’s.

Anfangs der Woche geht Kindlers Freundin zum Arzt: positiv (bei ihr wird die Infektion einen harmlosen Verlauf nehmen); im Lauf der Woche schwant Kindler, er solle sich wohl auch untersuchen lassen, zumal am Wochenende Symptome auftreten, die ihn beunruhigen: Gliederschmerzen, Fieber, Schluckbeschwerden. Der Hausarzt ist alarmiert, handelt dennoch besonnen, organisiert einen Krankentransport ans Siloah. Dort erwarten Kindler schon zwei Ärzte, Weerawarna ist einer davon. Er weiß sofort: „Das wird ein schwerer Verlauf.“

Ein Lungen-CT und Labordaten lassen keinen anderen Schluss zu, weil die Atemwege zu versagen drohen: Kindler wird ein Intensivfall, man versetzt ihn nach zwei Tagen ins künstliche Koma. In dem liegt er neun Tage. Am 3. April wird er entlassen - in zwei Wochen häusliche Quarantäne. Er kann wieder essen, nimmt wieder zu, im Klinikum hatte er neun Kilo Gewicht verloren. „Die Muskeln waren weg“, sagt Kindler.

Eines Tages steht er wieder im Siloah vor dem Mann, dessen Team er sein Leben zu verdanken hat. Weerawarna: „Es gibt kein schöneres Geschenk als das, dass Sie zu Fuß zu uns kommen.“

Der aus Sri Lanka stammende Weerawarna ist seit 25 Jahren Arzt, seit 15 Jahren am Siloah, seit drei Jahren Chefarzt - „aber über das, was jetzt kam und kommt, haben wir in Büchern nichts gelernt“, sagt er, „da konnte man analytisch nichts vorhersehen.“ Und kein Patient ist wie der andere.

Auch gehört Kindler nicht zur vermeintlichen Hochrisikogruppe: Er ist körperlich fit, treibt Sport, hat keine Vorerkrankungen, ist ein „Best Ager“. Einer von bundesweit - Stand Freitag vormittag - knapp 107.000 von Covid-19 Genesenen, davon 308 in Pforzheim stationär aufgenommenm Fällen, davon wiederum 48 schweren Fällen im Siloah. Kindlers Fazit, wenn es so etwas gibt: Demut und Bescheidenheit seien geboten - und der Dank an wunderbare Menschen, die dafür gesorgt hätten, dass er wieder am Leben teilnehmen darf.

Olaf Lorch-Gerstenmaier

Olaf Lorch-Gerstenmaier

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