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Konsequenz als ein Instrument zur Integration fordert die Soziologin MiriamGeoghegan.
Konsequenz als ein Instrument zur Integration fordert die Soziologin MiriamGeoghegan.
04.05.2012

PZ-Interview mit der Soziologin Miriam Geoghegan über die Rolle der Yezidinnen und die Freizügigkeit der irakischen Männer

Die sexuellen Übergriffe junger Yeziden im Schwimmbad sorgten für Schlagzeilen. Junge Yezidinnen hingegen tauchen im öffentlichen Leben kaum auf und werden von der Geburt an auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau vorbereitet. Das Leben in einer modernen freizügigen Gesellschaft stürzt sie in Konflikte, die sie schlimmstenfalls mit dem Tod bezahlen.

PZ: Junge männliche Yeziden belästigen  – wie kürzlich berichtet – im Schwimmbad Mädchen, während ihre eigenen Schwestern oder Frauen oft nicht mal alleine auf die Straße gehen dürfen. In welchem Dilemma befinden sich irakische Yezidinnen, die nach Pforzheim kommen?

Geoghegan: An der deutschen Schule lernen sie, dass sie auch als Mädchen einen Wert haben. Dass sie gleichberechtigt sind und ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Sie sehen, dass ihre Mitschülerinnen meist viel freier leben als sie. Sie sehen junge Frauen frei auf den Straßen spazieren und selbstbestimmt ins Schwimm- bad gehen oder ins Kino. Sie wiederum sind ab der Pubertät von ständiger Kontrolle umgeben, damit sie „sauber“ bleiben bis zur Ehe und sich bloß nicht in einen Nichtyeziden – oder in den falschen Yeziden – verlieben. Erst durch die Erfahrung der Freiheit der anderen wird ihnen ihre eigene Unfreiheit bewusst und dadurch zum Problem. Das kann zu seelischen Krankheiten und sogar zu Selbstmordgedanken führen.

PZ: Wie müssen die sexuellen Aktivitäten der jungen Männer auf Frauen wirken, die für ähnliche Handlungen im Irak umgebracht würden?

Geoghegan: Die meisten jungen Frauen haben zwar die Tatsache akzeptiert, dass in der yezidisch-kurdischen Kultur mit zweierlei Maß gemessen wird. Über die jungen yezidischen Männer, die mit Nichtyezidinnen „ein bisschen Spaß haben“, wie die es nennen, wird in „der Gesellschaft“ nicht gelästert. Wie mir ein yezidischer Interviewpartner erklärte: „Mann darf, weil er ist Mann.“ Trotzdem regen sich immer mehr junge Yezidinnen hier in Deutschland darüber auf, dass sie als „Schlampe“ und „eine Schande für die Familie“ beschimpft werden, wenn sie mit einem nichtyezidischen Jungen bloß gesehen werden, während die Jungs sich ungestraft mit Andersgläubigen sexuell vergnügen dürfen. Eine junge Yezidin brachte ihre Frustration wie folgt zum Ausdruck: „Wenn wir Andersgläubige lieben, dann sind wir eine Schande. Aber wenn die Jungs mit Andersgläubigen Sex haben, dann sind sie wahre Männer! Es gibt aber auch junge Frauen, die die Jungs in Schutz nehmen, und den andersgläubigen Schlampen die Schuld geben, die ihre Brüder verführen.“

PZ: Den Familienclan zu stärken, etwa durch eine arrangierte Ehe, ist wichtiger als das Glück und die Unversehrtheit des Einzelnen. Wie erklärt sich diese archaische Haltung?

Geoghegan: Das Individuum ist eine Erfindung der Moderne. In traditionellen Gesellschaften hat das Wohl und die Ehre des Familienkollektivs absoluten Vorrang vor dem Wohl, der Würde und der Unversehrtheit des Einzelnen. Yezidische Kinder werden von klein auf zu lebenslanger Dankbarkeit und Gehorsam gegenüber den Eltern – vor allem dem Vater – erzogen. Und dazu, die eigenen Wünsche den Wünschen der Familie unterzuordnen. Die höchste Pflicht ist, zu heiraten – und zwar yezidisch. Bei den Mädchen kommen noch die Pflicht der Jungfräulichkeit bis zur Ehe hinzu und die anhaltende Sittsamkeit danach. Wer gegen diese Pflichten verstößt, gefährdet die Ehre und somit den Bestand der Familie und wird mindestens mit dem sozialen Tod bestraft.

PZ: Yezidinnen verschwinden aus Pforzheimer Schulen, weil sie mitunter schon mit 14 Jahren verheiratet werden und innerhalb eines Jahres schwanger werden sollen. Welche Hilfestellungen brauchen die Betroffenen aus Sicht der Soziologin, um sich dem Grundgesetz gemäß in ihrer Persönlichkeit entfalten zu können?  

Geoghegan: Die für uns selbstverständliche „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ ist bei traditionellen Yeziden nicht vorgesehen. Und die meisten irakisch-yezidischen Eltern sind traditionell eingestellt. Was man angesichts der wachsenden irakisch-yezidischen Kolonie in Pforzheim dringend wieder bräuchte, ist ein Mädchentreff, wie Lilith früher einen angeboten hat. Die Lilith-Mitarbeiterinnen sind speziell darin geschult, Mädchen zu helfen, ihr Recht auf ein – auch sexuell – selbstbestimmtes Leben zu erkennen und einzufordern. Allerdings: Ohne eine entsprechende Arbeit mit den männlichen Jugendlichen, die darauf abzielt – und es auch schafft –, sie von ihren patriarchalischen Vorstellungen und ihrem archaischen Ehrbegriff abzubringen, werden die meisten yezidischen Mädchen nie ohne Gefahr ihren eigenen Weg gehen können. Eine solche Jungenarbeit wäre auch im Interesse der Sicherheit der nicht-yezidischen Mädchen und Frauen.

PZ: Ehen mit Minderjährigen sind ja bei uns nicht rechtskräftig. Auf welcher Basis laufen diese Eheschließungen?

Geoghegan: Die Mädchen werden religiös verheiratet. Das hat aus yezidischer Sicht Rechtskraft genug. Vierzehn ist das übliche Heiratsalter füryezidische Mädchen im Irak. Ich habe den Eindruck, dass nach anfänglicher Zurückhaltung die Yeziden hier in Pforzheim langsam dazu übergehen, die Mädchen nicht erst mit 16, sondern bereits mit 14 oder 15 zu verheiraten. Zwei Verdachtsfälle sind mir bekannt. Es spricht einiges dafür, dass die Eltern der betroffenen Mädchen das Sorgerecht auf den Onkel übertragen haben zur Tarnung der Heirat des Kindes mit einem Cousin. Wenn vom Jugendamt kein Gegenwind kommt, wird das möglicherweise Schule machen.

PZ: Pforzheimer Sozialarbeiter bemühen sich um die Mädchen. Das ist eine schwierige Arbeit, weil sie vom Wohlwollen der jeweiligen männlichen Familienmitglieder abhängt. Wie stehen etwa die Chancen, dass die Mädchen  jemals dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?

Geoghegan: Eher schlecht und wenn, dann nur für kurze Zeit. Auch angesichts des frühen Heiratsalters und der Erwartung, bald nach der Ehe schwanger zu werden und möglichst viele Söhne zu bekommen. Und natürlich auch weil Frauen, die arbeiten, meist nicht unter der Kontrolle eines männlichen Familienmitglieds stehen und somit die Ehre der Familie gefährden. Natürlich gibt es ein paar yezidische Mädchen in Pforzheim, die mit Erfolg die Realschule oder das Gymnasium besuchen. Wenn sie das Glück haben, dass ihren Eltern das Geläster der „Gesellschaft“ egal ist, kann es sein, dass sie vor der Ehe einen Beruf erlernen oder studieren dürfen. Und wenn sie das Glück haben, einen ebenso souveränen Ehemann zu finden, dürften die sogar nach der Ehe arbeiten. Aber Eltern – und Junggesellen – mit so viel Souveränität sind eher selten unter den Yeziden in Pforzheim zu finden.

PZ: Sie haben viele Interviews mit Pforzheimer Yeziden geführt. Was droht einer Frau, wenn sie einen Nicht-Yeziden liebt?

Geoghegan: Bestenfalls der Ausschluss aus der Familie und der Gemeinschaft, sprich der soziale Tod. Wie einYezide mir sagte: „Sie muss abhauen und darf nie wieder kommen.“ Schlimmstenfalls droht ihr auch der physische Tod, wie im Falle der 18-jährigen Arzu Özmen aus Detmold, die im November letzten Jahres von ihren Geschwistern gemeinschaftlich entführt und getötet wurde, weil sie einen deutschen Freund hatte. Der Prozess hat gerade begonnen.

PZ: Wie kann die Integration der Frauen trotzdem gelingen  – ohne Gefahr für Leib und Leben?

Geoghegan: Wenn die Yeziden den „harten Kopf“ des traditionellen Denkens überwinden würden; wenn das absolute Gebot, innerhalb der Gemeinschaft zu heiraten, aufgehoben würde; wenn das yezidische Brautgeld, das das Oberlandesgericht Hamm in einem Urteil vom 13. Januar 2011 für grundgesetz- und sittenwidrig erklärt hat, weil es die Frau zu einer Ware degradiert, abgeschafft würde, könnte die vollständige Integration der Frauen ohne Gefahr für Leib und Leben gelingen. Mit alldem ist in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten jedoch nicht zu rechnen.

PZ: Was sollte ein künftiges Integrationskonzept berücksichtigen?

Geoghegan: Die ungeheure Eigenmacht der yezidischen Gesellschaft sowie die Tatsache, dass die irakischen Yeziden nicht freiwillig auf ihre Traditionen verzichten werden. Sie haben sich jahrhundertelang gegen die Islamisierung gewehrt. Die dafür entwickelten Strategien setzen sie hier ein, um sich gegen die soziale und wertmäßige Integration zu wehren. Mit der Folge, dass auch die Bildungs- und Berufsintegration erheblich erschwert und die Integration im Sozialsystem gefestigt werden. Ein erfolgreiches Integrationskonzept setzt eine entschlossene, souveräne und konsequente Haltung seitens der Aufnahmegesellschaft voraus.

PZ: Woran machen Sie das fest?

Geoghegan: Ich habe mir einen Satz aus dem besagten Urteil des Oberlandesgericht Hamm eingeprägt, weil er sich für mich als Leitsatz für den Umgang mit den Yeziden eignet – sowie mit allen anderen Migrantengruppen, die auf ihr Recht pochen, an integrationshinderlichen Traditionen festzuhalten. Er lautet: „Das Grundgesetz enthält zwar das Gebot der Toleranz und der Offenheit für andere Kulturkreise und darf somit nicht dazu führen, dass fremde, andersartige Gebräuche leichthin eingeschränkt werden. Dies gilt jedoch nur, solange diese Bräuche nicht im eklatanten Widerspruch zu der allgemeinen Werteordnung stehen.“ Die Werte, um die es da geht, sind die Menschenwürde, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die Freiheit der Eheschließung.

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