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Vorbildliche Schusstechnik: Abdul Quadeer und Chefarzt Bernd Maier. Foto: Ketterl
Vorbildliche Schusstechnik: Abdul Quadeer und Chefarzt Bernd Maier. Foto: Ketterl
16.07.2015

Pforzheimer Ärzte retten afghanischen Jungen

Die kleine Personengruppe überquert die Jahnstraße in Höhe des Reuchlinhauses und nähert sich dem vereinbarten Treffpunkt. „Abdul will mit Doktor Maier auf dem Rasen ein bisschen Fußball spielen“, hat Silke Bentner, Pressesprecherin des Helios-Klinikums, tags zuvor vorgeschlagen. Abdul, der Kleinste und Jüngste der Personengruppe, ist fünf Jahre alt. So zumindest steht es in seinen Papieren. Als er im März nach Deutschland kam, konnte er kaum noch laufen – so schwer waren die Infektionsschäden nach einem Verkehrsunfall, den er sich in seiner Heimat, ganz im Norden Afghanistans an der Grenze zu Indien, zugezogen hatte, so stark die Schmerzen. Und an diesem Tag? Da stapft ein fröhlicher Bub schmerzfrei über die Rasenfläche vor dem Lehmbruck-Kubus, treibt einen blauen Lederfußball vor sich her. Wie das?

Wunder können sie zwar keine vollbringen, die Ärzte, die von dem humanitären Verein Friedenshilfe (siehe Kasten) angefragt werden, ob sie ihre hohe Kunst in den Dienst der Humanität stellen wollen. Aber manchmal ist es verdammt nah dran. Menschen wie der Privatdozent Bernd Maier und seine Kollegen beispielsweise tun es. Abdul ist sein mittlerweile siebter kleiner Patient, den er behandelt – was sich das Helios Klinikum (und der Vorgänger Rhön) eine höhere fünfstellige Summe kosten lässt. Ein Patient pro Jahr – so lautet die Faustregel. Und dann arbeiten sie zusammen, die Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderchirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie. Fünf Operationen waren nötig, damit es Abdul ständig besser gehen konnte.

Heute wird Abdul Quadeer Pforzheim wohl für immer verlassen. Zunächst wird er – wie alle anderen rund 200 Kinder aus der so genannten „Dritten Welt“, die in einem der deutschen Hospitäler operiert wurden – nach Dinslaken zurückkehren, dem Sitz von Friedensdorf International. Im September werden sie in ihre Heimatländer geflogen. Langsam werden sie die Sprache vergessen, die sie in der kurzen Zeit in Deutschland in den Klinik-Schulen gelernt haben.

„Abdul ist ein schlaues Kerlchen“, sagt Maier, während der Fünfjährige allein den Ball vor dem Reuchlinhaus vor sich her treibt, „er hat eine tolle Auffassungsgabe.“ Und liebevolle Menschen, denen er – wie die Kinder vor ihm – ans Herz gewachsen ist. Wie etwa Elke Schmidt, eine der ehrenamtlich am Klinikum tätigen „Grünen Damen“, die Abdul nach seiner Schule stets abgeholt und kleine Ausflüge in die Stadt unternommen hat. Besonders ihr dürfte es heute eng ums Herz werden.

„Das ist der Gang der Dinge“, sagt Bernd Maier, selbst Vater dreier Kinder. „Was wir tun, ist ein Mosaikstein, um das Leben eines Menschen positiv zu beeinflussen“ – um dann loslassen zu müssen. Wenn Maier aufgrund seiner nachweisbaren Erfolge von Friedensdorf International Jahr für Jahr angefragt wird, empfindet er dies – auch im Namen seiner Kollegen – als Bestätigung. „Und wenn ich den kleinen Bub dann schmerzfrei herumtollen sehe, ist das die größte Belohnung für mich“, sagt der Chefarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Mitnehmen nach Afghanistan, wo der Großvater, die Eltern – der Vater arbeitet bei einem Rettungsdienst, die Mutter ist Hausfrau – und die kleine Schwester auf ihn warten, wird Abdul nur wenig. Das ist bei Friedensdorf Prinzip. Nicht ohne Grund: Man will keinen Sozialneid in der Heimat der Kinder schüren. Doch etwas wird Elke Schmidt ihm mitgeben: ein selbstgemachtes Album mit Fotos als Erinnerung an „sein“ Pforzheim und seine „Ersatzfamilie“.