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© Seeger
80 Prozent der Alleinerziehenden sind in Pforzheim weiblich – so wie die Frau auf diesem Symbolbild. Foto: Kusch
80 Prozent der Alleinerziehenden sind in Pforzheim weiblich – so wie die Frau auf diesem Symbolbild. Foto: Kusch
25.11.2016

PZ-Hilfsprojekt „Menschen in Not“ hilft Menschen in Pforzheim und Region

Pforzheim. Wer mit seinen Kindern an der Armutsgrenze lebt, lebt in ständiger Sorge: Schon kleine unvorhergesehene Ausgaben reichen, damit das Leben aus den Fugen gerät und der Kühlschrank leer bleibt. Wenn es in Familien brennt, helfen die Berater von pro familia mit ihrer Expertise, aber auch mit Geld, das von der PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ zur Verfügung gestellt wird – zum Wohle der Kinder in Pforzheim und der Region.

Da ist die 22-Jährige, deren Ex-Freund plötzlich den Unterhalt für das gemeinsame Kind nicht mehr bezahlte. Da ist die 37-Jährige, deren Geld nicht reicht, um ihren Nachwuchs in der Kinderklinik Schömberg zu besuchen. Und da ist die 32-Jährige, die nach einem Wohnungsbrand und dem Aufenthalt im Frauenhaus nicht nur eine Wohnung, sondern auch Schuhe und Lebensmittel für ihr Kind benötigt.

Das sind nur drei von über 50 Menschen, die von pro familia beraten werden und denen die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ im dritten Quartal 2016 geholfen hat. Oft sind es alleinerziehende Frauen, vereinzelt aber auch Männer und Paare, die samt ihrer Kinder in Not geraten – und schnelle, unbürokratische Hilfe benötigen: etwa durch Lebensmittelgutscheine oder die Übernahme unerwarteter Rechnungen. Auch Andrea M. (Name geändert) – Pforzheimerin, Alleinerziehende, Mutter dreier Kinder – war schon über diese Unterstützung dankbar. „Dabei würde ich viel lieber auf das Geld verzichten“, betont sie im Gespräch mit der PZ immer wieder. „Schließlich habe ich immer geschafft, habe schon mit 14 in der Bäckerei geholfen und auch gespült“, sagt die 30-Jährige. An ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin wollte sie eine Lehre zur Kinderpflegerin dranhängen. Die Zusage eines Pforzheimer Krankenhauses hatte sie in der Tasche, auch den Führerschein wollte M. gerade machen – da wurde sie schwanger.

Schwanger – und jetzt?

Knapp zehn Jahre ist das her. Es war die Zeit, in der sie erstmals die Tür zur Beratungsstelle pro familia Pforzheim öffnete. „Einige hatten mit geraten, das Kind wegzumachen“, erinnert sie sich, blickt nach unten, dann ihrem Gesprächspartner wieder in die Augen. Doch nach dem dortigen Gespräch entschied sie sich für ihren Sohn – ein Schritt, den sie trotz aller folgender Probleme nicht bereut. Und davon gab es einige: eine Atemwegserkrankung des Jungen etwa, die ihr schlaflose Nächte und ungezählte Arztbesuche bescherte. Aber auch die Auseinandersetzungen mit dessen Vater: „Es ist hart, wenn man anruft, berichtet, dass das Kind keine Luft bekommt, und der Vater dann nur sagt: ‚Ich bin auf einer Party, ich kann nicht‘“, erinnert sie sich.

Während manche Eltern nur einmal die Schwangerschafts-, Partnerschafts- oder auch Sexualberatung von pro familia aufsuchen und danach auf eigenen Beinen stehen, brauchen andere eine intensivere Betreuung. So wie Andrea M.: „Manchmal läuft monatelang alles glatt, aber dann passiert wieder etwas Unvorhergesehenes – und schon habe ich den Salat“, sagt sie. Etwa im Spätsommer, als ihr Sohn den Schlüssel verloren hatte und sie mit den drei Kindern auf der Straße stand. Oder in diesen Tagen, da sie mit ihrer Tochter regelmäßig einen Spezialisten im Schwäbischen aufsuchen muss – und sich die Erstattung der Zugtickets durch die Krankenkassen zwei Wochen lang hinzieht. Erkennen die Sozialpädagogen von pro familia eine solche Notlage, springt „Menschen in Not“ ein: bezahlt den Schlüsseldienst, erstattet die Zugfahrt. Doch – auch die Erfahrung hat M. schon gemacht – es gibt auch Fälle, in denen sich die Bedürftigen nach den passenden Ratschlägen selbst helfen können und das dann auch sollen. „Wir fragen uns in jedem Einzelfall, ob es wirklich dringend ist und ob es wirklich keinen anderen Ausweg gibt“, erklärt Edith Münch, Geschäftsführerin von pro familia in Pforzheim, die am Freitag ihr 40-jähriges Bestehen feiert. „Wir wollen auch die Eigenverantwortung ansprechen.“ Gebe es einen anderen Weg, um eine schwierige Situation zu meistern, helfe man, diesen zu gehen.

Gefährdete Alleinerziehende

Fast 3000 Gespräche sind nach Münchs Angaben im Vorjahr in der Beratungsstelle an der Parkstraße und der Außenstelle Calmbach geführt worden – Tendenz steigend. „Wir beobachten, dass die Armutslagen in Pforzheim zunehmen“, sagt Münch. Zudem seien Geburtenrate und Zuzug weiterhin hoch. Die Stadt erwartet in den nächsten Jahren einen Bevölkerungszuwachs von etwa 900 Menschen pro Jahr. Und schon heute leben überdurchschnittlich viele Pforzheimer Kinder gemeinsam mit ihren Eltern in Armut.

Von den 1180 Alleinerziehenden waren im Vorjahr über 40 Prozent auf Hartz IV angewiesen. Und in den sozial schwachen Stadtteilen ist der Anteil Alleinerziehender besonders hoch: Steht in ganz Pforzheim in jedem vierten Haushalt mit Kindern ein Elternteil ohne Partner da, sind es in der Oststadt 30,2, in der Weststadt 32,6 und in der Au gar 36,1 Prozent. Aus dieser Armut, diesem Angewiesensein auf Unterstützung, möchte Andrea M. herauskommen. Ihre Beraterin bei pro familia attestiert der 30-Jährigen, sich stabilisiert zu haben. Und: „Sie kriegt das mit den Kindern ganz wunderbar hin, so die Familientherapeutin, die zum Schutz der Privatsphäre ihrer Klienten anonym bleiben soll. Wichtig sei, dass man Menschen wie M. nicht nur finanziell helfe. „Wir sind vielmehr auch eine Anlaufstelle, zu der man kann, um über Sorgen zu sprechen, zu klären, welche Anträge man wie ausfüllt, einen Plan aufzustellen, wie es weitergeht.“ Weiter soll es auch für M. gehen. Sie will dazu aus der Region wegziehen, näher an die Schwester des Mannes heran, der der Vater der beiden jüngeren Kinder ist.

„Mit ihr verstehe ich mich gut, sie könnte auch ab und zu auf die Kinder aufpassen, wenn sie nicht so weit wegwohnen würde“, sagt M. Einen Schul- und einen Kindergartenplatz habe sie im neuen Wunsch-Wohnort bereits. Die Alleinerziehende ist zuversichtlich, dort auch die Jüngste in der Krippe unterzubringen. „Und dann möchte ich endlich wieder arbeiten gehen“, sagt sie. „Ganz egal was – Hauptsache, ich kann uns wieder selbst versorgen.“

Am Samstag (26.11.2016) sammeln PZ-Mitarbeiter und lokale Promis von 14 bis 16 Uhr in der Pforzheimer Fußgängerzone Spenden für die Hilfsaktion.