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22.05.2009

Nonstop in die Zukunft - PZ-Verleger zu 60 Jahre BRD

Hinter 60 Jahren Bundesrepublik stehen auch millionenfache Lebensentwürfe von Menschen, die diesem Land ein Gesicht geben. Einer davon ist PZ-Herausgeber Albert Esslinger-Kiefer. Der 66-jährige Verleger blickt auf eine ganz persönliche Weise zurück - und nach vorne.

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60 Jahre Bundesrepublik Deutschland - eine Erfolgsgeschichte?

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Was soll man da sagen? Schwupp – da waren sie vorbei. Die letzten 60 Jahre. Und dennoch: Waren es nicht tolle, faszinierende, rasante Zeiten? Nun gut, nicht immer. Als das Grundgesetz geboren wurde, haben wir, gerade sieben Jahre jung, Dreck gefressen. Mit Erfolg: Zeitlebens eine stabile Gesundheit, keine Allergien. Das war in Schramberg, dort wo die Fabrikanlagen der Junghans-Uhren sich in den Talkessel drängen und von den umliegenden Schwarzwaldhöfen täglich 5000 Arbeiter in die Fabrik rasselten. Heute sind es 80.

Ganz schlimm die pubertäre Phase. Die verbrachte ich bei der Oma im Ehebett: Junger Kerl und bibelfeste Greisin im Doppelpack. Und Brigitte Bardot in der Nachttischschublade. Was waren wir für eine verschworene Gemeinschaft! Kein Radio, kein Fernsehen, nur die Zeitung, die der Onkel aus Pforzheim schickte. Die Oma und ich – im weltfernen Schwarzwaldstädtchen hatten wir die Welt im Griff! Ich habe sie verflucht, die Strenge ihrer puritanischen Erziehung. Wie ich ihr heute danke!

Es war Ausbeutung, jawohl, es war Schinderei. Anno 1962, als ich Abitur und Schriftsetzerlehre gleichzeitig absolvierte. Die Dämpfe aus Gutenbergs Bleiküche haben uns nicht umgebracht, und wenn freitags die letzte Seite der Samstag-Ausgabe gen Mitternacht umbrochen war, da hatten auch die Setzer-Stifte 16 Stunden auf dem Buckel. Dann ging's in den Star-Club nach Karlsruhe.

Gut, die Midlife-Krise kam etwas früh. Zwischen Abitur und Studium. Aber Albert Schweitzers Urwaldhospital in Lambarene schien mir der richtige Platz, um mit der Welt ins Reine zu kommen. Hier war es und nicht auf der Uni, wo man soziale Kompetenz lernen konnte. Und von den Afrikanern, dass das Leben noch andere Facetten hat.

Es war die reine Freude. Die Deutschen wurden wohlhabend und waren einfach gut drauf. Das Wirtschaftswunder lief auf vollen Touren. Und in Pforzheim tat sich ein „Wienerwald“ auf! Schon wieder reiste die flotte, junge Buchhalterin im Eberhardt-Bus an die Costa Brava und die Redakteure trieben es noch toller: Drangen sie doch in den Ferien bis Kreta und Marokko vor.

Derweil waren die Mitarbeiterinnen in der Anzeigenabteilung jeden Abend fix und fertig. Den ganzen Tag klingelten die Telefone und die Kunden drängten ins Haus. Es war Stress vom Feinsten! Wie sollten all die Anzeigen bewältigt werden? Es ging aufwärts, unaufhaltsam aufwärts. Und alle hatten eine chinesische Freude am Geldverdienen.

Mit Günter Clemens war ich zur Schulung in Eschborn. Bei Linotype. Längst hatten wir in der Zeitungsherstellung die Setzmaschine hinter uns gelassen. Vorbei die Druckerschwärze und die schweren Setzkästen.

Jetzt lernten wir die Texterfassung auf Magnetband. Modernste Technologie. Sauber und elegant. Als ich den gelernten Schriftsetzer Günter Clemens 30 Jahre später in den Ruhestand verabschiede, hantiert er mit Mac und Maus in der weiten digitalen Welt. Im Laufe seines Berufslebens hatte er – bei Licht betrachtet – viermal den Beruf gewechselt und doch immer das gleiche gemacht: Anzeigen gesetzt. Aus dem Schriftsetzer war ein Mediengestalter geworden. Der Fortschritt krempelte unser Leben um.

Ich stehe auf dem Wallberg und blicke über diese Stadt. Wie schön sie daliegt, eingebettet in einen grünen Flor. Aber da ist auch die Stadt in der Stadt, die Wilferdinger Höhe. Wie eine Fata Morgana liegen sie da, die Einkaufstempel und Handelshäuser. Wo vor einer Generation noch Streuobstwiesen waren, pulsiert heute der Kommerz, zeigt die Stadt ein neues, anderes Gesicht.

Währenddessen hat uns die Globalisierung fest im Griff. Wie nah sind uns China und Indien gekommen. Die Welt ist klein geworden und die Probleme Afrikas beginnen schon vor unserer Haustür. Nun sind wir richtig in der Welt zu Hause – und sei es nur im WorldWideWeb.

Und jetzt? Vollbremsung! Zukunftsängste! Ernüchterung, Besinnung, Chance – alles in einem. Einmal mehr eine große Herausforderung. Funktioniert es noch, unser Geschäftsmodell „Made in Germany“? Wir sollten uns neu organisieren. Mit Mut und Besonnenheit und sozialem Konsens werden wir die Zukunft gewinnen, auch wenn wir derzeit arg gebeutelt werden.

Wie die Zeitungen. Mehrfach totgesagt, leben sie noch immer. In Pforzheim seit 220 Jahren schon. Aber das Internet kratzt am Geschäftsmodell. Was bleibt ist die Hoffnung, dass wir auch in sechzig Jahren noch mit Nachrichten handeln – auf Papier oder in der digitalen Welt.