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Anna Mormino (Zweite von rechts) betreut gemeinsam mitFSJ-Helferin Katharina Dieterle (links) die Kinder bei den Hausaufgaben. Der neue Kursraum bietet genügend Platz zum Lernen, auch für mehrere Kinder – immer auf Abstand.  Foto: Moritz 

Ohne Computer abgehängt: „Menschen in Not“ unterstützt ökumenisches Frauenhaus

Pforzheim. Auch das Ökumenische Frauenhaus ächzt unter der schwierigen Situation in diesem Jahr. Durch die Pandemie ist nichts mehr so, wie es einmal war. Tanja Göldner, Leiterin der Einrichtung, hat mit ihrem Team ein klares Hygienekonzept erarbeitet. „Für Notfälle ist eine Quarantänestation eingerichtet“, erklärt sie. „Dort müssen die Neuankömmlinge für 14 Tage bleiben.“ In diesen Fällen müssten die Mitarbeiter der Einrichtung die jeweilige Frau und etwaige Kinder dann komplett versorgen. „Wir waschen die Wäsche, gehen einkaufen, beraten und stellen alles andere Notwendige bereit.“ Das sei ein großer Mehraufwand für die Mitarbeiter. „Und die neue Freiheit für die Frauen ist durch die Quarantäne gleich wieder weg.“

Sonst könnten nur Frauen und Kinder im Ökumenischen Frauenhaus aufgenommen werden, die einen negativen Coronatest vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist.

Seit Juli lebt die 27 Jahre alte Raia (Name geändert) im Haus. Sie hat vier Kinder mitgebracht. Die Frau aus Syrien, die dort einst vor dem Bürgerkrieg Abitur gemacht hat, und mit ihrer Familie vor fünf Jahren nach Deutschland geflüchtet ist, kam über die Quarantäne-Regelung ins Haus. Die Kinder im Alter zwischen einem und zwölf Jahren fühlen sich wohl. Sie haben sich gut eingelebt. Und sie helfen ihrer Mama, wo immer es geht. „Raia verarbeitet im Team die körperliche und psychische Gewalt, der sie ausgesetzt war“, erklärt Tanja Göldner. Todesdrohungen, denen sie ausgesetzt war, müssten genauso verarbeitet werden, wie das Alleinsein.

Im neuen Kursraum in einem Gebäude in der Nähe des Ökumenischen Frauenhauses kann die Familie zurück zur Normalität finden. Während die Kinder von Mitarbeiterin Anna Mormino und FSJlerin Katharina Dieterle dort bei den Hausaufgaben unterstützt werden, lernt Raia für ihren B1-Deutschkurs. Sie möchte aktiv sein und sich einbringen. „Wir suchen händeringend eine Wohnung“, berichtet Göldner. Das sei nicht einfach. Denn Raia und ihre Kinder werden nicht in Pforzheim bleiben. „Das bedeutet für uns Anträge schreiben und Jugendämter in der neuen Heimat kontaktieren“, so die Leiterin der Einrichtung weiter. Raia möchte dort arbeiten – nicht mehr in ihrem erlernten Beruf als IT-Fachkraft, sondern als Altenpflegerin.

Derzeit teilen sich die fünf Kinder, die mit ihren Müttern im Frauenhaus leben, einen Laptop. Das Gerät ist allerdings, aufgrund der Einstellungen, nur im Hauptgebäude nutzbar. Das stellt das Team immer wieder vor Herausforderungen. „Je nach dem, in welchem Alter die Kinder sind, die bei uns wohnen, wird ein Notebook für die Schule vorausgesetzt“, weiß Göldner. Einige Schulen nutzten Microsoft Teams zur Kommunikation. In anderen Einrichtungen würde zusätzlich dazu mit der Plattform Untis gearbeitet. „Wir müssen uns auch einarbeiten“, sagt Mitarbeiterin Anna Mormino. „Trotzdem gibt es immer eine gemeinsame Lösung.“

Ob Raia noch im Frauenhaus wohnt, wenn die zehn Laptops von „Menschen in Not“ dort eintreffen werden, ist unklar. Sicher ist aber jetzt schon, dass alle Kinder und auch die Mütter, von den Notebooks profitieren werden. Allen sind schwere Schicksale gemein. Deshalb soll es künftig keinen Streit mehr um die neuen Medien geben, wenn Hausaufgaben gemacht oder die Frauen nach Wohnungen suchen müssen.

Susanne Knöller

Susanne Knöller

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