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13.08.2009

PZ-Sommeraktion: Hoheit macht Mittelalter lebendig

PFORZHEIM. Nicht nur weil sie in ihrer Ehe mit Markgraf Christoph I. von Baden 15 Kinder zur Welt gebracht hat, ist dessen Frau Ottilie eine bemerkenswerte Person. Sie ist auch eine gute Berichterstatterin ihrer Zeit.

Der Obermeister der Löblichen Singergesellschaft von 1501 Pforzheim, Frank Hirschfeld, hatte die Idee: „In Pforzheim gibt es mal abgesehen von Johannes Reuchlin und Philipp Melanchthon, der hier auf die Lateinschule gegangen ist, so wenig Greifbares aus der Historie. Wir sollten unsere wenigen wichtigen Kulturdenk-mäler mit historischen Figuren mit Leben erfüllen“, bemerkte er vor längerem im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Regina M. Fischer. Gesagt, und bald getan. Denn mittlerweile wurde Markgräfin Ottilie von Katzenelnbogen (1453–1517), die Ehefrau von Markgraf Christoph I. von Baden (1453–1527), zum Leben erweckt. Gestern entführte sie die Teilnehmer der PZ-Sommeraktion „Schau mal, wo du lebst!“ mit ihrer „Hofdame“ (Regina Fischer) in das Pforzheim um 1500.

Die Schloßkirche, seit 1190 im Bau, war mit dem Stiftschor im Jahr 1470 fertiggestellt worden. Pforzheim hatte 800 Einwohner. Tausende von Gästen aus ganz Europa beherbergte die Stadt 1447 bei der prunkvollen Vermählung des jungen Markgrafen Karl, Ottilies Schwiegervater, mit der österreichischen Prinzessin Katharina, der Schwester des Königs und späteren Kaisers Friedrich III., als drei Tage lang gefeiert wurde.

Mit 15 Jahren verheiratet

Sechs Jahre danach erblickte Ottilie im Odenwald das Licht der Welt. Wann ist nicht bekannt, dafür jedoch, dass sie am 22. März 1453 auf der Starkenburg bei Heppenheim getauft wurde. Mit 15 heiratete sie den gleichaltrigen, späteren Markgrafen Christoph, der von 1475 bis 1515 das Land regierte.

Ilse Peik-Versinger, eine ehemalige Lehrerin, hat sich die Rolle der Ottilie selbst auf den Leib geschrieben. Standesgemäß erzogen sei diese, das heißt streng und mit tiefer religiöser Unterweisung, natürlich auch im Sticken und im Führen eines Haushalts, sei ihr dann als junges Mädchen ein „schicker junger Mann“ vorgestellt worden, mit dem sie am 19. Dezember 1468 in der Schloßkirche vor den Altar trat. Beim Chorgesang sei ihr damals ein Junge durch seinen fröhlichen Gesang besonders aufgefallen – Johannes Reuchlin (1455–1522), der als 15-Jähriger zum Jura-Studium seine Geburtsstadt verließ und als Humanist zu Pforzheims größtem Sohn werden sollte.

Von der einst eindrucksvollen Schloßanlage ist heute nicht viel geblieben: die Kirche, ein Stück Stadtmauer (damals zehn Meter hoch, mit einem fünf Meter tiefen Graben), der Leitgastturm, der nach Ottilie entstandene Archivbau und die Einnehmerei. Doch zum Glück ist ja die Schloß- und Stiftskirche St. Michael nach der Zerstörung beim Luftangriff am Pforzheim am 23. Februar 1945 wieder aufgebaut worden, was Ottilie ein „freut Euch daran und genießt das in Stein gehauene Lob Gottes“ entlockte.

Viel für den Geist getan

Viele Freiheiten habe ihr Mann den Bürgern gegeben, bemerkte die Markgräfin. Für die Städte hatte er die Leibeigenschaft aufgehoben. In Pforzheim hätten Gerber, Tuchmacher, Müller und Flößer davon profitiert. Und Christoph habe auch viel für den Geist getan. Thomas Anshelm eröffnete im Jahr 1496 eine Buchdruckerei in Pforzheim und machte sich nicht nur dadurch einen Namen , dass er die Schriften von Johannes Reuchlin publizierte. Der Organist Leonhard Kleber sorgte auf dem Musiksektor dafür, dass Pforzheim auf diesem Gebiet eine bedeutende Rolle in jener Zeit spielte. Mit 22 Jahren hatte Christoph I. 1475 die Markgrafschaft von seinem Vater Karl I. übernommen, der an der Pest gestorben war. Als im Jahr 1501 der „Schwarze Tod“ in Pforzheim wütete, waren es beherzte Bürger, die den Verstorbenen ein würdiges Begräbnis ermöglichten und sie mit Chorgesängen bestatteten – die Löblichen Singer.

Oft in Kriege verwickelt

Obwohl ihr Ehemann durch die Verbindung mit Habsburg oft in Kriege verwickelt worden war, habe er eine gute Ehe geführt, betonte die Mutter der gemeinsamen 15 Kinder, die zwischen 1470 und 1493 zur Welt kamen: zehn Söhne und fünf Töchter. Die älteste wurde Äbtissin am Pforzheimer Kloster der Dominikanerinnen, die zweitälteste im Kloster Lichtenthal bei Baden-Baden. Die übrigen drei wurden gut verheiratet . Domherren waren meist die Jungen, einer wurde Erzbischof von Trier, Bernhard wie nach dessen Tod auch Ernst waren regierende Markgrafen.
Stolz berichtete Markgräfin Ottilie, dass alle Kinder nicht nur in Lesen und Schreiben sondern meist auch in der lateinischen Sprache unterrichtet wurden. Die Mädchen selbstverständlich im Sticken und wie im Führen eines Haushalts. Einige seien zudem noch an anderen Höfen gewesen. Und scherzhaft merkte sie an: „Mit 15 Kindern, die ich meinem Mann geschenkt habe, haben wir zum Erhalt Badens beigetragen.“

Während Ottilie wie Christoph noch in Baden-Baden ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, wurde die Schloßkirche unter Markgraf Ernst, der die Residenz 1535 nach Pforzheim verlegt hatte, zur Ruhestätte der katholischen Linie des Hauses Baden (bis 1860). Für solch Wissenwertes war die „Hofdame“ zuständig, die die Teilnehmer der PZ-Sommeraktion auch durch das Museum Johannes Reuchlin, den Archivbau und die Schloßkirche führte.